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Affektive Arbeit in der Arbeitsvermittlung

Affective Labor of Employment Agents

Birgit Sauer (ORCID: 0000-0003-4857-7696)
  • Grant-DOI 10.55776/P25293
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2013
  • Projektende 30.09.2017
  • Bewilligungssumme 342.657 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Politikwissenschaften (60%); Soziologie (40%)

Keywords

    Enabling State, Affective Labor, Entrepreneurialism, Public Employment Services, Gender, Emotions

Abstract Endbericht

Die Studie beschäftigt sich mit Prozessen der Staatstransformation and analysiert den Wandel dreier europäischer Wohlfahrtsstaaten in Richtung aktivierender Staaten. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, d.h. eine Neuausrichtung der Sozialpolitik seit Mitte der 1990er-Jahre, die sich in institutionellen Veränderungen und in neuen Formen der politischen Regulation zeigt. In diesem Prozess werden Teile der staatlichen Bürokratie in öffentliche Dienstleistungsunternehmen umgewandelt mit dem Ziel, die Effizienz und BürgerInnennähe der öffentlichen Verwaltung zu verbessern. Neue Managementmodelle, die ein marktähnliches Agieren öffentlicher DienstleisterInnen bewirken sollen, zielen auf die Herstellung einer neuartigen Wettbewerbsorientierung ab. Gleichzeitig firmieren die Arbeitslosen nunmehr als "Kunden" der öffentlichen Dienstleistungen, die auf deren Aktivierung zur möglichst raschen (Re-)Integration in den primären Arbeitsmarkt abstellen. In diesem Kontext nehmen affektive Fähigkeiten und Kompetenzen eine zentrale Rolle ein, geht es doch vorrangig um die moralische Unterstützung, Motivation und Kundenorientierung (bei aller Sanktionsgewalt) in der Interaktion zwischen den öffentlich Beschäftigten und ihren Klienten. Das Projekt hat das Ziel, diese Transformationen von Staaten durch einen für das Forschungsfeld neuartigen Fokus auf die affektive Arbeit der ArbeitsvermittlerInnen zu analysieren. Der Wandel des bürokratischen Feldes soll mithilfe eines praxeologischen Ansatzes rekonstruieren werden, der die Beziehungen zwischen Staat und BürgerInnen auf der Mikroebene der öffentlichen Arbeitsvermittlungseinrichtungen ins Auge fasst: durch die Analyse der Interaktion zwischen ArbeitsvermittlerInnen und Arbeitslosen. Das Hauptaugenmerk gilt der affektiven Arbeit der öffentlich Beschäftigten, die einerseits selbst der aktivierenden politischen Regulierung unterliegen, aber andererseits als Teil des Staatsapparates diese Politik auch mitkonstituieren und vorantreiben. Wir gehen dabei von der These aus, dass sich das affektive Arbeitsregime in den Organisationen der Arbeitsvermittlung seit Mitte der 1990er-Jahre aufgrund der skizzierten institutionellen und regulatorischen Veränderungen erheblich in Richtung Kommodifizierung der Affekte und unternehmerische Selbststeuerung der ArbeitsvermittlerInnen verschoben hat. Dies wird mit einem innovativen Methodenmix aus Dokumentananalyse, biographischen Interviews und ethnographischer, videobasierter Beobachtung überprüft. Auf allen Ebenen der Untersuchung wird der Vergleich nationalstaatlicher affektiver Arbeitsregime und deren Entwicklungen darüber Auskunft geben, ob wir auf eine Konvergenz im Transformationsprozess von Staaten mit teils ähnlicher, teils unterschiedlicher Wohlfahrtstradition schließen können als Ausdruck transnationaler (EU- Grenzen überwindender) ökonomischer und politischer Prozesse, die in der Regel als "neoliberal" bezeichnet werden.

Die einst nach dem Weberschen Bürokratiemodell funktionierende öffentliche Verwaltung wurde seit den 1990er-Jahren nach dem Vorbild wettbewerbsorientierter Dienstleistungsbetriebe umgebaut. Obrigkeitsstaatlichkeit, BürgerInnenferne und vorgebliche Ineffizienz wurden zum Gegenstand öffentlicher Kritik, und im Zuge von New Public Management wurden KundInnenfreundlichkeit und eine gesteigerte Kosteneffizienz von der staatlichen Verwaltung eingefordert. An diesen staatlichen Transformationsprozessen ansetzend, fokussierte das Forschungsprojekt auf die veränderten Anforderungen an das berufliche und zugleich staatliche Handeln von Beschäftigten der öffentlichen Arbeitsvermittlung in drei deutschsprachigen Städten: Wien, München und Bern. Im Spannungsfeld zwischen steigender Erwerbslosigkeit und dem Umbau von Wohlfahrtsstaaten in Richtung Aktivierungsstaat ist die Arbeit der ArbeitsvermittlerInnen im direkten KundInnenkontakt zunehmend von Affekten und Gefühlen geprägt. An diesem zentralen Moment interaktiver Dienstleistungsarbeit setzte unser Forschungsprojekt an. Da die Wirkweise staatlichen Dienstleistungshandelns zunehmend von der Regulierung der Affekte bestimmt wird, waren wir am Gefühlsmanagement der staatlichen AkteurInnen interessiert, das in den Beratungssituationen mit KundInnen gefordert ist. Die forschungsleitende Annahme des Projekts war, dass sich das affektive Arbeitsregime in den Organisationen der Arbeitsvermittlung in Richtung Vermarktlichung von Affekten, also ihres Einsatzes im Sinne der Effizienzsteigerung und in Richtung unternehmerischer Selbststeuerung der ArbeitsvermittlerInnen entwickelte. In drei Aktivierungsregimen (Wien, München, Bern) konnten lokalen Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten der affektiven Transformation von Staatlichkeit in der staatlichen Bearbeitung von Arbeitslosigkeit herausgearbeitet werden. Übereinstimmung herrscht darin, das Arbeitshandeln der ArbeitsvermittlerInnen an marktwirtschaftlichen Leistungs- und Zielvorgaben auszurichten und die Arbeitsuchenden zu motivieren, sich auf aktive Weise aus ihrer Lage zu befreien. Wir konnten im Hinblick auf die Erwartungshaltungen gegenüber Arbeitssuchenden insgesamt eine weitgehende Internalisierung unternehmerischer Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster durch staatliche AkteurInnen der Arbeitsvermittlung feststellen. Mit der Untersuchung der affektiven Qualität öffentlicher Arbeitsvermittlungstätigkeit leistet das Forschungsprojekt einen zentralen Beitrag zur Erforschung (semi-)öffentlicher Dienstleistungen im Spannungsfeld zwischen affektiver Subjektivierung im Erwerbsarbeitsleben und makropolitischen Veränderungsprozessen in Richtung aktivierender Sozialstaaten bzw. (neoliberaler) affektiver Gouvernementalität.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 78%
  • Wirtschaftsuniversität Wien - 22%
Nationale Projektbeteiligte
  • Johanna Hofbauer, Wirtschaftsuniversität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Universität Siegen - Deutschland

