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Die Zentralstellung des Willens in der Philosophischen Anthropologie des Petrus I. Olivi

The Pre-eminence of the Will in the Philosophical Anthropology of Petrus Iohannis Olivi

Sigrid Müller (ORCID: 0000-0001-8716-7089)
  • Grant-DOI 10.55776/P23731
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 15.06.2011
  • Projektende 14.06.2015
  • Bewilligungssumme 114.072 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Peter of John Olivi, Franciscans, Will, Theology, Middle Ages, Philosophical Anthropology

Abstract Endbericht

Dieses Projekt möchte die Philosophie des Willens, wie sie vom spätmittelalterlichen franziskanischen Denker Petrus Johannes Olivi (1248/49-1298) entwickelt wurde, untersuchen. Dies soll in einem umfassenderen Kontext geschehen, als dies bislang der Fall war. Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu Olivi und anderen mittelalterlichen Franziskaner-Spiritualen wurden in den 1880er Jahren von dem jesuitischen Gelehrten Franz Ehrle in dessen bahnbrechenden Artikeln veröffentlicht. Seitdem geleistete Forschungsarbeit zu diesem Thema blieb jedoch stark den Spezialgebieten verpflichtet und dadurch fragmentarisch. So konzentrierten sich beispielsweise Philosophinnen und Philosophen auf Olivis unterschiedliche quaestiones zu den Sentenzen des Lombardus, TheologInnen der Spiritualität auf Olivis praktischere Schriften zum Wesen und der Ausübung des franziskanischen Glaubenslebens; und KulturhistorikerInnen verfolgten die Spuren, die Franz Ehrle bereits gelegt hatte. Der einzige allgemeine Überblick zu Olivi, der von dem amerikanischen Wissenschafter David Burr verfasst wurde (The Persecution of Peter Olivi, Philadelphia: American Philosophical Society, 1976) stellt auch bei Weitem die gründlichste und vollständigste Einführung in dessen Leben und Denken dar. Ziel von Burrs Arbeit ist es, die unterschiedlichen biographischen, kulturellen und konzeptionellen Linien herauszuarbeiten, die gemeinsam das Phänomen `Petrus Johannes Olivi` ausmachen. Es fehlt jedoch eine Analyse dessen, inwiefern durch die Verknüpfung dieser Denklinien zentrale Punkte in Olivis Denken erst verständlich werden. Infolgedessen greift das Projekt die wohl grundlegendste philosophische These Olivis heraus: die absolute Unbestimmtheit des menschlichen Willens. Von diesem Gedanken ausgehend wird in einem ersten Schritt Olivis Philosophie des Willens im Kontext der scholastischen Tradition positioniert, in deren heidnischem wie christlichem Erbe Olivi stand. In einem zweiten Schritt soll diese philosophische Position im weiteren Kontext der Olivi`schen Anthropologie verortet werden. Olivis Gedanken zum Willen stellen ein zentrales Element seiner philosophischen Personlehre dar, wie man sie in seinen theoretischen Schriften finden kann. In einem dritten Schritt werden dann die empirischen Grundlagen seiner Philosophie untersucht, welche in das theologisch-kulturelle Zentrum, zu den Quellen von Olivis Denken, führen. Seine abstraktere, scholastische Philosophie wird mit unterschiedlichen Perspektiven konfrontiert, die sich aus drei für Olivi existentiellen Kontexten speisen: 1. Olivis franziskanisches Erbe; 2. Olivis joachimistisches Erbe; 3. Olivis kulturelles Erbe als geborener Languedoc. Die Gegenüberstellung der stärker abstrakt-theoretischen scholastischen und der existentiellen Kontexte wird nicht nur wesentlich schärfere Einsichten in Olivis Denken ermöglichen, sondern auch die Aporien in seiner Willensphilosophie besser verstehbar machen.

