Punta di Zambrone, eine befestigte bronzezeitl. Siedlung an der tyrrhen. Küste Kalabriens
Punta di Zambrone - a Bronze Age Fortified Settlement on the Tyrrhen. Coast of Calabria
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (12%); Biologie (16%); Geowissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (52%)
Keywords
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Punta die Zambrone,
Bronze Age,
Italy,
Chronology,
Economy,
Mediterranean contacts
Obgleich die bronzezeitliche Entwicklung und die intensiven mediterranen Kontakte Süditaliens in der Vergangenheit oft im Zentrum des Forschungsinteresses standen, fehlt es an Forschungsgrabungen in den bronzezeitlichen Siedlungen dieses Raumes. Was die Küsten südlich des Golfs von Neapel betrifft, so liegen derzeit keine Abschlusspublikationen bronzezeitlicher Siedlungen vor, die eine notwendige Grundlage für jede archäologische Interpretation und historische Rekonstruktion von Gesellschaft und menschlichen Aktivitäten wären. Die fünf Hauptziele des Grabungs- und Auswertungsprojekts definieren sich daher wie folgt: Beschreibung der Bebauungsstruktur und Rekonstruktion der naturräumlichen Umgebung einer Küstensiedlung (Punta di Zambrone) als Fallstudie, wobei die Ergebnisse geophysikalischer Prospektion und selektiver Ausgrabungen als Basis dienen Rekonstruktion der Entwicklung der lokalen bronzezeitlichen Kulturgruppen (facies) im tyrrhenischen Kalabrien und die ihrer Beziehungen zu benachbarten facies (auf dem Festland, auf dem Äolischen Inseln und auf Sizilien) und Erstellung einer präzisen relativen und absoluten Chronologie (historisch und radiometrisch) Rekonstruktion der bronzezeitlichen Wirtschaftsweise der ausgegrabenen Siedlung (primärer Sektor anhand von Archäobotanik, Archäozoologie und organischer Chemie; sekundärer und tertiärer Sektor anhand der Funktionsanalyse der Artefakte sowie von Materialanalysen von Keramik und Metallfunden und weiteren archäometallurgischen Studien) Definition der Funktion der ergrabenen Siedlung im lokalen Siedlungssystem Rekonstruktion der Funktion der Küstenregionen Südwestitaliens in den mediterranen Netzwerken ökonomischer und politischer Beziehungen während der Bronzezeit Diese Forschungsziele können nur mit einem interdisziplinären Ansatz erreicht werden. Für die Verwirklichung des Projekts ist eine Forschungsgrabung an einem Schlüsselfundort unabdingbar. Die nachbronzezeitlich weitgehend ungestörte befestigte Siedlung Punta di Zambrone an der tyrrhenischen Küste Kalabriens bietet hierfür ideale Voraussetzungen. Marco Pacciarelli, Hauptkooperationspartner des Projekts, führte bereits intensive Surveys in der Region von Tropea und eine Testgrabung in Punta di Zambrone durch, deren jungbronzezeitliche (13. -12. Jh. v.u.Z.) Zerstörungsschicht eine ungewöhnlich große Zahl von Scherben ägäischen Typs sowie große Mengen an Tierknochen und verkohlten Pflanzenresten erbrachte. Der Platz eignet sich demnach hervorragend zur Rekonstruktion der Subsistenzwirtschaft, zur Gewinnung historisch-archäologischer und radiometrischer Daten, zur Erforschung der Einbindung der Siedlung in mediterrane Austauschnetzwerke. Punta di Zambrone ist mehrphasig und erbrachte auch mittelbronzezeitliche (16. -14. Jh. v.u.Z.) Reste. In der Region gibt es z.T. bereits bronzezeitlich ausgebeutete Kupfervorkommen, was die Erforschung der Versorgung der bronzezeitlichen Bevölkerung mit einem der wichtigsten Rohrstoffe ihrer Zeit ermöglicht.
