Jenseits der Schützengräben
Beyond the Trenches
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (85%); Soziologie (15%)
Keywords
-
First World War,
Military History,
Eastern Front,
Cultural Studies,
Social History,
Eastern Europe
Die bisherigen deutsch- und englischsprachigen kulturwissenschaftlichen Studien über die Kriegserfahrung von Soldaten des Ersten Weltkrieges fokussieren auf die Westfront, selten auch auf den italienischen Kriegsschauplatz: der Schützengraben-Krieg, Kriegsneurosen und das Trauma des Individuums vor dem maschinellen Krieg sind die wesentlichen Narrationen dieser Studien. Aber diese Studien zeigen nur eine Seite des Krieges, der Krieg in Südost- und Osteuropa hatte eine andere Gestalt: die Frontlinien waren äußerst mobil und konnten innerhalb von kurzer Zeit um hunderte Kilometer verschoben werden; der Krieg konnte durch taktische Manöver und militärisch waghalsige Strategien beeinflusst werden; es gab heftige Kämpfe um schwer befestigte Festungen; Pferde und eine mobile Artillerie spielten während des gesamten Krieges eine große Rolle (teilweise auch über 1918 hinaus). Zwar mussten auch die Soldaten an der Ostfront in die Schützengräben, dies war aber nicht das dominierende Kriegserlebnis. Schwerste Zerstörungen von großen Gebieten, soziale Konflikte, die Besatzung fremden Territoriums, und ab 1917 eine Ideologisierung des Krieges führten zu engen und konfliktreichen Kontakten zwischen Militärangehörigen und Zivilbevölkerung. Im Projekt sollen erstmals die Kriegserfahrungen von österreichisch-ungarischen Militärangehörigen an der Ostfront untersucht werden. Dafür werden persönliche Aufzeichnungen und veröffentlichte Kriegserinnerungen analysiert und in ihren Narrationen verglichen. Diese Methode wird durch eine kritische Bildanalyse von zeitgenössischen (un)veröffentlichten Fotos ergänzt. Militärische Akten und die relevante Forschungsliteratur sollen zur Abrundung der Thesen führen. Eine Arbeitsgruppe mit österreichischen und internationalen Wissenschaftlern sorgt für eine kritische Revision der während des Projektes entwickelten Thesen. Vejas Liulevicius hat in seinem Buch "Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg" (2002) die deutsche Erfahrung und Erinnerung im Osten nachgezeichnet und ihren Einfluss auf das politische und militärische Denken in der deutschen Gesellschaft nach 1918 nachgewiesen. Das "weite Land" bot zwar militärisch die Möglichkeit zur Mobilität war aber zeitgleich angsteinflößend, weil keine Grenzen mehr sichtbar waren. Dies wiederum weckte Fantasien von einer kolonialen Eroberung des Ostens. Bisher gibt es keine vergleichende Analyse zur Kriegserfahrung von österreichisch-ungarischen Soldaten, Offizieren und Vertretern der Verwaltung. Es ist nämlich nicht davon auszugehen, dass Liulevicius These auf Österreich-Ungarn bzw. seine Nachfolgestaaten einfach umgelegt werden kann, da viele seiner Grundvoraussetzungen auf Österreich-Ungarn nicht oder nur eingeschränkt zutreffen. Deshalb muss die Frage aufgeworfen werden, ob die österreichisch- ungarischen Militärangehörigen eine eigene oder den bisher in der Wissenschaft vorherrschenden Thesen entsprechende Wahrnehmung des Krieges in Osteuropa hatten. Auf dieser Basis werden im beantragten Projekt folgende Fragen aufgeworfen: Welches Bild des Krieges an der Ostfront wird von österreichisch-ungarischen Militärangehörigen gezeichnet? Die meisten Militärangehörigen kämpften nicht nur an der Ostfront, sondern auch an anderen Fronten: Werden ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichen Einsatzorten verglichen, und was sind ihre Rückschlüsse? Gibt es eine genuin deutschsprachige, österreichisch-ungarische Sicht auf "den Osten", oder entspricht dieser dem Blick des deutschen Verbündeten? Können verschiedene Phasen der Erinnerung und Interpretation der Kriegserfahrung im Osten während und nach dem Krieg definiert werden? Können Einflüsse der Propaganda auf die privaten Erinnerungen festgemacht werden? Gibt es eine unterschiedliche Interpretation der Wahrnehmungen zwischen Soldaten und Offizieren sowie zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen/nationalen und religiösen Gruppen? Wie sehen die langfristigen Narrationen über "den Osten" nach 1918 aus?
