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Powers und die Identität von Agenten

Powers and the Identity of Agents

Edmund Runggaldier (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P23059
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 02.05.2011
  • Projektende 01.01.2016
  • Bewilligungssumme 267.839 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Powers, Dispositions, Persistence, Endurance, Personal Identity, Agency

Abstract Endbericht

Dispositionen bzw. powers gehören zu den meistdiskutierten Themen der gegenwärtigen Metaphysik. Insbesondere in den vergangenen Jahren ist das Interesse am ontologischen Status von powers stetig gewachsen. Zahlreiche Argumente aus der Philosophie der Physik, der Chemie und der Biologie sprechen dafür, dass powers reale Eigenschaften sind. Dass es Dispositionen, Kapazitäten, Funktionen etc. wirklich gibt, stellt zudem eine fundamentale Überzeugung unseres alltäglichen Lebens dar. Denn wir erfahren uns selbst als Agenten, denen verschiedene Fähigkeiten und Vermögen zukommen. Dass wir als Handelnde über powers verfügen, ist ein integraler Bestandteil unseres Weltbildes. In unserem Projekt setzen wir uns mit einigen fundamentalen ontologischen Fragen auseinander, die im Zusammenhang mit der Annahme der Realität von powers auftreten. Im Besonderen untersuchen wir die Wechselbeziehungen zwischen powers und den Bereichen von 1) Persistenz, 2) personaler Identität und 3) Agenskausalität. 1) Bereits in unserem vorherigen FWF-Projekt zur Frage der Persistenz sind wir zum Begriff der powers gelangt und haben diesen als Schlüsselbegriff für die gegenwärtige Debatte zwischen "Endurantisten" und "Perdurantisten" erkannt. In unserem neuen Projekt möchten wir die These testen, dass die Identitäts- und Kontinuitätskriterien eines Individuums von seinen wesentlichen Dispositionen abhängen, und umgekehrt. 2) Wir werden weiters die Rolle untersuchen, welche Dispositionalität in verschiedenen Theorien personaler Identität spielt, die sich auf erst-personale Fähigkeiten wie die Fähigkeit zu Selbstreferenz gründen. Unser Ziel hierbei ist es, das Potential solcher Ansätze für ein nicht-reduktives Verständnis personaler Identität, wie es Anhänger der sogenannten "simple view" vertreten, zu ergründen. 3) Darüber hinaus werden wir uns der Frage widmen, wie sich unsere Alltagsüberzeugung, kausal wirksame Handelnde zu sein, mit der Annahme dispositionaler Eigenschaften auf der mikroskopischen Ebene der Naturwissenschaften vereinen lässt. Wir werden in diesem Zusammenhang dafür argumentieren, dass sich der naturwissenschaftliche Mikro-Bereich und der makroskopische Bereich unserer Lebenswelt nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich ergänzen und zusammen ein vollständigeres Bild der Wirklichkeit ergeben. Agenskausalität, so werden wir auszufalten versuchen, steht nicht im Widerspruch zur Annahme der in den Naturwissenschaften vorherrschenden Ereigeniskausalität. Obwohl der ontologische Status von powers gegenwärtig ein großes Interesse erfährt, wird die Relevanz der Thematik für die genannten Bereiche der Philosophie nur selten behandelt. Mit unserem Forschungsprojekt haben wir vor, diese Zusämmenhänge und damit unser Selbstverständnis als verantwortliche Handelnde neu zu beleuchten.

