LAILA - Sprachbewusstsein bei Sprachverlust
LAILA - Linguistic Awareness in Language Attriters
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Multilingualism,
Dynamic Systems Theory,
Third Language,
Metalinguistic,
Language Attrition
Wer schon einmal eine erlernte Fremdsprache über einen längeren Zeitraum nicht mehr benutzt hat, kennt das Phänomen der language attrition (Sprachabbau) nur zu gut. Fähigkeiten, die man nicht verwendet, rosten`. Traditionelle Modelle des Erst-/Zweitspracherwerbs arbeiten für gewöhnlich mit linearen Wachstumsmodellen, beziehen aber negatives Wachstum selten oder gar nicht ein. In ihrem Dynamic Model of Multilingualism (DMM) verstehen Herdina und Jessner (2002) das mehrsprachige System als ein komplexes und dynamisches System, welches aus mehreren in anderen Systemen eingebetteten Systemen besteht (d.h. die einzelnen Sprachsysteme, die eine Person beherrscht, sind in anderen Systemen eingebettet und voneinander abhängig). Sprachabbau wird als normaler und wesentlicher Teil der Sprachentwicklung gesehen. Die Entwicklung und Instandhaltung von Sprachsystemen erfordert Mühe und Aufmerksamkeit. Dies trifft ganz besonders bei Mehrsprachigen zu, weil in solchen Individuen mehrere Subsysteme um Zeit und kognitive Ressourcen konkurrieren müssen. Demnach wären mehrsprachige Individuen besonders anfällig für attrition. Andererseits glauben wir, dass mehrsprachige Individuen zusätzliche (kognitive) Fähigkeiten entwickeln, die weder bei einsprachigen noch in derselben Form bei zweisprachigen Menschen zu finden sind. Kollektiv werden diese emergenten Eigenschaften, die erst aus der dynamischen Interaktion des Systems hervorgehen (emergent properties), als M(ultilingualismus)-Faktor bezeichnet; hierzu zählen ein höher ausgebildetes metalinguistisches Bewusstsein, (prozedurale) Sprachlernstrategien und stärker ausgeprägte Monitorfunktionen. Es ist plausibel, dass dieser M-Faktor dem Sprachverlust entgegenwirkt, indem er ihn verhindert oder verlangsamt, oder dass er Sprechern hilft, die Effekte des Sprachabbaus besser zu kompensieren. In dem geplanten Forschungsprojekt an der Universität Innsbruck unter der Leitung von Ao. Prof. Dr. Ulrike Jessner sollen die Weiterentwicklung von metalinguistischen Fähigkeiten und Fremdsprachenkenntnissen sowohl in der ersten Fremdsprache (Englisch, L2) als auch in der zweiten (Italienisch oder Französisch, L3) bei mehrsprachigen Schulabgängern untersucht werden; also nach jenem Zeitpunkt, zu dem die Bildung in dieser Sprache aufhört. Besonders in der zweiten Fremdsprache ist Sprachverlust sehr wahrscheinlich, da es nach Beendigung der Schulzeit wenig bis gar keine Gelegenheit gibt, diese Sprache zu benutzen. Das LAILA-Team wird SchülerInnen der letzten Klasse an österreichischen AHS und BHS untersuchen; die erste Testung der metalinguistischen Fähigkeiten und der mündlichen Sprachproduktion erfolgt kurz vor der Matura (Abitur), die zweite 12 Monate später. Dieses Projekt ist in einem weitverzweigten Netzwerk internationaler Forschung verankert, insbesondere in der Forschung zu dynamischer Systemtheorie/Komplexitätstheorie in der angewandten Sprachwissenschaft. Ziel des Projektes ist es, eine stärkere Verbindung zwischen den Bereichen Sprachabbau, Drittspracherwerb/Mehrsprachigkeit und metalinguistische Fähigkeiten herzustellen. Wir hoffen durch unsere Untersuchungen besser zu verstehen, wie sich die Produktion einer in der Schule erlernten Sprache durch reduzierte oder Nicht-Benutzung verändert, und ob sich metalinguistische Fähigkeiten unter diesen Umständen ebenfalls verändern. Dies ist die erste Studie zu den dynamischen Aspekten der mehrsprachigen Entwicklung die sich auf Sprachverlust in der Drittsprache konzentriert; weiters wird hier erstmals die (Rück)entwicklung von zwei Fremdsprachen in Betracht gezogen, und nicht nur einer. Zusätzlich ist es die erste Sprachverluststudie, bei der auch das metalinguistische Bewusstsein als eine emergente Eigenschaft mehrsprachiger Systeme berücksichtigt wird.
