Mittelstädtische Urbanitäten. Ethnographische Stadtforschung in Wels und Hildesheim.
Middletown Urbanities. Ethnographic Urban Study in Wels and Hildesheim.
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (5%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (5%); Soziologie (90%)
Keywords
-
Middletown,
Wels,
Urbanity,
Hildesheim,
Ethnography,
Everyday Life
In dem Forschungsprojekt sollen zwei Mittelstädte in Österreich und Deutschland aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie (Volkskunde) ethnographisch untersucht werden, wobei alltägliches Leben und Handeln von Menschen in diesen Städten im Mittelpunkt stehen. Ausgehend von der Hypothese einer mittelstädtischen Urbanität, die sich in spezifisch mittelstädtischen Alltagspraxen und Erfahrungsmodi manifestiert und von anderen urbanen (groß- und kleinstädtischen) Lebensrealitäten unterscheidet, wird in vergleichender Sicht nach der mittelstädtischen Typik der untersuchten Städte gefragt. Fallstudien in Wels und Hildesheim sollen Erkenntnisse darüber geben, was das alltägliche Leben in diesen Städten für die unterschiedlichen AkteurInnen ausmacht und bedeutet und wie das "Mittelstädtische" in den Köpfen und Handlungen geschaffen wird; darüber kommen Mittelstädte auch allgemein als Phänomen und als spezifische Urbanität in den Blick. Die Erforschung mittelgroßer Städte ist nach wie vor ein Desiderat der interdisziplinären Stadtforschung, die sich lange Zeit fast ausschließlich auf Großstädte und Metropolen konzentriert und allenfalls im Kontrast zu diesen Kleinstädte und ländliche Lebensformen untersucht hat. Dieses Forschungsdefizit steht im Gegensatz zur gesellschaftlichen Realität, lebt doch ein großer Teil der Menschen - vor allem in Europa - in Mittelstädten, denen vermehrt auch ein besonderes gesellschaftliches und politisches Entwicklungspotential zugeschrieben wird. Das Forschungsprojekt will diese Lücke schließen und zugleich einen Beitrag zur (alltags)kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Urbanitätsbegriff liefern, der die (historisch, sozialstrukturell, räumlich und kulturell) unterschiedlichen Formen und Dimensionen städtischer Lebensweisen und Alltagswelten fokussiert. Geplant sind mikroanalytische Fallstudien zu zwei Mittelstädten auf der Basis intensiver Feldforschungen. Die Stadtauswahl erklärt sich neben inhaltlichen Gründen (most contrastive cases) auch aus disziplinären Kompetenzen bzw. Perspektiven einer Anthropology at Home. Ethnographisch untersucht werden die ehemalige Industriestadt Wels mit ca. 60.000 EinwohnerInnen in Oberösterreich (Ö.) und die Kultur- und Bildungsstadt Hildesheim mit ca. 100.000 EinwohnerInnen in Niedersachsen (Dtl.), wobei für die Analyse ihrer mittelstädtischen Urbanitäten eine konsequente Kontextualisierung dieser Städte im jeweiligen Land und in der Region unerlässlich ist. Die Untersuchungen basieren auf gleichem Forschungsdesign und werden parallel durchgeführt: Zunächst sollen die Spezifik der jeweiligen Stadt, ihre lokalen Diskurse und Repräsentationen in den Blick genommen werden; hierauf sollen die Dimensionen des jeweiligen (Mittel)Stadtlebens und urbanen Alltags aus der Perspektive und Praxis der BewohnerInnen ethnographisch erkundet werden; und schließlich soll die Frage nach dem spezifisch Mittelstädtischen exemplarisch an einem paradigmatischen Feld des Urbanen (i.e. einem Ort, einem Handlungsfeld oder einem Ereignis) vertieft werden. Das Forschungsprojekt widmet sich aus alltagskulturwissenschaftlich-ethnographischer Sicht einer oftmals vernachlässigten europäischen Lebensrealität. Es möchte die Stadtforschung um eine systematische Erkundung von (exemplarischen) Mittelstädten und mittelstädtischen Urbanitäten erweitern und damit auch die üblichen Kategorisierungen von Städten einer kritischen Überprüfung unterziehen und ergänzen. Zugleich soll - in vergleichender Zusammenschau der Ergebnisse der Fallstudien - der Urbanitätsbegriff pluralisiert und fortgeschrieben werden.
