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Nach dem Toleranzpatent: Galizische Juden 1790-1848

After the Edict of Tolerance: Galician Jews 1790-1848

Martha Keil (ORCID: 0000-0002-2571-4902)
  • Grant-DOI 10.55776/P23066
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2011
  • Projektende 28.02.2014
  • Bewilligungssumme 201.086 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%); Wirtschaftswissenschaften (25%)

Keywords

    Galicia, Economics, Jews, Oligarchy, Communities, Education

Abstract Endbericht

Das vorliegende Projekt ist als Fortsetzung des laufenden FWF-Projekts M1087-G08 Vom Kahal zur Israelitischen Kultusgemeinde: Galizische Juden 1772 - 1790 geplant. Am Anfang dieses Übergangs standen 64 miteinander assoziierte galizische Kahalim mit weitreichenden politischen und fiskalischen Befugnissen. An seinem Ende waren es 141 vereinzelte, nur für kultische Angelegenheiten zuständige Kultusgemeinden (IKG). Anhand der Akten der Lemberger und Wiener Behörden sowie der galizischen IKG soll das Folgeprojekt 1) wirtschaftliche und soziale Folgen des Toleranzpatents erforschen, und zwar sowohl für eine gesamte Gemeinde als auch für die Individuen. 2) Im Kontext des Gegensatzes zwischen den Chassidim und den Maskilim soll der Einfluss des Staates auf die Machtverhältnisse innerhalb der IKG untersucht werden. 3) Eine weitere zu erforschende Folge der Politik des aufgeklärten Absolutismus sind galizische Bildungsprojekte der Maskilim. Ad 1): Mehrere galizische Kahalim waren bereits während der Übergangsphase 1772-1790 stark verschuldet, zum Teil noch aus der Zeit vor der Revindikation Galiziens. Während der there-sianisch-josephinischen Epoche häuften sich neue Steuerschulden. Zu Beginn der österreichischen Herrschaft wurden nämlich in Galizien zahlreiche spezifisch jüdische Abgaben eingeführt. Daraus ergab sich eine enorme finanzielle und soziale Belastung der jüdischen Bevölkerung, von der mehr als drei Viertel ohnehin der untersten Steuerklasse angehörten. Der Aktenbestand Judensachen des Landesguberniums in Lemberg enthält lückenlose jährliche Angaben über den Finanzzustand der Judengemeinden und über deren Steuerleistung zwischen 1790 und 1848. Ad 2): Vielversprechend ist dieser Bestand auch im Bezug auf die Folgen der Aufhebung der Gemeindeverbindungen auf Landesebene und darauf, wie sich die Dezentralisierung, ja Atomisierung des jüdischen Gemeindewesens auf die Verbreitung der Haskalah und des Chassidismus auswirkte. Während in den "urbanen" Gemeinden wie Lemberg, Brody und zum Teil Tarnopol Maskilim an die Spitze kamen, waren in den meisten kleineren Judengemeinden des Landes die Chassidim nicht nur zahlenmäßig sondern auch in den Gemeindevorständen dominierend. Sie bildeten veritable Oligarchien, deren Netzwerke und Interaktionen analysiert werden sollen. Anhand der Akten des Landesguberniums und der Kreisämter wird überprüft, welche Politik die Landesadministration zwischen 1790 und 1848 bezüglich der Besetzung der Vorstände Israelitischer Gemeinden verfolgte. Ad 3): Damit im engen Zusammenhang stand das von Herz Homberg geleitete deutsch-jüdische Schulwesen. Die erste dieser insgesamt 107 Schulen und Schulklassen wurde in Galizien noch 1787 gegründet, die Blütezeit erfolgte jedoch erst nach 1790. Der Archivbestand der Lemberger IKG enthält Akten aus mehreren Gemeinden über die Finanzierung solcher Schulen, den Bau und die Renovierung der Schulgebäude, die Entlohnung der Lehrkräfte sowie ausführliche Schülerlisten. Zahlreiche Konflikte hinterließen entsprechende Suppliken und Klagen. Außer den Schulen selbst wird der Augenmerk vor allem ihren Schülern - einer völlig anders als bis dahin ausgebildeten jüdischen Generation - gehören. Sie wurde zum wichtigen jüdischen Akteur während der Ereignisse des Jahres 1848 im Kronland. Mit einem jüdischen Bild des Revolutionsjahres in Galizien, welches eine Epoche des Übergangs von der Toleranz zur bürgerlichen Gleichberechtigung eröffnete, wird dieses Projekt abgeschlossen.