Im Forschungsprojekt LAILA (Linguistic awareness in language attrition) wurden an 17 Tiroler Schulen die Weiterentwicklung von metalinguistischen Fähigkeiten und Fremdsprachenkenntnissen sowohl in der ersten Fremdsprache (Englisch, L2) als auch in der zweiten (Italienisch oder Französisch, L3) und allen weiteren Fremdsprachen (L4,Ln) bei 436 mehrsprachigen SchulabgängerInnen vor und 1,5 Jahren nach der Matura untersucht. Besonders in der zweiten und weiteren, später und kürzer gelernten Fremdsprachen ist Sprachverlust sehr wahrscheinlich, da es nach Beendigung der Schulzeit wenig bis gar keine Gelegenheit gibt, diese Sprachen zu benutzen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sprachabbaustudien, die sich meist mit der (Rück)entwicklung von einer Sprache beschäftigen, wurden in LAILA alle Fremdsprachen und deren Entwicklung in Betracht gezogen. Mit LAILA haben wir die erste internationale mehrsprachige Sprachverluststudie vorliegen, bei der auch das metalinguistische Bewusstsein als eine emergente Eigenschaft mehrsprachiger Systeme berücksichtigt wird. Diese kognitive Fähigkeit bildet die Schlüsselvariable im M(ultilingualismus)-Faktor, der neben dem höher ausgebildeten metalinguistischen Bewusstsein auch (prozedurale) Sprachlernstrategien und stärker ausgeprägte Monitorfunktionen umfasst. Die Forschungshypothesen beschäftigen sich mit dem mehrsprachigen Bewusstsein und seiner Wirkung auf Sprachabbau, indem es ihn verlangsamt bzw. dass er SprecherInnen hilft, die Effekte des Sprachabbaus besser zu kompensieren. Ziel dieses Projektes, das in einem weitverzweigten Netzwerk internationaler Forschung, insbesondere in der Forschung zu dynamischer Systemtheorie/Komplexitätstheorie in der angewandten Sprachwissenschaft, verankert ist, war es, besser zu verstehen, wie sich die Produktion einer in der Schule erlernten Sprache durch reduzierte oder Benutzung verändert, und wie sich die Rolle der metalinguistischen Fähigkeiten unter diesen Umständen beobachten lässt. Die Probanden wurden zuerst zu ihren Sprachbiographien und zu ihrem Lerninteresse und Einstellungen zu Sprach(lern)en befragt, dann folgten Sprachstandfeststellungen in den jeweils erlernten Fremdsprachen sowie mehrere Aufgaben zum Sprachbewusstsein. Die größte Herausforderung stellte die zweite Testung dar, da es sehr schwierig war, die SchulabgängerInnen für die zweite Testung zu motivieren. Das Angebot von 50 Euro Honorar war für viele nicht überzeugend genug, aber durch persönliche telefonische Kontaktaufnahme und die Nutzung von sozialen Medien gelang es uns letztendlich, 189 Probanden für den zweiten Testdurchgang zu gewinnen. Aus der Studie geht hervor, dass ein erhöhtes metalinguistisches Bewusstsein sich signifikant positiv auf den Spracherwerb auswirkt, d.h. dass die Sprachkenntnisse in direkter Relation zum metalinguistischen Bewusstsein stehen und daher dem Sprachabbau demnach entgegenwirken. Ein überraschendes Ergebnis war, dass die Probanden in Englisch bei der zweiten Testung einen signifikanten Erkenntnisfortschritt zeigten, während in Französisch und Italienisch schon ein Abbau der Kenntnisse beobachtet wurde, dieser sich aber als statistisch nicht relevant herausstellte. Diese Entwicklung kann mit dem höheren Niveau an metalinguistischem Bewusstsein in Zusammenhang stehen, das bei der zweiten Testung festgestellt wurde. Ausserdem wurde deutlich, dass alle SchülerInnen, die Lateinunterricht bekamen, signifikant besser waren in den Fremdsprachenfeststellungen. Diese Ergebnisse sind von großer Bedeutung für den Unterricht, da sie den Stellenwert des mehrsprachigen Bewusstseins beim Sprachenlernen unterstreichen.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 9 Zitationen
- 2 Publikationen
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2020
Titel The attrition of school-learned foreign languages: A multilingual perspective DOI 10.1017/s0142716420000557 Typ Journal Article Autor Jessner U Journal Applied Psycholinguistics Seiten 19-50 Link Publikation -
2016
Titel Crosslinguistic influence in third language acquisition. Typ Book Chapter Autor Alonso Alonso