Kult und Ritual im Heiligtum des Jupiter Heliopolitanus
Cult and rituals in the sanctuary of Iuppiter Heliopolitanus
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (30%); Geschichte, Archäologie (70%)
Keywords
-
Carnuntum,
Cult,
Iuppiter Heliopolitanus,
Archeo-Zoology,
Ritual,
Deposit
Stratigrafische Dokumentation und Interpretation von gehäuftem Auftreten von Gegenständen in bestimmten Kontexten schaffen die Möglichkeit einer Rekonstruktion von Kult und Ritual als wichtigem Bestandteil der Erforschung antiker Heiligtümer. Besonders Tierknochen, die meist in Gruben deponiert wurden, sind eng mit Kultmählern und Opfern verbunden. Der Tierknochenbestand wird deswegen als wichtiger Faktor zum Verständnis von rituellen Handlungen, die die Fleischzerteilung und die Transformation des Fleisches beinhalten, angesehen. Im Zug der Erweiterung des römischen Pantheons durch "ausländische" Götter kamen nicht nur Mithras, sondern auch andere syrische Gottheiten wie Juppiter Dolichenus oder Juppiter Heliopolitanus in die westlichen Provinzen. Offensichtlich hat sich Carnuntum relativ früh als Zentrum für diese "orientalischen" Einflüsse etabliert, vielleicht durch den wichtigen Faktor der römischen Armee und deren Teilnahme am Jüdischen Krieg. Das Heiligtum des Juppiter Heliopolitanus in Carnuntum ist das einzige bekannte Heiligtum in den westlichen Provinzen des Imperiums und bietet die einzigartige Gelegenheit, einen bisher nur ungenügend bekannten Kult und seine Transformation zu untersuchen. Die Ausgrabungen des Heiligtums von 1978 bis 1981 begannen als Rettungsgrabung auf den "Mühläckern" im östlichen Bereich der Carnuntiner canabae und ihre Erforschung wurde erst kürzlich als Teil des Programms des Instituts für Kulturgeschichte der Antike an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wieder aufgenommen. Das Projekt bietet eine genaue Analyse der archäologischen Kontexte, verbunden mit einer ausgedehnten Studie der materiellen Hinterlassenschaften, um Einsicht in die Aktivitäten und Prozesse von Kult und Ritual zu gewinnen. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die Dokumentation und Aufnahme des archäozoologischen Materials, da bisher derartige Untersuchungen im Bereich von Pannonien fast vollständig fehlen, so dass wir grundlegend neue Erkenntnisse von den etwa 35.000 Tierresten aus verschiedenen Fundkontexten erwarten können. Vor allem die Zusammensetzung der Tierarten zeigt deutliche Unterschiede zu gewöhnlichen Siedlungsabfällen und zu anderen, als rituell interpretierten Grubenkomplexen. Hauptziel der ersten Projektphase ist die Klärung der Stratigraphie und ihre Verbindung mit den baulichen Überresten der Hauptgebäude sowie die Analyse der generellen Entwicklung des Heiligtums. In einer zweiten Phase wird diese Analyse der archäologischen Kontexte mit einer umfassenden Studie von Keramik und Kleinfunden sowie des archäozoologischen Materials verbunden, um neue Erkenntnisse zu den Charakteristiken und der Entwicklung von Kult und Ritual im Heiligtum zu gewinnen. Beide Arbeitsgruppen - Archäologen und Archäozoologen - beginnen mit der Materialaufarbeitung, während das dritte Jahr hauptsächlich der interdisziplinären Interpretation der Ergebnisse und der Publikationsvorbereitung gewidmet sein wird.