Dieses Projekt bietet die erste detaillierte Darstellung der philosophischen Anthropologie des Petrus Johannis Olivi (1248-98) (Seele, Körper, Verstand, Wille, Emotionen, Sinne, Triebe und Instinkte) und ihrer Verortung im historischen und kulturellen Kontext. Das Projekt zeigte den tiefgreifenden Einfluss der universitären Umgebung auf Olivis Theoriebildung durch eine akribische Untersuchung der zahlreichen Bezüge zu Zeitgenossen und zu den Autoren, die diese beeinflussten. Dabei wurden viele Textbezüge zum ersten Mal identifiziert und detailliert nachgezeichnet. Die Untersuchung der Texte Olivis im Rahmen des Projektes hat zum Vorschein gebracht, wie sehr dieser in die akademischen Debatten seiner Zeit involviert war. Insbesondere reagierte Olivi stark auf die deterministischen Theorien, die damals an der Universität Paris kursierten. Diese sah er als Bedrohung für den Glauben, dass Menschen frei handeln können, an. Es ist diese spezifische Situation in Paris, auf deren Hintergrund Olivis persönliche Theorie der Zentralstellung des Willens gegenüber anderen seelischen Fähigkeiten des Menschen Gestalt annahm.Olivi bildete seine markanten Positionen mit einem Schwerpunkt auf der Hervorhebung des menschlichen Willens in der kritischen Auseinandersetzung mit denen seiner philosophischen Gegner, darunter Siger von Brabant, Thomas von Aquin, Avicenna oder Aristoteles, heraus. Das Forschungsprojekt widerlegte dabei deutlich das bisherige Urteil in der Forschung, dass Olivi nur schwache argumentiere und die Texte seiner Gegner zum Teil gar nicht sorgfältig gelesen habe. Gegen diese Wertung weisen die Publikationen des Forschungsprojekts nach, dass Olivi eine für ihn charakteristische intertextuelle Methode anwendet, um sich mit seinen Gegnern auseinanderzusetzen: Anstatt Gegenargumente aufzuzählen und der Reihe nach zu widerlegen, spiegelt Olivi einen spezifischen Text des jeweiligen Gegners in seinem eigenen Text, indem er ihn in Anlehnung an die Struktur des gegnerischen Textes komponiert und so Teile von oder ganze Abhandlungen (Quaestiones) gestaltet.Neben diesen methodischen Erkenntnissen ist die exaktere historische und kulturelle Verortung der Schriften Olivis und insbesondere seines Kommentars zu den Sentenzen des Petrus Lombardus ein weiteres Ergebnis dieses Forschungsprojekts. Olivis Sentenzenkommentar kann nunmehr im Paris der Jahre vor und nach den Pariser Verurteilungen vom 7. März 1277 verortet werden. In dieser Stadt befand sich Olivi als Student zwischen 1266 und 1267 im internationalen Studienhaus der Franziskaner und möglicherweise zu einem Zeitpunkt zwischen 1271 und 1274 auch als gelegentlich Lehrender. Darüber hinaus wurde bei den Textuntersuchungen den Anspielungen auf Olivis zweite Bezugsquelle Rechnung getragen, nämlich der Kultur des Languedoc, in die Olivi hineingeboren wurde, in der er sein Studium als Franziskaner begann und die zur Radikalität, mit der Olivi die Vorrangstellung des Willens betont, wesentlich beitrug.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 7 Zitationen
  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Wilhelm von Ockham (ca. 1288-1347/48).
    Typ Book Chapter
    Autor Konrad Hilpert (Ed.)
  • 2014
    Titel Ethics: Christianity Medieval Times and Reformation Era.
    Typ Book Chapter
    Autor Klauck
  • 2013
    Titel From Virtue Ethics to Normative Ethics? Tracing Paradigm Shifts in Fifteenth-Century Commentaries on the Nicomachean Ethics
    DOI 10.1163/9789004240773_003
    Typ Book Chapter
    Autor Müller S
    Verlag De Gruyter
    Seiten 9-30
  • 2014
    Titel Peter Olivi on Human Self-Knowledge: a Reassessment
    DOI 10.1353/frc.2014.0017
    Typ Journal Article
    Autor Whitehouse D
    Journal Franciscan Studies
    Seiten 173-224
  • 2012
    Titel Peter Olivi's Dialogue with Aristotle on the Emotions
    DOI 10.1353/frc.2012.0030
    Typ Journal Article
    Autor Whitehouse O
    Journal Franciscan Studies
    Seiten 189-245
  • 2012
    Titel Wilhelm von Ockham (1280/85-1347/48).
    Typ Book Chapter
    Autor Gregor Maria Hoff/Ulrich Körtner (Eds.)
  • 2014
    Titel Die Bedeutung des Konzils von Trient für die Moraltheologie.
    Typ Book Chapter
    Autor Kerstin Schlögl-Flierl/Gunter M. Prüller-Jagenteufel (Eds.)
  • 2014
    Titel Antoninus von Florenz (1389-1459).
    Typ Book Chapter
    Autor Konrad Hilpert (Ed.)

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