Das Forschungsprojekt hatte die ethnographische Erforschung zweier sogenannter Mittelstädte konkret die Stadt Hildesheim in Niedersachsen (Deutschland) und die Stadt Wels in Oberösterreich (Österreich) zum Ziel. Es knüpft damit an Bemühungen um eine Pluralisierung des Städtischen an, die die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung der letzten Jahre fordert, und bietet dazu exemplarische Einblicke in städtisches Leben in zwei wenig beachteten Städten. Mittelstadt ist vor allem eine administrative Kategorie, die zumeist numerisch bestimmt wird. Demgegenüber liegt es kulturwissenschaftlich nahe, die Kategorie Mittelstadt lebensweltlich und praxeologisch, also in ihrer Herstellung, zu konzipieren. Europäische EthnologInnen bringen hierzu eine besondere Expertise in der Erkundung gesellschaftlicher Routinen und Dynamiken der Aushandlung, der Erfahrungsgehalte urbanen Lebens unterschiedlicher Milieus sowie bezüglich symbolischer Zuschreibungen ein. Davon ausgehend haben wir uns konkret die Frage gestellt, in welcher Weise BewohnerInnen und ExpertInnen ihren Wohn- oder Tätigkeitsort einordnen, welche Kategorien sie dazu verwenden und wie diese Kategorien alltägliches Leben in den untersuchten Städten prägen. Es ging uns also nicht um eine Festschreibung der Kategorie Mittelstadt durch verbindende Merkmale städtischen Lebens, sondern darum, wie Menschen die Größe, Reichweite und symbolische Position eines Ortes in verschiedenen sozialen Feldern aushandeln. Sie tun dies, indem sie Orte in Relation zu anderen Räumen einordnen und bewerten. Denn Stadt, deren Position als groß oder klein und damit oft verbunden besser oder schlechter sowie urbanes Leben an sich stellen gesellschaftlich stets neu ausgehandelte Werte und Zuordnungen dar. In mehrmonatigen ethnographischen Forschungen untersuchten wir die Praktiken der Herstellung von Größe in verschiedenen sozialen Feldern und anhand unterschiedlicher Themen wie im Stadtmarketing, über biographisches Erzählen über Orte und Räume, über Radien und Muster des Bewegens und nächtliches Ausgehen in der Stadt. Dabei zeigten sich verschiedene Bezüge zu und Bewertungen von Stadtgröße. So waren etwa die Strategien der Stadtmarketinggesellschaften in Wels und Hildesheim eindeutig an Großstädten orientiert und verwendeten wenige Bilder und Begriffe, die eine Alternative hierzu priesen. Die biographischen Erzählungen wiederum eröffneten ein breites Spektrum von Bezügen und Bewertungen: Viele junge BewohnerInnen nahmen die Stadt als langweilig und begrenzt wahr, berufstätige BewohnerInnen mit Kindern hingegen betonten eine Praktikabilität sowie ein sicheres Leben in der Stadt mit viel und nahem Grünraum. Ähnlich vielfältige Ergebnisse brachte das stadträumliche Bewegen hervor: An Überschaubarkeit orientierte BewohnerInnen schätzten den üblichen Small Talk beim Gang durch den Stadtraum, wohingegen andere und oftmals jüngere BewohnerInnen soziale Enge empfanden und sich ein spannenderes Leben in größeren Städten wünschten. Und im nächtlichen Ausgehen untersuchten wir schließlich ein zentrales Handlungsfeld städtischer Attraktivierungsbemühungen in Metropolen. Hier zeigte sich besonders, wie jüngere BewohnerInnen die untersuchten Städte als defizitär wahrnahmen. Räumliche Hierarchien und städtische Positionen werden laufend hergestellt und sind institutionell fest verankert, sie werden so das Ergebnis des Forschungsprojektes behauptet, angefochten, verteidigt oder ignoriert und sind mithin gesellschaftlich umkämpft. Im alltäglichen Stadtleben zeigen sich damit die jeweilige Aushandlung von Vorstellungen vom guten Leben in der Stadt und eine symbolische und materielle Hierarchie zwischen Städten.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 9 Publikationen
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2012
Titel Mittelstädtische Erfahrungen zum Verlauf des Forschungsprojekts "Mittelstädtische Urbanitäten - Ethnografische Stadtforschung in Wels und Hildesheim". Typ Journal Article Autor Projektteam "Mittelstädtische Urbanitäten" Journal Jahresbericht des Instituts für Europäische Ethnologie 2012 (Mitteilungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Heft 20). Wien: Institut für Europäische Ethnologie. -
2015
Titel Die Kreativität der "Mittel_Stadt" ?! Typ Other Autor Schmidt-Lauber B -
2016
Titel "Hier ist nichts los". Städtische Befindlichkeiten und Rankings in (einer Stadt wie) Wels. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Schmidt-Lauber B Konferenz M. Beitl, & I. Schneider (eds.): Emotional Turn?! Europäisch ethnologische Zugänge zu Gefühlen & Gefühlswelten; Beiträge der 27. Österreichischen Volkskundetagung in Dornbirn vom 29. Mai-1. Juni 2013 -
2016
Titel Über Größe und Kleinheit in Wels. Leben in Zeiten der permanenten Städtebewertung. Typ Book Chapter Autor Stefan Groh -
2013
Titel Ankünfte, Abschiede und Wiedersehen im Feld. Zum Verlauf des FWF-Forschungsprojekts "Mittelstädtische Urbanitäten - Ethnografische Stadtforschung in Wels und Hildesheim". Typ Journal Article Autor Eckert A Journal Jahresbericht des Instituts für Europäische Ethnologie 2013 (Mitteilungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Heft 21) -
2013
Titel Writing City. Vorüberlegungen zu den "Wiener Urbanitäten". Typ Book Chapter Autor Schmidt-Lauber B -
2014
Titel Mittelstadtmarketing. Zur Produktion und Vermarktung einer Stadt als Ort. Typ Journal Article Autor Eckert A Journal Österreichische Zeitschrift für Volkskunde -
2016
Titel Doing City. Andere Urbanität und die Aushandlung von Stadt in alltäglichen Praktiken. Typ Journal Article Autor Schmidt-Lauber B Journal Zeitschrift für Volkskunde -
2015
Titel Ethnographische Stadtforschung jenseits von Wien: Urbanität der Mittelstadt. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Schmidt-Lauber B Konferenz Tagungsbericht des 26. Österreichischen Historikertages Krems/Stein, 24. bis 28. September 2012 (Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine 35 zugleich Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde, Sonderband 2015), St. Pölten 2015.