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Interaktive Imaginationen: eine kognitive Ethnographie körperlicher Koregulation

Imagery for interaction: A cognitive ethnography of co-regulating bodies in contact

Michael Kimmel (ORCID: 0000-0001-5006-975X)
  • Grant-DOI 10.55776/P23067
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 16.05.2011
  • Projektende 15.07.2014
  • Bewilligungssumme 296.512 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (20%); Soziologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)

Keywords

    Cognitive ethnography, Cultural body techniques, Multimodal gestalt imagery, Co-regulation, Empirical phenomenology, Improvisational interaction

Abstract Endbericht

Die kognitive Ethnographie untersucht koregulative Körperinteraktion (Fogel 1993, Semin & Cacioppo 2008) in kulturellen Praktiken, worin zwei Individuen einander mittels Bewegen, Berühren, Affekt- und Energiefluss kontinuierlich formen. Solche "Körperdialoge" erzeugen gefühltes Wissen vom eigenen Körper, Partnerkörper und des Ganzen. Sie erfordern somatische und konzeptuelle Fähigkeiten. Mit dem Ziel dies integrativ zu beleuchten, vergleichen wir Tango argentino, Aikido, die Feldenkrais Methode, und Shiatsu. Die Studie erfasst Handlungsinventarien und performative Prinzipien (Fuchs & DeJaegher 2010) typischer Interaktionsequenzen mikro-ethnographisch. Sie befördert eine phänomenologische Sicht auf verkörperte Gestalten, sowohl in somatischer Imagination als auch in konzeptuellen Stützkonstruktionen. Imagination liegt improvisatorischem "Vokabular" sowie Regulationsmechanismen situierter Interaktion zugrunde. Jede Fallstudie untersucht die Wechselbezüge von: (a) Körpermodell und dem damit verbundenen Habitus, d.h. wie der Körper in einer Disziplin vorgestellt wird und wie das Bewegungssystem und die inneren und äußeren Sensorien auf dialogische Empfänglichkeit geschult werden; (b) Strategien des Partnerspürens und Einsatz konzeptueller Regulatoren mittels "affordances" (s.u.), "homebase" - Konfigurationen, und wahrnehmungsleitender Theorien zum Partnerspüren oder -korrigieren (c) System-Designs zur Situierung der Körperpraktiken, d.h. Rahmenvorgaben für das Interaktionssystem durch prozedurale Regeln und kognitive Frames. Methodologie: Wechselbezüge dieser Ebenen spiegelt die Gestaltimagination in sprachlicher (Metaphern, Technikjargon, ), gesturaler, oder lautmalerischer Form, die über introspektive und dialogische Methoden erhoben wird. Die Perspektive erlaubt, anders als Verhaltensbeobachtung, den Zugang zu subtilen und energetischen Aspekten des Körpererlebens und expliziert wie Imagination (in perzeptuellen Schablonen, funktioneller Anatomie, oder Experten-"Kniffen") Handlung "unterwegs" anleitet. Ein Methoden-Mix kommt zur Anwendung: Phänomenologische Methoden des Laut-Denkens und Interviews explizieren Körper-wissen, v.a. Wahrnehmungs- und Aktionsschemata die gemeinhin implizit bleiben (Petitmengin 2006). Eine Tagebuchmethode und Videoethnographie ergänzt dies. Sämtliche Daten werden in Atlas.ti Software integriert analysiert; Videodaten mit ELAN. Analyseebenen: Auf der Mikroebene erforschen wir (a) das Inventar von Handlungselementen (b) Konfigurationen zwischen Körpern, die "affordances" für improvisierendes Handeln anbieten, und (c) Generalprinzipien dynamischer Imagination. Eine Interaktion entsteht, indem ein Partner den anderen aktiv "erfühlt" und dessen Feedback zum Handeln nutzt. Daraus resultiert eine reziproke Kausalschleife. Diziplinäre Schemata definieren Körperhaltung, Wahrnehmung und Partnerrapport, sei es als Habitus oder temporärer somatischer Aufmerksamkeitsmodus (Csordas 1993). Die stärker makroskopische Analyse zielt auf Habitusveränderungen im Lernen (Wacquant 2003) und effizientere Formen der Wissensorganisation. Abschließend bieten prozedurale Regeln teils aushandelbare Frames für "Körperdialoge" und stabile Ziele, die alle genannten Ebenen durchdringen. Auf Vorstellungsschemata basierende Phänomenologie: Adaptierte kognitionslinguistische Methoden erlauben es, Gestaltstrukturen wie KRAFT, VERBINDUNG, ACHSE, AUF-NIEDER, BALANCE, ZYKLUS, oder PFAD (Johnson 1987) zu kombinieren und auf Körperhaltung, Raumkonfiguration, Bewegungsrichtung, Energievektoren, Aufmerksamkeits-Fokus, und projektive Regulationsbilder anzuwenden. Um Koregulation zu verstehen wird - mittels der Phänomenologie situativer Auslöser und Alternativen - analysiert, wie im Handlungsfluss Vorstellungsschemata entstehen, die eine oder mehrere Handlungsaffordances aufweisen (Gibson 1979). Im Improvisieren zeigt dem Experten der jeweils andere Körper bzw. die Konfiguration mit dem eigenen die Nähe wichtiger Knotenpunkte an, die so aktiv ansteuerbar sind. Zudem bilden allgemeine Orientierungsgestalten das phänomenologische Gegenstück zu Attraktoren (Kelso 1995). Sie stützen, etwas invarianter, ein Bündel von Interaktionen (z.B. Kraftvektoren zum anderen Torso hin, um den Partner-Rapport zu halten). Für eine funktionierende Interaktion sind diese kognitiven Strukturen entweder dauerhaft (Tango, Aikido) oder phasisch (Shiatsu, Feldenkrais) durch ein geteiltes Verständnis asymmetrischer Aufgabenverteilung und das Wissen um relevante Auslöser zwischen den Partnern abgestimmt.

