Archäologie des Amateurfilms. Ausgrabungen zur visuellen Kultur der Moderne
Amateur film archeology. Excavations in modern visual culture.
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Kunstwissenschaften (60%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Amateur Film,
Aesthetic Forms,
Cultural Practice,
Visual History,
Film History,
Social History
Das beantragte Forschungsprojekt zur Archäologie des Amateurfilms versteht sich als Erschließungs- und Analyseprojekt, das ein von der internationalen film- und kulturwissenschaftlichen Forschung bisher kaum zur Kenntnis genommenes Feld filmischer Ausdrucksweisen und -praktiken - den Amateurfilm - zum ersten Mal in systematischer Weise historisch untersucht. Dafür steht uns ein rund 7.000 Rollen Amateurfilm umfassender, grob vorstrukturierter Bestand des Österreichischen Filmmuseums zur Verfügung, der für die Grundlagenforschung in besonderem Maße geeignet erscheint, weil er mit Bezug auf das verwendete Filmmaterial, den Entstehungszeitraum, die Adressierung des Publikums sowie die "Autorenschaft" äußerst vielfältige filmische Dokumente enthält: Diese reichen von seltenen frühen Amateurspielfilmen und einer Sammlung von Amateurfilmen mit dem Schwerpunkt Zwanziger- und Dreißigerjahre über biographisch rekonstruierbare Familienfilme bis zu einem im Kontext Amateurfilm einzigartigen filmischen Nachlass (Sammlung Apfeltaler, rund 150 Rollen, darunter Familienfilme, Gebrauchsfilme, Aktualitäten); von komplex konstruierten Kulturfilmen bis zu einem umfassenden Sonderbestand an Flohmarktfunden höchst unterschiedlicher Provenienz (Sammlung Arash, ca. 1930 bis 1980). Ziel des Forschungsprojekts ist es, die im Bestand überlieferten Themenstellungen, Motivkomplexe und ästhetischen Formen in ihrer gegebenen Heterogenität historisch zu rekonstruieren und sie mit jenen kulturellen Praktiken in Beziehung zu setzten, deren Resultat und Ausdruck sie sind. Auf diese Weise kommt das Projekt zwei Forderungen nach, die in der rezenten Theoriebildung zum Amateurfilm wiederholt geäußert wurden: Zum einen der Forderung, die Untersuchung der kulturellen Praktiken des Amateurfilms vom Familienfilm auf die Produktionen so genannter ambitionierter Amateure auszuweiten; zum anderen, dies mit Blick auf die historische Entwicklung der ästhetischen Formen zu tun, und zwar um feststellen zu können, welche Einflussfaktoren - technologische Entwicklungen, sozialgeschichtliche Aspekte und intermediale Referenzen - ihrer beider Genese bestimmen. Nicht zuletzt geht es der Untersuchung also darum, die Fülle an faktischen, historischen, sozialen und materialen Informationen über die visuelle Kultur der Moderne freizulegen, die der Amateurfilm enthält, dazu das methodische und analytische Instrumentarium zu entwickeln sowie auf einer empirischen Basis zu erweitern und die Informationen der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen.