Wir erfahren uns als tätig und aktiv, als Wesen, die Vieles verändern, bewirken und hervorbringen können. Die Annahme, dass wir kausale Kräfte, Fähigkeiten und Vermögen haben, scheint damit Teil unseres Selbstverständnisses zu sein. Dennoch galt diese Annahme in der Philosophie lange Zeit als verpönt. Vorherrschend waren bis vor kurzem Kausalitätstheorien, die ohne die Behauptung von Kräften in der Natur auskamen. Im Anschluss an Hume wurde der Standpunkt vertreten, dass Kausalität nichts anderes ist als die regelmäßige Abfolge von Ereignissen. Was es letztlich gibt, so wurde angenommen, seien durchwegs nicht-dispositionale Entitäten. Erst in jüngerer Vergangenheit wurde dieses Humesche Kausalitätsverständnis vermehrt in Frage gestellt. Ausgehend von den Ergebnissen der Naturwissenschaften machen sich heute zahlreiche Philosophen und Wissenschaftstheoretiker für die These stark, dass die Annahme kausaler Kräfte in der Natur unverzichtbar ist. Die Regelmäßigkeit natürlicher Vorgänge ist demnach kein unhintergehbares Postulat, sondern durch Kausalkräfte und Dispositionen grundgelegt. Weil die Natur dispositional aufgeladen ist, verhalten sich die Dinge regelmäßig. Dispositionalität ist somit die Basis der natürlichen Regelmäßigkeit. Sie ist der metaphysische Klebstoff, der die Wirklichkeit zusammenhält. In unserem Forschungsprojekt haben wir die Voraussetzungen und Implikationen dieser neuen dispositionalistischen Ansätze für unser Selbstverständnis als Handelnde und unsere Identität als Personen untersucht. Wir haben die vorwiegend wissenschaftstheoretisch geführte Debatte zu Vermögen und Kausalkräften mit unserer lebensweltlichen Selbsterfahrung verknüpft. Insbesondere haben wir argumentiert, dass sich menschliches Handeln nicht ohne den Verweis auf Kausalkräfte erklären lässt. Personen handeln, indem sie ihre Vermögen aktualisieren. Handelnde sind demnach nicht bloß der Schauplatz des Widerstreits der Kräfte, wie in manchen neueren handlungstheoretischen Ansätzen behauptet wird. Personen lassen sich als die Träger der für Handlungen wesentlichen Fähigkeiten weder reduzieren noch eliminieren. Umgekehrt bestimmen die Vermögen handelnder Personen auch deren Existenzbedingungen. Wann eine Person anfängt und wann sie aufhört zu existieren, hängt von ihren dispositionalen Eigenschaften ab. So werden Personen üblicherweise so lange als existent angenommen, wie sie über bestimmte rationale Fähigkeiten verfügen. Dieser Ansatz lässt sich auch auf nicht-personale Lebewesen ausweiten. Auch deren Fortbestehen in der Zeit hängt vom Fortbestehen bestimmter Fähigkeiten ab. Mit dieser Deutung des Verhältnisses von Vermögen, Handlung und Person stehen wir in der Tradition des Aristotelismus. Neo-aristotelische Zugänge zu metaphysischen handlungs- und kausalitätstheoretischen Fragen haben in jüngerer Vergangenheit stark an Popularität gewonnen. Sie stellen heute die stärkste Alternative zu Humeschen Deutungen der Wirklichkeit dar. Der Verlauf der Welt ist dem Aristotelismus zufolge kein unverbundenes Nacheinander, sondern lässt sich aus dem Zusammenspiel der konkreten Einzeldinge anhand ihrer Kausalkräfte erklären. Diese Wirklichkeitsdeutung erscheint uns angesichts unserer Forschungsergebnisse der Humeschen Position vorzuziehen zu sein. Sie ist sowohl mit der naturwissenschaftlichen Praxis als auch mit unserem lebensweltlichen Selbstverständnis besser vereinbar.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 80%
  • Jesuitenkolleg Innsbruck - 20%
Nationale Projektbeteiligte
  • Edmund Runggaldier, Jesuitenkolleg Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in