Der Schwerpunkt der Forschungsanstrengungen im Projekt lag bei der Erforschung der persönlichen Kriegserfahrung einfacher Soldaten in Osteuropa 1914-18. Das Erbe des Ersten Weltkrieges für Mittel- und Osteuropa führte zum Verlust dieser spezifischen Erfahrung. Mit dem Projekt haben wir versucht gerade im Kontext des weltweiten Erinnerns an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, diesen Kriegsschauplatz dem Vergessen zu entreißen. Im Projekt waren 21 Forscherinnen und Forscher versammelt um verschiedene Aspekte von Krieg und Erfahrung in Osteuropa zwischen 1914 und den frühen 1920er Jahren zu erkunden. Mit ihrer Forschungsarbeit deckten sie den Großteil des zerfallenen Habsburgischen und des Russischen Reiches ab. Durch die Integration von Forscherinnen und Forschern, die sich auch anderen Kriegsschauplätzen widmen, haben wir versucht Spezifika der Ostfront herauszuarbeiten. Eines der Hauptergebnisse des Projektes war ein weithin gelobter Sammelband unter dem Titel Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrung Wahrnehmung Kontext (Studienverlag, 2013). Die Kriegserfahrung an der Ostfront muss von jener anderer Kriegsschauplätze deutlich unterschieden werden. Die Soldaten erlebten den Krieg weniger industrialisiert und entmenschlicht, ganz speziell wenn sie von der Isonzo Front kamen. Da die Front unvergleichlich länger war, konnte sie auch nicht so gut befestigt werden wie jene gegenüber Italien oder Frankreich. Auch die häufigen, längeren Kampfpausen erlaubten Phasen relativer Ruhe. Nichtsdestotrotz kam es aber auch an der Ostfront an gewissen Abschnitten zu schwersten Kämpfen, nicht weniger brutal wie am Isonzo oder der Westfront. Außerdem hatten die Soldaten noch eine zusätzliche Herausforderung zu meistern: die Natur. Lange Winter mit Kälte und schwerem Schneefall waren das Hauptproblem. Schlamm, die schlecht ausgebaute Infrastruktur, große Flüsse, dichte Wälder, riesige Sumpfgebiete, Gebirge wie auch weite und leere Ebenen erforderten hohes Organisationstalent der Armeeführungen und schwere Opfer für die einzelnen Soldaten. Die Forschungen haben auch gezeigt, dass wir ein tieferes Verständnis des kulturellen Hintergrundes der Soldaten und der lokalen Bevölkerung benötigen. Besonders jene Soldaten, die aus relativ homogenen Gesellschaften der westlichen Teile der Habsburgermonarchie entstammten, reagierten sehr sensibel als sie mit der Vielsprachigkeit und den verschiedenen religiösen Ausformungen in Osteuropa konfrontiert waren. Misstrauen, Unverständnis und bis zu einem gewissen Grad sogar koloniale/imperiale Sehnsüchte waren das Ergebnis dieser Erfahrungen. Nicht alle, aber eine nicht unerhebliche Zahl von Soldaten reagierten auf diese Erfahrung mit Antisemitismus, Antislawismus und anderen radikalen Diskursmustern. Das alle geschah vor dem spezifischen Kontext von Krieg und Gewalt. Diese Bilder hatten einen entscheidenden Einfluss auf die Diskurse über den Osten in der Zwischenkriegszeit. Deshalb darf der langfristige Einfluss der osteuropäischen Kriegserfahrung Habsburgischer Soldaten auf die zentraleuropäischer Gesellschaften nicht unterschätzt werden. Die Kriegserfahrungen an der Ostfront des Ersten Weltkrieges spielten eine entscheidende Rolle in der Stärkung des Bildes von territorialen Erweiterungen in Osteuropa. Im Gegensatz zu anderen Kriegsschauplatzen wie etwa der West oder Italien-Front aber ganz ähnlich zur ebenso noch zu wenig erforschten wie der Balkanfront , war hier militärische Bewegung während des gesamten Krieges möglich. Riesige Territorien wurden durch die teilnehmenden Armeen erobert und ausgebeutet. Auch die Mittelmächte konnten hier noch Gebiete erobern, auch wenn sie erkennen mussten, dass der Krieg an dieser Front nicht gewonnen wird.
Research Output
- 3 Zitationen
- 9 Publikationen
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2012
Titel Austrian Soldiers on the Eastern Front during World War I. A Collective Biography. Typ Journal Article Autor Dornik W Journal Günter Bischof - Fritz Plasser (Ed.), Austrian Lives. Contemporary Austrian Studies. -
0
Titel Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrung - Wahrnehmung - Kontext. Typ Other Autor Bachinger B -
2013
Titel Misconceived realpolitik in a failing state: the political and economical fiasco of the Central Powers in the Ukraine, 1918 DOI 10.1080/19475020.2012.761393 Typ Journal Article Autor Dornik W Journal First World War Studies Seiten 111-124 -
2013
Titel Die deutschen Kolonien [...] bringen mit grosser Bereitwilligkeit Vorräte und beschenken die Truppen reichlich. Die Politik Österreich-Ungarns gegenüber der Ukraine und den Schwarzmeerdeutschen im Ersten Weltkrieg. Typ Book Chapter Autor Alfred Eisfeld - Guido Hausmann - Dietmar Neutatz (Hg.) -
2014
Titel A School of Violence and Spatial Desires? Austro-Hungarian Experiences of War in Eastern Europe. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Dornik W Konferenz Gunda Barth-Scalmani - Joachim Bürgschwentner - Matthias Egger (Ed.), Other Fronts, Other Wars: Proceedings of the 6th Conference of the ISFWWS, Innsbruck 21-23 September 2011 -
2014
Titel Occupation during and after the War (Russian Empire). Typ Book Chapter Autor Dornik W -
2014
Titel Besatzungsrealitäten. Typ Book Chapter Autor Dornik W -
2014
Titel Conrad and the Austrian Origins of World War One. Typ Journal Article Autor Dornik W Journal Günter Bischof, Ferdinand Karlhofer, Samuel Williamson (Ed.), 1914: Austria-Hungary, the Origins and the First Year of World War I. Contemporary Austrian Studies -
2014
Titel Der 'überlagerte' Krieg. Österreichisch-ungarische Soldaten im 'Osten' 1914-1918ff. Typ Book Chapter Autor Dornik W