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Ambiguität beim Kunstgefallen

Can ambiguity be appreciated? Testing hypotheses on experiences in aesthetic episodes.

Helmut Leder (ORCID: 0000-0003-3219-3671)
  • Grant-DOI 10.55776/P23538
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2011
  • Projektende 30.09.2016
  • Bewilligungssumme 214.410 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Psychologie (100%)

Keywords

    Art Appreciation, Ambiguity, Aesthetic Episodes, Cognition, Emotion, Affective Components

Abstract Endbericht

Kunst ist Bestandteil jeder menschlichen Kultur. Dieses Projekt erforscht, was beim Durchleben ästhetischer Episoden - am Beispiel zeitgenössischer abstrakter Kunst - eigentlich positiv erlebt wird. Wir überprüfen die Hypothese, dass das Interessante gerade daraus entsteht, dass Interpretation und Verstehen von Kunst nicht trivial sind, eine gewisse Ambiguität scheint sogar besonders zu gefallen (Jakesch & Leder, 2009). Warum das so ist, untersuchen wir in diesem Projekt. Unsere psychologische Theorie zur Kunst, ein Prozessmodel des ästhetischen Erlebens von Leder, Belke, Oeberst und Augustin (2004) postuliert beim Erleben von Kunst das Zusammenwirken komplexer Stufen kognitiver und emotionaler Verarbeitung. Wir überprüfen Hypothesen über die Art dieser Verarbeitung indem systematisch Sequenzen von kognitiven und emotionalen Ereignissen variiert werden. Durch die Kombination von Betrachtung von Kunstwerken begleitet von sorgfältig ausgewählten (simultan präsentierten) auditiven Statements unterschiedlicher Valenz und Passung werden ästhetische Episoden produziert, die sich hinsichtlich der Abfolge von passenden und nichtpassenden Einzelereignissen (Bild und Statement) auszeichnen. Dieses Paradigma ist eine Weiterentwicklung der Studie von Jakesch und Leder (2009), in der abstrakte Kunstwerke dann am besten gefielen, wenn sie sowohl mit passenden als auch nicht passenden Begriffen vorgegeben wurden: Diese Mischung aus Passung und Nichtpassung wurde als ein mittleres Ambiguitätsniveau interpretiert. Im Projekt erforschen wir, welche Zustände, bzw. Bild-Statement-Kombinationen zu positiven ästhetischen Erlebnissen und positiven Emotionen führen und die erlebte Kompetenz der Rezipienten erhöhen. Neu ist, dass wir verschiedene Hypothesen und Modelle zur Wichtigkeit von Ambiguität und Kongruenz sowie zur Integration von emotionalen Ereignissen testen (Belke, Leder, Harsanyi & Carbon, 2010; Cupchik, Vartanian, Crawley & Mikulis, 2009; Leder et al., 2004). Hinsichtlich der Entwicklung einer Psychologie der Kunst (Leder et al., 2004) ist das Projekt ein notwendiger Schritt, bestehende Annahmen über die Quellen kognitiver und affektiver Verarbeitung empirisch zu überprüfen. Wir untersuchen die emotionalen Abläufe mittels Gesichtelektrophysiologie, wir messen die Konsequenzen auf die kognitive Bewältigung (Leder et al., 2004, Stufe 4) und, sowie den Einfluss interpersoneller Variationen. Anhand von Augenbewegungsmessungen wird überprüft, ob die Herausforderung durch nicht passende Statements zu den Bildern zu Effekten beim Enkodieren führt. Das Projekt ist ein wichtiger Schritt zur Überprüfung und Weiterentwicklung existierender Theorien (e.g. Leder et al., 2004) und liefert somit neue Information über das ästhetische Erleben als genuin menschliche Domäne. Somit öffnet dieses Projekt eine neue, rigoros empirische, jedoch ökologisch valide Perspektive, um die Wahrnehmung von Kunst und ihre positiven Folgen zu erklären.