Wir erforschten Lerner- und Expertenfertigkeiten des participatory sense-making und der Koregulation in Aikido, Shiatsu, Feldenkrais und Tango. Grundlage aller vier Disziplinen ist es, eine Resonanzschleife zu erzeugen, die ununterbrochene reziproke Verursachung mit Minimalverzögerung zwischen den Agenten ermöglicht, und dazu strukturelle gegenseitige Durchdringung durch Muskelketten zwischen Körpern, etc. nutzt (mutual incorporation). Das Thema ist allgemein relevant für die Erforschung von Humankognition, da in Paartanz, Kampfsport und Körperarbeit die Anforderungen des kontinuierlichen Kontakts, der Mikrokoordination und Komplementarität mit Anforderungen des Improvisierens im Hier und Jetzt zusammentrifft. Unsere Forschung beleuchtet, wie eine derart komplexe menschliche Leistung möglich wird, indem multiple sensorische und kognitive Fertigkeiten trainiert und situativ aufeinander abgestimmt werden.Ziele. Wir erarbeiteten ein umfassendes Paradigma zur kontext-sensiblen Untersuchung von Interaktionsfertigkeiten mittels taktiler, kinästhetischer und anderer Sinne mit den Zielen (a) einer fein-granularen Interaktionsbeschreibung, oft auf der Zeitebene <1 Sek., (b) einer Theorie dynamischer Mikro-fertigkeiten in Wahrnehmung, Handlung und Imagination, die gemeinsames Improvisieren unterstützen, ergänzt durch ermächtigenden somatischen Habitus, und (c) eine Erklärung, wie es Experten gelingt, emergente Koordinationsmuster temporär zu stabilisieren und bedeutungsvoll zu gestalten. Unsere Sicht verankert zudem abstrakte Konzepte über dynamische Systeme, wie nichtlineare Selbstorganisation, in klar umrissenen verkörperten Fertigkeiten.Methoden. Unsere vier kognitiv-ethnographischen Studien wurden von Praktiker-Forschern umgesetzt, die mikrogenetische Interviews und Laut-Denken mit Lernern und Experten ihrer Disziplin durchführten (Interviews wurden wiederholt, um Entwicklungen abzubilden). Dazu wurden dialogische Erhebungsmethoden für sensomotorisches Erleben aus dem Vorgängerprojekt auf alle Disziplinen umgelegt Zusätzlich führten die vier Subprojektleiter ein persönliches Tagebuch, um ihre Entwicklung im jeweiligen Bereich zu verfolgen, weitere Vignetten auszuarbeiten, und ihre introspektiven Fähigkeiten zu trainieren.Befunde. Echtzeitinteraktion resultiert in überindividueller Emergenz, die gekonnt durch feinst-koordinierte Aushandlungen kanalisiert wird oder von vorne herein angeleitet wird mittels bekannter kurzer Standardkoordinationsaufgaben zwischen zwei Entscheidungspunkten. Erkennbare Form in der Interaktion entsteht vermittels eines Konglomerates von physiologischen, sensorimotorischen, kognitiven, sowie systemischen Faktoren, die biomechanische oder interaktionsbezogene Selbstorganisation begünstigen. Interaktionsexpertise besteht daher in der Fähigkeit, diese Faktoren gekoppelt in eine ausgewogene situative Balance zu bringen. Dynamische Unmittelbarkeit in der Resonanzschleife und ein reichhaltiger Bestand an Formen und Prinzipien ermöglicht es, im Fluss zu bleiben, präzise koordiniert zu handeln, und als Paar stets für Neues bereit zu sein.Basismechanismen. Improvisierte Interaktion