Die französische Privatkorrespondenz des Fürsterzbischofs Hieronymus Graf Colloredo
The Private Correspondence (in French) of Prince Archbishop Hieronymus Graf Colloredo
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (80%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Ego-Documents,
Politics,
Letters,
Enlightenment,
French Revolutionary Wars,
Prince Archbishop of Salzburg
Salzburg entwickelte sich während der Regierungszeit seines letzten Fürsterzbischofs, Hieronymus Graf Colloredo (1732-1812; reg. 1772-1812), zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der katholischen Spätaufklärung. Auch wenn viele seiner gegen den Barockkatholizismus gerichteten Reformen auf Grund des starken Widerstands der Bevölkerung scheiterten, galt der Regent dennoch als ein europaweit Aufsehen erregender, aufgeklärter Fürst. Weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt war er für seine weitgehende Pressefreiheit bzw. Zensurfreiheit und die fortschrittlichen Schul-, Gesundheits- und Wirtschaftsreformen. Mit dem Beginn der Koalitionskriege musste sich Colloredo einerseits mit der latenten Gefahr der Besetzung seines Landes durch die französische Revolutionsarmee, andererseits mit der immer drohender werdenden Säkularisierung der geistlichen Staaten auseinandersetzten. Dank seines unermüdlichen Einsatzes konnte Salzburg zumindest als Erzdiözese weiterhin bestehen bleiben. Im Mittelpunkt des beantragten Projektes steht die private Korrespondenz von Hieronymus Graf Colloredo mit seinem Bruder in Wien, dem Reichsvizekanzler Gundakar Fürst Colloredo. 601 in französischer Sprache abgefasste Briefe (von 1772-1776, 1783-1784 und 1789-1801) sind im Staatsarchiv Zmrsk in der Tschechischen Republik überliefert. Da beide, der Salzburger Fürsterzbischof wie auch der Reichsvizekanzler, bedeutende und einflussreiche Politiker waren, widmeten sie einen Großteil ihres Schriftverkehrs dem Austausch aktueller Informationen sowie der Analyse der neuesten Entwicklungen in Salzburg, der Habsburgermonarchie, Bayern, Frankreich u. a. m. Die detaillierte Analyse und Interpretation dieser historischen Quelle ist geeignet, neue Perspektiven in der Forschung aufzutun. Zusätzlich zu den offiziellen Dokumenten dieser Zeit ermöglicht die Fülle dieser Ego-Dokumente des Fürsterzbischofs wesentliche und bisher unbekannte Einblicke in Colloredos Selbstverständnis als Herrscher und "(inter)nationaler" Politiker. Auch geben sie Auskunft darüber, wie er diese Zeit des radikalen Umbruchs selbst miterlebt und reflektiert hat. Neben Informationen zu seinem Arbeitsalltag und Gesellschaftsleben gewährt die Analyse dieser Briefe auch einen Blick auf verschiedene Faktoren, die für politische Entscheidungen wesentlich waren. Ferner wurden auch mögliche Alternativen diskutiert. Die Tatsache, dass Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo in den Schreiben an seinen Bruder ausführlich über Informationen und Informanten berichtet, ermöglicht darüber hinaus Einblicke in das europaweite Netzwerk eines bedeutenden geistlichen Regenten. Die Auswahl aus dem für die Vorbereitung dieses Antrags kursorisch gelesenen Colloredo- Schriftverkehrs zeigt deutlich, dass der Regent viel mehr über die aktuellen politischen Entwicklungen und geheim gehaltenen internationalen Entscheidungen wusste, als bisher von den Historikern/-innen angenommen wurde. Die Auswertung der Privatkorrespondenz lässt eine Vielzahl an neuen und interessanten Ergebnissen insbesondere in Bezug auf die soziale Netzwerkforschung erwarten.
Der letzte Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo (17321812, Regierungszeit 17721803/1812) war ein international bekannter und hochangesehener weltlicher und geistlicher Herrscher. Während seiner Regierungszeit, besonders in den 1770er und 1780er Jahren, setzte er einen Aufklärungs- und Reformprozess in Gange, der Salzburg zu einem wichtigen europäischen Zentrum der Spätaufklärung werden ließ. In den 1790er Jahren musste er sich schließlich mit der sich immer deutlicher abzeichnenden Säkularisation der Reichskirche sowie mit der latenten Gefahr der Besetzung seines Landes durch die französische Revolutionsarmee auseinandersetzen. Aus dieser politisch sehr turbulenten Zeit sind einzigartige Ego-Dokumente des Salzburger Landesherrn überliefert. Insgesamt haben sich im tschechischen Staatsarchiv Zmrsk (Sttn oblastn archiv v Zmrsku) 655 von Hieronymus Colloredo eigenhändig und in französischer Sprache abgefasste Briefe und 90 Briefbeilagen (in deutscher oder lateinischer Sprache) erhalten. Die gesamten Briefe sind an seinen Bruder, Gundaker Colloredo adressiert, der ab 1788 als Reichsvizekanzler tätig war. Die Schreiben stammen aus den Jahren 17721776, 17831784 und 17891801, wobei der Großteil der erhaltenen Korrespondenz (586 Briefe) aus den Jahren 1789 bis 1801 stammt. In Kürze wird eine historisch-kritische Edition der Korrespondenz inkl. ausführlicher deutschsprachiger Regesten sowie umfangreicher Personen-, Orts- und Sachwortindizes erscheinen (in Druck sowie als Open-Access Variante). Die Korrespondenz gewährt uns einen exzellenten Einblick in Hieronymus Colloredos Selbstverständnis als weltlicher und geistlicher Herrscher und wie er diese Phase des radikalen Umbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts miterlebt, beobachtet und analysiert hat. Zudem wird deutlich, in welch internationales Netzwerk er eingebettet war (in Bezug auf seine Familie und weiter entfernte Verwandte, andere einflussreiche Repräsentanten der Kirche sowie politische Figuren aus dem Erzstift Salzburg, der Habsburgermonarchie und dem Heiligen Römischen Reich). Zudem geht aus der Korrespondenz deutlich hervor, dass seine offiziell deklarierte Haltung mit seiner privaten Meinung häufig im Widerspruch stand. So unterstützte er beispielsweise während des Ersten Koalitionskrieges (17921797) offiziell voller Übereifer alle kaiserlichen Forderungen, wohingegen er sich seinem Bruder gegenüber in wiederholter Weise über die Sinnlosigkeit und Aussichtslosigkeit des Krieges beklagte und auf einen baldigen Frieden hoffte.
- Universität Salzburg - 100%
Research Output
- 178 Zitationen
- 1 Publikationen
-
2017
Titel African genomes illuminate the early history and transition to selfing in Arabidopsis thaliana DOI 10.1073/pnas.1616736114 Typ Journal Article Autor Durvasula A Journal Proceedings of the National Academy of Sciences Seiten 5213-5218 Link Publikation