Der Kunstgenuss ist eine spezifisch menschliche Aktivität, universell, und Gegenstand vielfältiger Erklärungen. In der psychologischen Ästhetik wird besonders herausgestrichen, dass es die Ambiguität, die Vieldeutigkeit von Kunstwerken ist, die das ästhetische Erleben so interessant, und die Kunst so faszinierend machen. Um die Natur menschlicher Kunsterfahrung besser zu verstehen, haben wir in einer Vielzahl von Studien Hypothesen zu Erfahrungen in ästhetischen Episoden aufstellen können, und dabei gezeigt, wann und auch warum uns Ambiguität gefällt. Dazu wurden Kunstwerke des belgischen Künstlers Magritte verwendet, in denen sich oft Gegenstände an ungewohnten Orten, in surrealen, unnatürlichen Größen und Erscheinungsformen befinden. Mithilfe von Bildmanipulation haben wir aus diesen Kunstwerken die Mehrdeutigkeiten entfernt, die Gegenstände wieder an ihre gewohnten Orte verrückt. Nun konnten wir ganz systematisch zeigen, dass die mehrdeutigen Kunstwerke zwar nicht so schnell erfasst werden konnten, aber interessanter erschienen, und dann, nach einer kurzen Betrachtungsdauer von einigen Sekunden, auch besser gefielen. Mit denselben Bildern wurde auch gezeigt, dass die surrealen, mehrdeutigen Versionen zu positiveren Emotionen führten, wenn man in den Experimenten mit kleinen Elektroden die Aktivierung des Lächelmuskels erfasste. In anderen Studien wurde gezeigt, dass Ambiguität die Kunstwerke auch komplexer, also vielschichtiger macht. In weiteren Experimenten wurden Kunstwerke des britischem Künstlers Pepperell er malt in einem barockartigen Stil verschwommen, so, als sähe man in den wolkigen Bildern Körper und Figuren verglichen mit Barockbildern, in denen Körper abgebildet waren. Augenbewegungsanalysen ergaben, dass bei den mehrdeutig abstrakten der Blick auf den Stellen landete, die durch Kontrast und Helligkeit herausstachen. Dagegen wurden die Blicke in den Barock-Gemälden von Stellen angezogen, die für die abgebildeten Objekte relevant waren, wie Arme, Kopfumrisse und dergleichen. Wir haben gezeigt, dass Bewegungen, die dem Kunststil der Kunstwerke entsprechen Tupfbewegungen bei pointilistischen Gemälden das Gefallen für den jeweils passenden Stil erhöhte; dass Alzheimerpatienten stabile ästhetische Präferenzen zeigen; und woran man Kunst als Kunst erkennt. In einer weiteren Studie zeigten wir, dass Kunstwerke mit negativen, abstoßenden Inhalten einem Stilmittel mancher Gegenwartskünste auch bei Kunstexperten negative Gefühle auslösten, diesen Experten die Kunstwerke im Vergleich zu Laien aber besser gefielen. In einer Studie mit vielen Portraits zeigten wir überdies, dass das Kunstgefallen wie von unseren psychologischen Theorien zum Kunstgenuss und Kunsterleben vorhergesagt durch ein Zusammenspiel von Emotionen, Kognitionen (Wie wirkt die dargestellte Person?), sowie von dem Gefallen des vom Künstler verwendeten Stils abhängt. Den Anteil des Kunststils konnten unsere Versuchsteilnehmer ziemlich genau einschätzen. Wir haben auf Basis unserer Ergebnisse unsere Theorien Kunstgenuss entsteht durch ein Zusammenspiel von Stilerkennen, Verständnis des Kunstwerkes, der Art ausgelöster Emotionen, und wie dies durch Vorwissen und Expertise moderiert wird geprüft und vielfältig weiterentwickelt. Im Projekt haben wir somit vielfältige und neue Erkenntnisse über den faszinierenden Forschungsgegenstand der menschlichen Fähigkeit des Kunstgenusses gewonnen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Arthur Jacobs, Freie Universität Berlin - Deutschland
  • Isabel Bohrn, Freie Universität Berlin - Deutschland
  • Marcos Nadal Roberts, University of the Balearic Island - Spanien
  • Pablo Tinio, Montclair State University - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 1611 Zitationen
  • 26 Publikationen
Publikationen
  • 2015
    Titel Effects of presentation duration on measures of complexity in affective environmental scenes and representational paintings
    DOI 10.1016/j.actpsy.2015.10.002
    Typ Journal Article
    Autor Marin M
    Journal Acta Psychologica
    Seiten 38-58
  • 2015
    Titel The Qualitative Side of Complexity: Testing Effects of Ambiguity on Complexity Judgments
    DOI 10.1037/a0039350
    Typ Journal Article
    Autor Jakesch M
    Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts
    Seiten 200-205
  • 2015
    Titel Aesthetic emotions to art – What they are and what makes them special Comment on “The quartet theory of human emotions: An integrative and neurofunctional model” by S. Koelsch et al.
    DOI 10.1016/j.plrev.2015.04.037
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Physics of Life Reviews
    Seiten 67-70
  • 2015
    Titel When Challenging Art Gets Liked: Evidences for a Dual Preference Formation Process for Fluent and Non-Fluent Portraits
    DOI 10.1371/journal.pone.0131796
    Typ Journal Article
    Autor Belke B
    Journal PLOS ONE
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Art looks different – Semantic and syntactic processing of paintings and associated neurophysiological brain responses
    DOI 10.1016/j.bandc.2019.05.008
    Typ Journal Article
    Autor Markey P
    Journal Brain and Cognition
    Seiten 58-66