Im Rahmen dieses Projekts wurden die Folgen des Übergangs galizischer Judengemeinden von den im polnischen Adelsstaat formierten autonomen Organisationsformen zum Josephinischen Judensystem untersucht. Trotz der teilweisen Rücknahme aufgeklärt-absolutistischer Reformen nach 1790 wurde das jüdische Gemeindeleben in Galizien über ein halbes Jahrhundert im Wesentlichen durch Josephinische Bestimmungen geprägt. Diese hatten ursprünglich eine bürgerliche Angleichung zum Ziel. Dafür wurden den galizischen Kahalim 1785 ihre alten fiskalischen und politischen Befugnisse genommen. Die gesonderte Gerichtsbarkeit wurde aufgehoben und die jüdische Bevölkerung kam unter die allgemeine Jurisdiktion. Im Rahmen dieser Angleichung mussten jüdische Familienväter bis zum Beginn des Jahres 1788 deutsche Geschlechternamen für sich und ihre Nachkommen annehmen und jüdische Gemeinden alle ihre Bücher und ihren Schriftverkehr ausschließlich auf Deutsch führen. Wenig Erfolg war der im März 1788 angeordneten Abstellung jüdischer Kleidertracht beschieden. Auch das 1787 begonnene aufgeklärte Projekt der deutsch-israelitischen Schulen erlebte seine Blütezeit erst nach dem Tode des Reformkaisers, wurde aber bereits 1806 zugunsten der traditionellen Chadarim wieder aufgegeben. Wenig erfolgreich waren auch Projekte zur sogenannten Produktivierung der Juden: Die 1788 angeordnete Beteiligung von Juden als Unternehmer und als Arbeiter an den noch zu schaffenden galizischen Manufakturen wurde nicht realisiert. Auch die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation erreichte mangels brauchbarer Ackerböden und finanzieller Ressourcen nur bescheidene Erfolge. Aufgrund des entschlossenen Widerstandes des Landadels endeten mit dem Tode Josephs II. auch die Versuche, die Juden aus der Propination, dem Alkoholgeschäft der Szlachta, zu verdrängen. Eine wichtige Trendwende brachte außerdem die Französische Revolution. Seit 1789 wurden aufgeklärte Reformen von den herrschenden Eliten immer weniger als Entwicklungschance, sondern zunehmend als ernsthafte Bedrohung für die bestehende Herrschaftsordnung wahrgenommen. Daher wurde generell verstärkt auf politisch konforme religiöse Traditionen und auf bestehende Machtstrukturen gesetzt.Die unter Joseph II. eingeführte diskriminierende Sonderbesteuerung Koscherfleischgefälle und Lichtergefälle blieb dagegen erhalten. Deren Abschaffung wurde 1848 zu einem der galizisch-jüdischen Hauptanliegen. Von dauerhafter Wirkung erwiesen sich Josephinische Bestimmungen über die jüdische Gemeindeorganisation. Das sogenannte Präliminarpatent vom 17. Mai 1785 verwandelte die miteinander assoziierten autonomen Kahalim in einzelne Kultusgemeinden. Einerseits brachte dies eine Befreiung vieler Judengemeinden von den drückenden Schulden. Andererseits wurde durch die Aufhebung des auf der Halacha begründeten gesonderten Gerichtswesens das einzige wirksame Gegengewicht zu den oligarchischen Tendenzen innerhalb der Judengemeinden beseitigt. Die rund 150 zersplitterten Gemeinden wurden den jeweiligen Potentaten-Familien ausgeliefert. Anhand einschlägiger Archivakten wurde festgestellt, dass sich das Metternichsche System in Galizien ausschließlich für die Finanzen der Judengemeinden sowie für die politische Loyalität der Vorstände interessierte, ohne sich um die Rechtmäßigkeit von deren Wahl zu kümmern. Der Umstand, dass über drei Viertel der jüdischen galizischen Steuerzahler arm und daher in ihren Gemeinden nicht stimmberechtigt waren, trug, wie auch die Schwäche des Mittelstandes, maßgeblich zur Verfestigung der Abhängigkeitsverhältnisse und Machtnetzwerke bei. Vom Vorstand und nicht von der Mehrheit der Gemeindemitglieder war abhängig, ob sich die Gemeinde etwa als chassidisch oder aufgeklärt positionierte. Erfolgreiche aufgeklärte Schulgründungen in Tarnopol (1813) und in Brody (1815) waren nur deshalb möglich, weil sich die lokalen Vorsteher als Fortschrittsanhänger verstanden. Diese und andere Forschungsergebnisse werden ausführlich in einer Projektmonographie dargestellt.

Forschungsstätte(n)
  • Institut für jüdische Geschichte Österreichs - 100%

Research Output

  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2011
    Titel Die Politik des aufgeklärten Absolutismus und die Judengemeinden Galiziens.
    Typ Journal Article
    Autor Pacholkiv S
    Journal Frühneuzeit-Info
  • 2011
    Titel Gminy zydowskie w Galicji w ll. 1772-1848. Zagadnienia badawcze. [Jewish Communities in Galicia 1772-1848. The Research Issues].
    Typ Book Chapter
    Autor Galicja 1772-1918. Problemy Metodologiczne
  • 2011
    Titel Die 'Ostjuden' als Begriff in der Geschichte.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Pacholkiv S
    Konferenz 'Ostjuden' Geschichte und Mythos, ed. Sabine Hödl, Institut für jüdische Geschichte Österreichs (=Juden in Mitteleuropa, Sankt Pölten 2011)
  • 2011
    Titel Social Implications of the Incorporation of Galicia into the Habsburg Realm.
    Typ Book Chapter
    Autor Pacholkiv S

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