Research Output

  • 126 Zitationen
  • 19 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Governing Affects, Neoliberalism, Neo-Bureaucracies, and Service Work
    DOI 10.4324/9781351212434
    Typ Book
    Autor Penz O
    Verlag Taylor & Francis
  • 2023
    Titel Masculinity of the modern Western state and of state institutions
    DOI 10.4324/9781003193579-21
    Typ Book Chapter
    Autor Sauer B
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 249-261
  • 2023
    Titel Narrating Paradox Affects: Unaccompanied Minor Asylum-Seekers in Austria
    DOI 10.21827/ejlw.12.41230
    Typ Journal Article
    Autor Dursun A
    Journal European Journal of Life Writing
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Women, gender and right-wing authoritarian populism
    DOI 10.4337/9781035324705.00022
    Typ Book Chapter
    Autor Sauer B
    Verlag Edward Elgar Publishing
    Seiten 288-307
  • 2017
    Titel Post-bureaucratic encounters: Affective labour in public employment services
    DOI 10.1177/0261018316681286
    Typ Journal Article
    Autor Penz O
    Journal Critical Social Policy
    Seiten 540-561
  • 2017
    Titel Affektive Gouvernementalität: Beratung von Arbeitsuchenden im Ländervergleich
    DOI 10.5771/9783845282732-184
    Typ Book Chapter
    Autor Penz O
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 185-210
  • 2017
    Titel Affective governmentality: A feminist perspective.
    Typ Book Chapter
    Autor Hudson
  • 2022
    Titel Contested integration: hegemony projects in the field of education in Austria
    DOI 10.1080/19460171.2022.2149582
    Typ Journal Article
    Autor Dursun A
    Journal Critical Policy Studies
    Seiten 464-483
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Challenging cultures of rejection
    DOI 10.1080/0031322x.2023.2226947
    Typ Journal Article
    Autor Bojanic S
    Journal Patterns of Prejudice
    Seiten 315-335
    Link Publikation
  • 2023
    Titel The in_visibilization of emotions in politics. Ambivalences of an ‘affective democracy’
    DOI 10.1080/09589236.2023.2227116
    Typ Journal Article
    Autor Sauer B
    Journal Journal of Gender Studies
    Seiten 819-831
  • 2020
    Titel Gender Equality in Politics, Implementing Party Quotas in Germany and Austria
    DOI 10.1007/978-3-030-34895-3
    Typ Book
    Autor Ahrens P
    Verlag Springer Nature
  • 2019
    Titel Inclusive Political Intersections of Migration, Race, Gender and Sexuality – The Cases of Austria and Denmark
    DOI 10.1080/08038740.2019.1681510
    Typ Journal Article
    Autor Sauer B
    Journal NORA - Nordic Journal of Feminist and Gender Research
    Seiten 56-69
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Neoliberal technologies of social protection: affects and policy implementation
    DOI 10.1080/19460171.2019.1645030
    Typ Journal Article
    Autor Penz O
    Journal Critical Policy Studies
    Seiten 339-357
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Affektive Subjektivierung: Arbeit und Geschlecht
    DOI 10.3224/fzg.v20i2.17136
    Typ Journal Article
    Autor Sauer B
    Journal Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien
    Seiten 79-94
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Thematic issue "Kommodifizierung von Gefühlen und Gefühlsarbeit", Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS).
    Typ Other
    Autor Penz O
  • 2013
    Titel Editorial
    DOI 10.1007/s11614-013-0079-1
    Typ Journal Article
    Autor Penz O
    Journal Österreichische Zeitschrift für Soziologie
    Seiten 125-129
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Affektive Interaktionsarbeit in der öffentlichen Arbeitsvermittlung in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
    Typ Journal Article
    Autor Penz O
    Journal AIS Studien
  • 0
    Titel Thematic issue "Kommodifizierung von Gefühlen und Gefühlsarbeit", Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS).
    Typ Other
    Autor Penz O
  • 2023
    Titel Borderless fear?
    DOI 10.1075/jlp.22026.thi
    Typ Journal Article
    Autor Thiele D
    Journal Journal of Language and Politics
    Seiten 176-196
    Link Publikation

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