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Commentary: But Is It really Art? The Classification of Images as “Art”/“Not Art” and Correlation with Appraisal and Viewer Interpersonal Differences
    DOI 10.3389/fpsyg.2017.02328
    Typ Journal Article
    Autor Nadal M
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 2328
    Link Publikation
  • 2014
    Titel The White Cube of the Museum Versus the Gray Cube of the Street: The Role of Context in Aesthetic Evaluations
    DOI 10.1037/a0036847
    Typ Journal Article
    Autor Gartus A
    Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts
    Seiten 311-320
  • 2013
    Titel An Island of Stability: Art Images and Natural Scenes – but Not Natural Faces – Show Consistent Esthetic Response in Alzheimer’s-Related Dementia
    DOI 10.3389/fpsyg.2013.00107
    Typ Journal Article
    Autor Graham D
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 107
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Image Ambiguity and Fluency
    DOI 10.1371/journal.pone.0074084
    Typ Journal Article
    Autor Jakesch M
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Next Steps in Neuroaesthetics: Which Processes and Processing Stages to Study?
    DOI 10.1037/a0031585
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts
    Seiten 27-37
  • 2013
    Titel See Me, Feel Me! Aesthetic Evaluations of Art Portraits
    DOI 10.1037/a0033311
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts
    Seiten 358-369
  • 2015
    Titel Everything’s Relative? Relative Differences in Processing Fluency and the Effects on Liking
    DOI 10.1371/journal.pone.0135944
    Typ Journal Article
    Autor Forster M
    Journal PLOS ONE
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Correction: When Challenging Art Gets Liked: Evidences for a Dual Preference Formation Process for Fluent and Non-Fluent Portraits
    DOI 10.1371/journal.pone.0138962
    Typ Journal Article
    Autor Belke B
    Journal PLOS ONE
    Link Publikation
  • 2015
    Titel The interplay of low-level and higher-level dimensions in abstract and representational artworks.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Jakesch M
    Konferenz ECEM 2015 18th European Conference on Eye Movements.
  • 2014
    Titel The pleasure of ambiguity.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Forster M
    Konferenz 23rd Biennial Congress of IAEA (International Association of Empirical Aesthetics).
  • 2014
    Titel What makes an art expert? Emotion and evaluation in art appreciation
    DOI 10.1080/02699931.2013.870132
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Cognition and Emotion
    Seiten 1137-1147
  • 2014
    Titel The weight of semantics! Complexity beyond the number of elements.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Jakesch M
    Konferenz 23rd Biennial Congress of IAEA (International Association of Empirical Aesthetics).
  • 2014
    Titel Representation and Aesthetics of the Human Face in Portraiture
    DOI 10.1163/22134913-00002026
    Typ Journal Article
    Autor Graham D
    Journal Art & Perception
    Seiten 75-98
  • 2017
    Titel Positive fEMG Patterns with Ambiguity in Paintings
    DOI 10.3389/fpsyg.2017.00785
    Typ Journal Article
    Autor Jakesch M
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 785
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Combined Effects of Gaze and Orientation of Faces on Person Judgments in Social Situations
    DOI 10.3389/fpsyg.2017.00259
    Typ Journal Article
    Autor Kaisler R
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 259
    Link Publikation
  • 2017
    Titel But Is It really Art? The Classification of Images as “Art”/“Not Art” and Correlation with Appraisal and Viewer Interpersonal Differences
    DOI 10.3389/fpsyg.2017.01729
    Typ Journal Article
    Autor Pelowski M
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 1729
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Private and Shared Taste in Art and Face Appreciation
    DOI 10.3389/fnhum.2016.00155
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Frontiers in Human Neuroscience
    Seiten 155
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Consequences of Beauty: Effects of Rater Sex and Sexual Orientation on the Visual Exploration and Evaluation of Attractiveness in Real World Scenes
    DOI 10.3389/fnhum.2016.00122
    Typ Journal Article
    Autor Mitrovic A
    Journal Frontiers in Human Neuroscience
    Seiten 122
    Link Publikation
  • 2012
    Titel How Art Is Appreciated
    DOI 10.1037/a0026396
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts
    Seiten 2-10
  • 2012
    Titel Covert Painting Simulations Influence Aesthetic Appreciation of Artworks
    DOI 10.1177/0956797612452866
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal Psychological Science
    Seiten 1479-1481
  • 2014
    Titel Ten years of a model of aesthetic appreciation and aesthetic judgments : The aesthetic episode – Developments and challenges in empirical aesthetics
    DOI 10.1111/bjop.12084
    Typ Journal Article
    Autor Leder H
    Journal British Journal of Psychology
    Seiten 443-464

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