Research Output

  • 5 Zitationen
  • 25 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Review of: Cordula Brand: Personale Identität oder menschliche Persistenz? Ein naturalistisches Kriterium.
    Typ Journal Article
    Autor Spann As
  • 2012
    Titel Potentiality in Scholasticism (potentiae) and the Contemporary Debate on Powers.
    Typ Book Chapter
    Autor Novak
  • 2012
    Titel Zwischen Selbigkeit und Veränderung: Personen und ihre transtemporale Identität.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Spann As
    Konferenz XXII Deutscher Kongress für Philosophie.
  • 2012
    Titel Mental causation in Suarez.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Runggaldier E
    Konferenz Dunshirn, Nemeth, Unterthurner (eds): Crossing Borders - Grenzen (über)denken - Thinking (across) Boundaries: Beiträge zum 9 Internationalen Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie.
  • 2015
    Titel Auf dem Kampfplatz der Metaphysik: Kritische Studien zur transtemporalen Identität von Personen.
    Typ Book
    Autor Spann As
  • 2015
    Titel The Power of God and Miracles
    DOI 10.24204/ejpr.v7i3.114
    Typ Journal Article
    Autor Gasser G
    Journal European Journal for Philosophy of Religion
    Seiten 247-266
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Handlung.
    Typ Book Chapter
    Autor Kolmer
  • 2011
    Titel Persistenzbedingungen der Dinge und Kontinuität der Vermögen (powers, potentialities)
    DOI 10.1515/9783110326819.61
    Typ Book Chapter
    Autor Runggaldier E
    Verlag De Gruyter
    Seiten 61-76
  • 2011
    Titel Ontologie der Vermögen (powers) und Dispositionen.
    Typ Journal Article
    Autor Runggaldier E
  • 0
    Titel Vermögen und Handlung: Der dispositionale Realismus und unser Selbstverständnis als Handelnde.
    Typ Other
    Autor Spann As
  • 0
    Titel The Ways Things Are (Philosophische Analyse / Philosophical Analysis).
    Typ Other
    Autor Kanzian C
  • 2016
    Titel Wie Dinge sind: Noch eine Alltagsontologie (Philosophische Analyse / Philosophical Analysis).
    Typ Book
    Autor Kanzian C
  • 2013
    Titel Dualität im Horizont des Physischen: Thomas Buchheims 'horizontaler Dualismus' als Antwort auf das Problem mentaler Verursachung.
    Typ Journal Article
    Autor Spann As
  • 2013
    Titel Ohne Metaphysik, bitte!? Transtemporale personale Identität als praktische Wirklichkeit.
    Typ Book Chapter
    Autor Gasser
  • 2013
    Titel Dialogbereitschaft und die Ontologie der Dispositionen und der Kausalität.
    Typ Book Chapter
    Autor Endress
  • 2013
    Titel Das (Selbst-)Bewusstsein und seine Grenzen: Baker, Nida-Rümelin und der Fähigkeitsbegriff.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Wehinger D
    Konferenz Moyal-Sharrock, Munz, Coliva (eds): Mind, Language and Action; Papers of the 36th International Wittgenstein Symposium (Publications of the Austrian Ludwig Wittgenstein Society - New Series).
  • 2013
    Titel Narrative Selbstkonzeption und nicht-narratives Selbstbewusstsein.
    Typ Book Chapter
    Autor Gasser
  • 2013
    Titel Person und Organismus.
    Typ Book Chapter
    Autor Kanzian C
  • 2015
    Titel Gibt es schlafende Personen? Eine Auseinandersetzung mit Peter Singer.
    Typ Book Chapter
    Autor Calvert (Ed): Probudi Krepost! Aretaicki Pristup Filozofiji/ Awakening The Virtue! Aretaic Approach To Philosophy: Festschrift In Honour Of Koprek Sj On The Occasion Of His 60Th Birthday (= Biblioteka Munus 8).
  • 2015
    Titel Ist der Hylemorphismus eine brauchbare Alternative zum Substanzdualismus?
    Typ Book Chapter
    Autor Quitterer J
  • 2014
    Titel The Changing Self: Philosophical Concepts of Self and Personal Identity in a Post-clinical Age of Genetics.
    Typ Book Chapter
    Autor Prainsack
  • 2012
    Titel Is “person” a sortal term?
    DOI 10.1017/cbo9781139028486.015
    Typ Book Chapter
    Autor Kanzian C
    Verlag Cambridge University Press (CUP)
    Seiten 192-205
  • 2014
    Titel Causa Formalis and Downward Causation.
    Typ Book Chapter
    Autor Hüntelmann
  • 2014
    Titel Aristotelian Agent-Causation.
    Typ Book Chapter
    Autor Novotny
  • 2014
    Titel Persönlichkeit und personale Identität: Zur Fragwürdigkeit eines substanztheoretischen Vorurteils.
    Typ Book Chapter
    Autor Friedrich

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