Punta di Zambrone (Provinz Vibo Valentia) ist ein Kap, das zwischen Tropea und Briatico, gegenüber der Insel Stromboli, ins Tyrrhenische Meer vorspringt. In der Bronzezeit, vom Ende des 3. Jahrtausends v.u.Z. bis etwa um 1200 v.u.Z., bestand dort eine Hafensiedlung mit zum Teil weitreichenden mediterranen Verbindungen. Dies ergaben archäologische Grabungen, die im Rahmen einer internationalen und interdisziplinären wissenschaftlichen Kooperation in den Sommermonaten der Jahre 2011, 2012 und 2013 stattfanden. R. Jung (zunächst Universität Salzburg, ab 2013 Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) und M. Pacciarelli (Univeristà di Napoli Federico II) leiteten diese Grabungen und die zwei Forschungsprojekte, die vom Österreichischen Forschungsfonds (FWF) bzw. dem italienischen Ministerium für Unterricht, Universitäten und Forschung (PRIN-Projekt) maßgeblich gefördert wurden.Zu allen Zeiten hatte die Siedlung von Punta di Zambrone einen vorwiegend bäuerlichen Charakter. Angebaut wurden vor allem Emmer und verschiedene Hülsenfrüchte, im 13. Jahrhundert kannte man auch den Wein. Rinder, Schafe und Ziegen sowie Schweine wurden gehalten. Die Einwohner von Punta di Zambrone betrieben allerdings auch Jagd und Fischfang. Die Hafensiedlung war in ein regionales wirtschaftliches Netzwerk integriert. So trieb man etwa die Rinder im jahreszeitlichen Rhythmus auf eine Hochebene im Hinterland zur Weide.Eine natürlich geschützte Hafenbucht existierte gemäß den geologischen Untersuchungen südlich des Kaps; heute ist sie verlandet. Während die Siedlung des späten 3. und frühen 2. Jahrtausends einen sehr regionalen Charakter mit Kontakten zu den nahen Liparischen Inseln und nach Sizilien hatte, waren ihre Einwohner im 13. Jahrhundert in weitreichende mediterrane Netzwerke integriert. Das für die Herstellung von Werkzeugen, Kleidungsaccessoires und Waffen benötigte Kupfer kam zu dieser Zeit hauptsächlich aus Norditalien, während Blei, ein kleinerer Teil des Kupfers sowie eine Reihe von luxuriösen Produkten wie feine bemalte Keramik und Fayenceperlen die Siedlung aus der Ägäis oder über die Ägäis erreichten. Eine kleine Elfenbeinstatuette eines Mannes wurde in der letzten Siedlungsphase verwendet, stammte aber aus dem minoischen Kreta des 17./16. Jahrhunderts. Solche Statuetten, die auf Kreta eine religiöse Funktion hatten, gehörten allerdings nicht zu den Objekten, die die Ägäer mit außerhalb Griechenlands lebenden Partnern austauschten. Möglicherweise unterhielten die Bewohner der Hafensiedlung von Punta di Zambrone jedoch nicht nur friedliche Austauschkontakte, sondern waren auch als Piraten aktiv. Dies erscheint vor dem Hintergrund dessen plausibel, dass die in Süditalien ansonsten seltenen bzw. ganz einmaligen ägäischen Importe in Punta di Zambrone in eben jener Zeit um 1200 v.u.Z. auftauchen, in der die mykenischen Paläste zerstört und die ägyptische Küsten von Piraten, den so genannten Seevölkern, angegriffen wurden.
- Ursula Thanheiser, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Gerhard Forstenpointner, Veterinärmedizinische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Hans Mommsen, Universität Bonn - Deutschland
- Bernhard Weninger, Universität Köln - Deutschland
- Marco Pacciarelli, Università degli Studi di Napoli Federico II - Italien
Research Output
- 50 Zitationen
- 12 Publikationen
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2015
Titel From west to west: Determining production regions of Mycenaean pottery of Punta di Zambrone (Calabria, Italy) DOI 10.1016/j.jasrep.2015.07.004 Typ Journal Article Autor Jung R Journal Journal of Archaeological Science: Reports Seiten 455-463 -
2015
Titel Bronze Age vitreous materials from Punta di Zambrone (southern Italy) DOI 10.1127/ejm/2015/0027-2450 Typ Journal Article Autor Conte S Journal European Journal of Mineralogy Seiten 337-351 -
2015
Titel Punta di Zambrone (Calabria) – a Bronze Age Harbour Site. First Preliminary Report on the Recent Bronze Age (2011– 2012 Campaigns) DOI 10.1553/archaeologia99s53 Typ Journal Article Autor Jung R Journal Archaeologia Austriaca Seiten 53-110 -
2019
Titel Palaeodiet reconstruction inferred by stable isotopes analysis of faunal and human remains at Bronze Age Punta di Zambrone (Calabria, Italy) DOI 10.1002/oa.2836 Typ Journal Article Autor Rumolo A Journal International Journal of Osteoarchaeology Seiten 90-98 -
2020
Titel Punta Di Zambrone I: 1200 B.C.E. - A Time of Breakdown, a Time of Progress in Southern Italy and Greece Typ Book Autor Reinhard Jung Verlag Austrian Academy of Sciences Press -
2021
Titel Punta di Zambrone I DOI 10.1553/978oeaw86151 Typ Book editors Jung R Verlag Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Verlag Link Publikation -
2021
Titel Human impact and landscape changes between 3000 and 1000 BC on the Tropea Promontory (Calabria, Italy) DOI 10.1177/0959683621994648 Typ Journal Article Autor Di Lorenzo H Journal The Holocene Seiten 926-942 -
2016
Titel Funde aus dem Müllhaufen der Geschichte im Befestigungsgraben von Punta di Zambrone - Angeln am spätbronzezeitlichen Mittelmeer. Typ Book Chapter Autor Jung R -
2015
Titel The Transition between the Copper and Bronze Ages in Southern Italy and Sicily. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Crispino A Et Al Konferenz H. Meller/H. W. Arz/R. Jung/R. Risch (eds.), 2200 BC - A Climatic Breakdown as a Cause for the Collapse of the Old World? 7th Archaeological Conference of Central Germany, October 23-26, 2014 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 12 (Halle [Saale] 2015). -
2015
Titel Die Beziehungen zwischen dem spätmykenischen Griechenland und Italien. Typ Journal Article Autor Jung R Journal Antike Welt -
2016
Titel Evidence of a short-lived episode of olive (Olea europaea L.) cultivation during the Early Bronze Age in western Mediterranean (southern Italy) DOI 10.1177/0959683616670218 Typ Journal Article Autor D’Auria A Journal The Holocene Seiten 605-612 -
2014
Titel Before Sampling: Systematic Procedures of Macroscopic Pottery Classification within the Punta di Zambrone (VV) Research Project. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Fragnoli P Konferenz G. Greco/ L. Cicala (eds.), Archaeometry. Comparing Experiences. Quaderni del Centro Studi Magna Grecia 19 (Naples 2014)