benötigt eine Echtzeitpassung von mehrfachen constraint-Systemen, z.B. um motorische Einheiten mit Knotenpunkten von biomechanischer Stabilität in Deckung zu bringen. Wir entwickelten eine Taxonomie dafür eingesetzter kognitiver Grundlagen. Fundamental für Echtzeitreaktivität und flüssiges Handeln sind eine geschulte Aufmerksamkeit und sogenannte Mechanismen der schlauen Wahrnehmung des Experten, welche die funktionale Logik der Disziplin rasch und auf einen Blick erfassbar machen. Zudem bieten eine Anzahl modularer Schritte, Rotationen, Griffe, Drucktechniken, etc., das Material aus dem sich improvisiertes Handeln speist. Ähnliches gilt für Repertoires und Kompositformen (Mini-Skripts), memorierte Knotenpunktkonfigurationen des Systems, rhythmische Schablonen oder anderen Formbedingungen auf höheren Zeitebenen, sowie Wissen über allgemeine dynamische Prinzipien - eine Ressource, die insbesondere fortgeschrittene Experten zunehmend nutzen um durch soft-assembly von Lösungen unabhängig zu werden von modularen Fertigversatzstücke. Eine geeignete Vorkalibrierung von Blick, Händen, Haltung, Muskelspannung etc. ist ein weiterer ermöglichender Faktor für gelungene Interaktionen. Individuen, die sich um ihren Part kümmern (z.B. mittels guter Aufrichtung), beeinflussen damit unmittelbar auch den Paarkontakt, die Handlungsbereitschaft und Kommunikationskanäle positiv. Ermöglichende Zweierkonfigurationen, eine Grammatik des Paares, stützen genannte Aspekte des Praktiker-Vokabulars zusätzlich entscheidend.Dynamische Fertigkeiten. Ein weiteres Ziel war es, mikrodynamische Fertigkeiten vor dem genannten Hintergrund zu beschreiben. Diese beinhalten dynamisches Spürhandeln, schrittweise Spürspezifikation während des Handelns, das Herstellen von Optionen im übernächsten Schritt, das Abwarten von sensorischen Auslösern für Phasentiming, das Abpassen opportunistischer Abzweigungen, das aktive Modulieren des anderen Körpers, um seine Reaktivität zu optimieren, u.v.a.m. Die Bedeutung liegt hier in einem Inventar nützlicher Kniffe, mit denen Experten die zeitliche Dynamik von Aufgaben zu ihrem Nutzen wenden. Im Fortgang des Projekt interessierte uns immer mehr auch die komplexe Koaleszenz von und Synergien zwischen Mikrofertigkeiten innerhalb eines Verhaltensbogens. Z.B. kann ein bestimmter erfolgreicher Ablauf zugleich eine bestimmte Paargeometrie, einen sensorischen Filter, eine Handlungstechnik und das richtige dynamische Timing in Koaleszenz erfordern. Andererseits nutzen mache Lösungen auch Simplexität, z.B. kann eine gute Tanzachse mehrere Funktionen auf einmal einlösen. Dynamische Ordnungen. Im Geiste jüngster enaktivistischer Ansätze zu participatory sense-making nutzen wir die Theorie komplexer dynamischer Systeme als Metasprache, um Synergiebildung und Interaktion als selbstorganisierenden Prozess mit emergent-überindividuellen Charakteristika zu verstehen. Zudem sind fortgeschrittene Praktiker oft selbst Experten für synergetisches Prozessmanagement, z.B. indem mehrere dynamische Gesetze in Balance gebracht werden statt Fertigversatzstücke zu verwenden. Körperarbeiter nutzen ein ausdifferenziertes