Staatsaktionen zwischen Repräsentation und Parodie
"Staatsaktionen" between representation and parody
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Kunstwissenschaften (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%)
Keywords
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Theatre History,
German Drama,
Travelling Theatre,
Cultural Performances,
Theatricality Of Absolutism
Das Forschungsprojekt versteht sich als Impuls für eine theater- und kulturwissenschaftliche Erforschung deutschsprachigen Wandertheaters, indem es einen unpublizierten Spieltexte-Kodex des späten 17. Jahrhunderts transkribiert und innerhalb verschiedener Kontexte analysiert. Im Zentrum steht die Frage, welchen Beitrag Wandertheater mit der spezifischen Form der so genannten "Haupt- und Staatsaktion" zur Inszenierung, Diskursivierung und Parodie des absolutistischen Staates leistete. Inwiefern ist diese Theaterform als ein spezifischer Modus sozialen Interagierens zu verstehen, in dem sich virulente Subjektentwürfe und Gesellschaftsbilder einerseits spiegeln, und dem andererseits ein Potenzial inhärent ist, die damit verbundenen Werte sowohl zu repräsentieren als auch ad absurdum zu führen? - Dieser Frage wird im Kontext anderer Inszenierungs- und Visualisierungsformen von Staat nachgegangen. Antworten werden von drei Arbeitsbereichen her entwickelt: a) Erstens wird der inzwischen in seiner außerordentlichen Bedeutung erkannte, 14 Spieltexte auf rund 600 Blättern umfassende Kodex Ia 38589 der Wienbibliothek transkribiert, in eine Studienausgabe überführt und kommentiert. Damit leistet das Projekt zum einen Grundlagenforschung, zum anderen stellt es einen Materialkorpus ins Zentrum, von dem her sich sowohl inhaltliche als auch methodische Fragen präzise reflektieren lassen. b) Zweitens wird die "Haupt- und Staatsaktion" im Kontext anderer Theaterformen kulturwissenschaftlich interpretiert. Das Theater der professionellen Wandertruppen wird diesbezüglich als kulturelle Praxis verstanden, die sich in Affinität und Differenz zu explizit höfischen Theaterformen an der Wirklichkeitskonstitution beteiligt, indem sie existenzielle Fragen der Subjekte und Konstituenten gesellschaftlicher Ordnung spielerisch vergegenwärtigt und komödiantisch parodiert. Hans Wurst - jene Figur, welche Brechungseffekte und Perspektivwechsel maßgeblich verantwortet -, steht im Zentrum einer kulturwissenschaftlichen Theoretisierung dieser besonderen szenischen Form. c) Im dritten Arbeitsbereich werden "Staatsaktionen" der Wandertruppen im Verhältnis zur Visualisierung der Staatsordnung in Cultural Performances (Feste, Feiern, Zeremonien etc.) sowie in Diskursen der Schriftkultur (Staatstheorie, Zeremonialwissenschaft, Tanztraktate etc.) erforscht. Dass die inszenierten Staaten der Wandertruppen stets als "Theater" erkennbar blieben, lässt deren Doppeldeutigkeit zwischen Repräsentation und Parodie erahnen.
Die Existenz der ersten deutschen Berufstheatertruppen des 17. Jahrhunderts war von staatlichen, kirchlichen und städtischen Autoritäten abhängig, denn diese bestimmten, ob, wo und wie lange Aufführungen stattfinden durften. Entsprechend war Anpassungsfähigkeit die wichtigste Taktik im Existenzkampf der Komödianten. Im Zwiespalt zwischen Theaterfeindlichkeit und dem Bedürfnis nach Repräsentation und Unterhaltung wirkte Berufstheater jedoch als Störfaktor innerhalb des kulturellen Gefüges. Im Gegensatz zum religiös ausgerichteten Schultheater und zur Repräsentationskultur der Höfe blieb durch die verweigerte Integration der Berufskomödianten deren Theater ambivalent. Ihre Aufführungen oszillierten zwischen der Affirmation kultureller Werte und deren Parodie.Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde ein Kodex der Wienbibliothek mit 14 Spielhandschriften des 17. und 18. Jahrhunderts erstmals transkribiert und zur Veröffentlichung vorbereitet. Bei den im Kodex enthaltenen Wandertruppenstücke handelt es sich um Bearbeitungen von englischen, italienischen, französischen, niederländischen und lateinischen Vorlagen, die hiermit erstmals ediert, kommentiert und erforscht werden.Diese Stücktexte und ihr Aufführungspotential dienten als Ausgangpunkt für die kultur- und theaterhistorische Erforschung des frühen Berufstheaters. Die Verflechtung deutscher Wandertruppen mit dem europäischen Theater ließ sich damit einerseits thematisieren, andererseits aber auch die Aufführungsbedingungen an den jeweiligen Spielorten. Ein besonderes Augenmerk galt den komödiantischen Figuren, die bei der Aneignung fremdsprachiger Spieltexte die intensivste Bearbeitung erfahren haben. Zum einen geht von diesen Figuren das parodistische Potential in besonderem Maß aus, zum anderen lässt sich erstmals detailliert nachzeichnen, wie mit Hans Wurst allmählich jene komödiantische Figur in die Aufführungen integriert wurde, die später zum umkämpften Symbol für das Wandertruppentheater mutierte.Ein erster Band mit neun kommentierten Spieltexten und einer Einleitung erscheint 2015 unter dem Titel Spieltexte der Comdianten. Band 1: Stücke des deutschen Internationaltheaters aus dem Kodex Ia 38.589, hg. von Stefan Hulfeld.
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