Das Senuthios Archiv, Ägypten und die Araber: Neue Texte
The Senouthios Archive, Egypt and the Arabs: New Texts
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (75%); Philosophie, Ethik, Religion (25%)
Keywords
-
Papyri,
Egypt,
Arab Conquest,
Late Antiquity,
Archive,
Senouthios
Das Senuthios-Archiv stellt das einzige umfangreiche Konvolut an Originaldokumenten aus den Jahren unmittelbar nach der arabischen Eroberung Ägyptens (639-641 n. Chr.) dar. Diese Texte, die erst vor wenigen Jahren erkannt wurden, befinden sich hauptsächlich in der Wiener Papyrussammlung. Kleinere Gruppen sind in anderen Sammlungen, wie der British Library, erhalten. Das Archiv besteht hauptsächlich aus der Korrespondenz einiger hoher Beamten des Gaues Hermopolites (in Mittelägypten, etwa 200-300 km südlich vom heutigen Kairo) in den vierziger Jahren des 7. Jahrhunderts, und zwar um das Jahr 643/644. Befehle, Anweisungen, Bitten - aber auch Beschwerden und Eingaben von Privatpersonen, meistens Großgrundbesitzern oder Geistlichen - sind an Senuthios (einem Vertreter des Pagarchen für den nördlichen Teil des Gaues Hermopolites) oder an andere Beamte, die in seinem Büro tätig waren oder mit ihm zusammenarbeiteten, adressiert. Die Themen der Briefe hängen zusammen mit der Durchführung von Maßnahmen und Neuigkeiten, die infolge des politischen Wechsels gesetzt wurden: Neue Steuern, Requisitionen, Unruhen, Schwierigkeiten zwischen Bevölkerungsgruppen usw. Eine erste Textgruppe, die von Requisitionen für den Bau der neuen ägyptischen Hauptstadt al-Fustat handelt, wurde als Ergebnis eines FWF-finanzierten Vorprojektes im ersten Band mit Senouthios-Texten, F. Morelli, Corpus Papyrorum Raineri XXX. L`archivio di Senouthios anystes e testi connessi (I). Lettere e documenti per la costruzione di una capitale, Berlin-New York 2010, veröffentlicht. Im Unterschied zur späteren Historiographie bieten die Texte des Archivs ein nicht ideologisiertes und zuverlässigeres Bild über diesen historischen Wendepunkt. Sie erlauben im Detail zu beobachten, auf welche Art sich die spätantike Verwaltung an die neuen Herrscher anpasst und mit ihnen kooperiert, und wie ägyptische Christen und arabische Muslime miteinander umgehen. Die Araber erscheinen als eine zurückhaltende, disziplinierte Gruppe, die den direkten Kontakt mit der Bevölkerung meidet und eher mit den höheren Ebenen der ehemaligen byzantinischen Verwaltung interagiert. Eher als Gewalt seitens der Besatzungsarmee oder Konflikten zwischen Arabern und Ägyptern, fallen die Willkür und Überlegenheit der niedrigen lokalen Beamtenschaft auf. Zahlreiche Beschwerden, Bitten und Befehle zeugen von den Schwierigkeiten - allerdings fast immer zwischen Einheimischen -, die aus den noch nicht gut geregelten und der Verwaltung nicht vertrauten Neuerungen entstanden waren. Das Projekt Das Senuthios Archiv, Ägypten und die Araber: Neue Texte beabsichtigt, als Fortsetzung des vorigen Senouthios-Projektes, die Veröffentlichung (Transkription, Übersetzung, Einleitung und Kommentar) und historische Auswertung dieser wichtigen Dokumentation weiterzuführen.