Noch bis vor wenigen Jahren führten Amateurfilme ein Leben am Rande der Film- und Medienwissenschaft. Die Gründe dafür lagen in der mangelnden Vorbereitung der Archive auf die Sammlung, Sicherung und Digitalisierung umfangreicher Bestände,in der Annahme, Amateurfilme widmeten sich überwiegend und in ästhetisch redundanter Weise Ereignissen im Familienleben,im (verständlichen) Bemühen der Filmwissenschaften, Film über einen Kanon bedeutsamer Werke als >>Kunst des 20. Jahrhunderts<< akademisch aufzuwerten.Eines der Hauptergebnisse der eigenen empirischen Arbeit wie der Diskussion des Projekts auf internationalen Tagungen und Konferenzen lautet, dass Amateurfilme als integraler Bestandteil der Filmkultur und als Praxis moderner Subjektivierung zu betrachten, nicht aber einem umfassenden Genre-Begriff zu unterstellen sind, wie dies seit den bahnbrechenden Studien Roger Odins versucht worden ist. Aus den Forschungen des Projektes sind dafür exemplarisch drei Filme bzw. Korpusse hervorzuheben, die weitgehende Beachtung innerhalb der scientific community wie in einer erweiterten Öffentlichkeit gefunden haben:Ein abendfüllender Amateurspielfilm aus dem Jahre 1933 (>>Der grüne Kakadu<<), der einerseits die Geschichte des populären Mainstream-Kinos seiner Zeit rekapituliert, andrerseits durch die Arbeit mit den knappen Mitteln der Amateure avancierte Techniken (Handkamera) stilbewusst einsetzt. (Das Projekt war eingeladen, zu diesem Film einen Beitrag zum Sammelband >>Small-Gauge Storytelling<< von Ryan Shand und Ian Craven zu verfassen.)Die Arbeiten von Friedrich Kuplent, Pionier der österreichischen Filmklubbewegung, dessen Wiener Vergnügungsparkfilm von 1929 (>>Prater. Ein Film vom Rande des Alltags<<) eine originäre Verarbeitung avantgardistischer Filmsprache seiner Zeit durch Amateure belegt. (Im Österreichischen Filmmuseum wurden in einer eigenen Veranstaltung österreichische Avantgardefilme der zweiten Jahrhunderthälfte mit Kuplents frühen Filmen konfrontiert.)Das Lebenswerk Friedrich Apfelthalers, der sich vom einfachen Chronisten zum stilprägenden Ratgeber des privaten Filmschaffens im Dienste des renommierten Kamera-Produzenten EUMIG entwickelt hat. (Eine besondere Würdigung erfuhr das Projekt durch die Einladung, die Forschung zum Archivbestand Apfelthaler (Österreichisches Filmmuseum) im Kontext der Screen-Conference in Glasgow 2012 zu präsentieren.)Von Seiten der Projektleitung ist weiters die impulsgebende Rolle des Projektteams und des Projektpartners Österreichisches Filmmuseum bei der Etablierung eines transnationalen Netzwerkes zum Amateurfilm hervorzuheben, das erstmals Forscher und Archive auf ein gemeinsames Arbeitsprogramm orientiert und damit die Grundlage für einen neuartigen Reader zum Thema gelegt hat.
- Heide Schlüpmann, Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main - Deutschland
- Susanne Regener, Universität Siegen - Deutschland
- Mirco Santi, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen - Italien
- Nico De Klerk, Sonstige öffentl. rechtl. Forschungseinrichtung - Niederlande
- Ryan Shand, University of Liverpool - Vereinigtes Königreich
- Michael Cowan, University of St. Andrews - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 6 Publikationen
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2012
Titel How to make moving images social again. Ein Gespräch mit Rick Prelinger. Typ Journal Article Autor Fest K Journal Kolikfilm, Sonderheft, Interview with Rick Prelinger -
0
Titel Geschichte und Filmvermittlung: Neue Perspektiven (Film Education and the Past: New Perspectives). Typ Other Autor Fest K -
2013
Titel Die ephemere Stadt. Urbane Sequenzen in Wiener Amateur- und Gebrauchsfilmen. Typ Book Chapter Autor In: Brigitta Schmidt-Lauber Et Al (Ed.): Wiener Urbanitäten. Kulturwissenschaftliche Ansichten Einer Stadt -
2013
Titel . The Aesthetic of the Possible: The Green Cockatoo As Bricolage of Heterogeneous Traditions DOI 10.3366/edinburgh/9780748656349.003.0012 Typ Book Chapter Autor Mattl S Verlag Edinburgh University Press Seiten 242-259 -
2013
Titel Filmgeschichte als Sozialgeschichte der Stadt DOI 10.7767/boehlau.9783205789970.355 Typ Book Chapter Autor Mattl S Verlag Brill Osterreich Seiten 355-396 -
2012
Titel Stadt. Bewegung. Amateurfilm. Zur medialen Kartographie des bürgerlichen Amateurfilmers in den 1930er Jahren. Typ Book Chapter Autor Fest K