systemisches Verständnis von Körpern und systemische Transformationsstrategien, um zu entscheiden welche Griffe, Dehnungen und Drucktechniken sie benutzen sollen. Systemtheorie diente ebenfalls der Beschreibung der Ebenen dynamischer Ordnung in zuvor gesammelten Motion-Capture Daten im Tango, inklusive wichtiger Wechselwirkung von innerkörperlichen und konfigurativ-dyadischen constraints. Vergleich. Die Breite unserer Disziplinen-Stichprobe ermöglichte es, Faktoren zu identifizieren, die global beeinflussen, in welchen Bahnen sich Interaktion abspielt (Systemdesigns): Dies hängt ab von den Kernzielen einer Disziplin (z.B. Ästhetik, Effizienz, Heilung, Improvisation als Selbstzweck), dem Tempo und der externen Taktung der Handlung, dem Zeithorizont, der Flexibilität oder der Vorgabe der Formen, ob beidseitig Expertise nötig ist (2 Experten vs. Expert-Klient), ob Zusammenarbeit oder wie in Aikido Antagonismus vorherrscht, und von ca. einem Dutzend weiterer Faktoren.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 103 Zitationen
  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel The anatomy of antagonistic coregulation: Emergent coordination, path dependency, and the interplay of biomechanic parameters in Aikido
    DOI 10.1016/j.humov.2018.08.008
    Typ Journal Article
    Autor Kimmel M
    Journal Human Movement Science
    Seiten 231-253
  • 2018
    Titel Affordances in Interaction: The Case of Aikido
    DOI 10.1080/10407413.2017.1409589
    Typ Journal Article
    Autor Kimmel M
    Journal Ecological Psychology
    Seiten 195-223
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Affordances in interaction – the case of Aikido
    DOI 10.1080/10407413.2018.1438198
    Typ Journal Article
    Autor Kimmel M
    Journal Ecological Psychology
    Seiten 00-00
  • 2021
    Titel Decision-making in Shiatsu bodywork: complementariness of embodied coupling and conceptual inference
    DOI 10.1007/s11097-020-09718-7
    Typ Journal Article
    Autor Kimmel M
    Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences
    Seiten 245-275
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Dynamic Coordination Patterns in Tango Argentino: A Cross-Fertilization of Subjective Explication Methods and Motion Capture
    DOI 10.1007/978-3-319-25739-6_10
    Typ Book Chapter
    Autor Kimmel M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 209-235
  • 2015
    Titel Bodywork as systemic and inter-enactive competence: participatory process management in Feldenkrais® Method and Zen Shiatsu
    DOI 10.3389/fpsyg.2014.01424
    Typ Journal Article
    Autor Kimmel M
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 1424
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Begegnung mit Methode: Funktionale Integration als Kunst der synergetischen Koregulation.
    Typ Journal Article
    Autor Luger M
    Journal Feldenkraisforum
  • 2014
    Titel Der Körper ist System: Selbstversuch zur Synergiebildung zwischen systemischer Therapie und somatischer Praxis.
    Typ Journal Article
    Autor Luger M
    Journal Systemische Notizen

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