Ziel des Projektes war die Veröffentlichung des vor einigen Jahren in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek identifizierten Senuthios-Archivs fortzusetzen. Das Archiv besteht aus einer großen Gruppe von unveröffentlichten griechischen Verwaltungsbriefen zwischen hohen Beamten des mittelägyptischen Gaues Hermopolites aus den Jahren unmittelbar nach der arabischen Eroberung, wahrscheinlich um 643/644. Das Archiv ist das einzige derzeit bekannte umfangreiche Konvolut an Originaldokumenten aus den Jahren der arabischen Expansion und ist von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Wandels der östlichen und südlichen Teile der antiken/christlichen Welt in die islamisch/arabische. Die Briefe handeln von Maßnahmen, Neuerungen und Änderungen, die dem politischen Wechsel folgten. Anhand dieser Texte erfahren wir unter anderem, wie das neue arabische Steuer- und Requisitionensystem eingeführt und organisiert wurde: Welche Nahrungsmittel, Kleidungsstücke und weitere Produkte den Arabern in dieser Zeit im Wesentlichen nur eine Besatzungsarmee tatsächlich geliefert wurden. Diese Auskünfte können jetzt mit den Zeugnissen der späteren Quellen über die Friedens- und Kapitulationsverträge verglichen werden, die dadurch bestätigt oder ergänzt werden. Ebenso können wir beobachten, wie das Requirierungsverfahren von den lokalen Beamten gehandhabt wurde und wie die ägyptische Bevölkerung auf die neuen Forderungen der Verwaltung reagierte. Gleichzeitig, neben den Neuerungen, bezeugen unsere Texte das Fortleben der früheren spätantiken/koptischen Welt, mit ihren sozialen Strukturen, Konventionen und kulturellen Vielfalt. Noch interessanter ist es zu sehen, wie diese alte Welt mit der neuen Ordnung interagiert, und die Modalitäten sowie die Zeiten der Entwicklung einer neuen Gesellschaft und eines neuen Staates aus dieser Interaktion. In der Tat zeigen die Texte ein fließendes und bewegliches, in vielen Hinsichten noch nicht geregeltes System. Das Bild, das man von den Arabern gewinnt, ist ein anderes als jenes, das die literarischen Quellen die die traditionelle Perspektive bestimmen vermitteln: Die Araber verhalten sich zurückhaltend und diszipliniert, betrachten die (ex)byzantinischen Offiziere als Ansprechpartner und scheinen fast den Kontakt zu den unteren Verwaltungsebenen und zur einheimischen Bevölkerung zu meiden. Die Verhältnisse zwischen Arabern und Christen, das Fortleben des byzantinischen Verwaltungssystems sowie die spätere Verschmelzung der zwei Sphären, die den Beginn eines arabischen Staates ausmachen wird, sind zentrale Fragen für die historische Forschung, für die die Senuthios-Texte neue wesentliche Informationen liefern. Durch die Veröffentlichung neuer historischer Quellen trägt das Projekt zu einem tieferen Verständnis epochaler Ereignisse bei, welche die geopolitische Ordnung nachhaltig bis heute prägen. Die Erforschung der arabischen Ausbreitung sowie des Zusammenlebens von Christen und Muslimen in den ersten Jahrzehnten des Islams auf der Basis von unverfälschten und nicht ideologisierten Zeugnissen ist eine Priorität für die heutige Historiographie und kann helfen, wesentliche Fragen unserer Epoche besser zu verstehen.
- Universität Wien - 100%
- Petra Sijpesteijn, Universiteit Leiden - Niederlande
- Nikolaos Gonis, University College London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 6 Publikationen
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2011
Titel Dal Mar Rosso ad Alessandria: il verso (ma anche il recto) del 'papiro di Muziris' (SB XVIII 13167). Typ Journal Article Autor Morelli F Journal Tyche -
2011
Titel Dal Mar Rosso ad Alessandria: il verso (ma anche il recto) del 'papiro di Muziris' (SB XVIII 13167). Typ Journal Article Autor Morello F -
2014
Titel Le monete d'oro contanti di SPP X 62 raddoppiato. Un altro registro alfabetico (dell'archivio di Flavius Atias?). Typ Journal Article Autor Morelli F Journal Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik -
2014
Titel Il vino del padrone. P.Eirene III 21, P.Wash.Univ. II 105 e P.Laur. IV 185 DOI 10.15661/tyche.2014.029.07 Typ Journal Article Autor Morelli F Journal TYCHE - Contributions to Ancient History, Papyrology and Epigraphy Seiten 89-93 Link Publikation -
2014
Titel SB XXIV 16219: Una lettera di Atias in difesa di una donna DOI 10.15661/tyche.2014.029.08 Typ Journal Article Autor Morelli F Journal TYCHE - Contributions to Ancient History, Papyrology and Epigraphy Seiten 95-98 Link Publikation -
2012
Titel Der Kopten teure Kleider. Typ Book Chapter Autor B. Palme - A. Zdiarsky