Der Kult der sog. Heliopolitanischen Trias, die Iuppiter, Venus Victrix und eine dritte, männliche Gottheit umfasst, stammt aus Syrien aus der heutigen Stadt Baalbek und wurde in der römischen Kaiserzeit durch Soldaten und Händler in den Westen des Reichs gebracht. Das Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus im Osten des römischen Legionslagers von Carnuntum (Bad Deutsch-Altenburg, Österreich) stellt das einzige bisher bekannte Heiligtum dieser Gottheit in den nordwestlichen Provinzen dar und bietet damit die einzigartige Gelegenheit diesen bisher nur unzureichend erforschten Kult, seine Transformationen im Westen und seine Verbindungen zur römischen Armee zu erforschen. Das aktuelle Projekt konzentrierte sich auf die Bearbeitung der Dokumentation der Grabungen, die von 1978-1991 stattfanden, jedoch unpubliziert geblieben sind. Es gelang in überzeugender Weise eine Abfolge von zumindest sechs unterschiedlichen Bauphasen zu rekonstruieren, welche von der zweiten Hälfte des 1. bis zum 4. Jh. n. Chr. reichen. Besonders interessant war die Entdeckung der frühesten Phase des Kultplatzes, die noch in Holz erbaut wurde und in flavische Zeit datiert. Damit war der Nachweis eines der frühesten bekannten Heiligtümer in der Provinz Pannonien gelungen. In den 1980er Jahren konnten der westliche und zentrale Teil des Heiligtums nicht ausgegraben werden, was die Gesamtinterpretation der Anlage deutlich erschwerte. Da eine Wiederaufnahme der Grabungen in diesem Bereich aus organisatorischen und finanziellen Gründen außerhalb unserer Möglichkeiten war, wurde eine Geo-Radar-Untersuchung organisiert, durch welche der Grundriss des Heiligtums ohne Grabung verfolgt und vervollständigt werden konnte. Ihre Ergebnisse veränderten unsere Interpretation der Anlage deutlich, da sich zeigte, dass an der Westseite des Zentralhofs ein eindrucksvolles Tempelgebäude lag, das Ähnlichkeiten mit syrischen Tempeln zeigt. Daran schloss ein großer Hof mit Nebengebäuden im Westen an. Das Projekt umfasste auch eine umfassende Studie der materiellen Zeugnisse, durch welche die zeitliche Entwicklung geklärt und Einblicke in die rituellen Abläufe des Kults gewonnen wurden. In interdisziplinärer Zusammenarbeit wurde das archäo-zoologische Material bearbeitet, wobei sich seine Zusammensetzung deutlich von jenem von normalem Siedlungsabfall unterschied. Auffallend war ein Vorherrschen von Teilen von jungen Rindern, Schafen/Ziegen und von Haushuhn und Hausgans, während Schweine fast völlig fehlten. Die Schätzung der Gesamtzahl von Einzeltieren, die während eines großen Fests anlässlich der Reorganisation des Heiligtums in severischer Zeit konsumiert wurden, lässt auf zumindest 300 Teilnehmer rückschließen und betont damit die Wichtigkeit des Kults in Carnuntum.
Research Output
- 8 Zitationen
- 16 Publikationen
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2012
Titel Wandmalereien aus dem Bereich des Bades im Heiligtum des Jupiter Heliopolitanus von Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Studien Zur Kulturgeschichte Von Oberösterreich. -
2012
Titel Das Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum; Überlegungen zu den älteren Kultbauten an der Ostseite, ihrer Ausstattung und den Mechanismen ihrer Aufgabe. Typ Book Chapter Autor Carnuntum Jahrbuch 2009-2011. -
2011
Titel Die Anfänge des Heiligtums des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum (Flur Mühläcker). Die Forschungen 2010 DOI 10.1553/anzeiger145_2s11 Typ Journal Article Autor Gassner V Journal Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse Seiten 11-36 Link Publikation -
2011
Titel Das Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus in den östlichen Canabae (Flur Mühläcker). Typ Book Chapter Autor Gassner V -
2008
Titel Eine Zauberpuppe aus dem Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum. Typ Book Chapter -
0
Titel Götterbilder - Menschenbilder, Religion und Kulte in Carnuntum; Katalog der Ausstellung im Archäologischen Museum Carnuntinum im Rahmen der Niederösterreichischen Landesausstellung 2011. Typ Other Autor Humer F -
2013
Titel Das unsichtbare Heiligtum - die Ergebnisse der geophysikalische Prospektion im Westteil des Heiligtums des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Carnuntum Jahrbuch 2013. -
2013
Titel Choice and Constraint: Butchery practices on cattle ribs from a Roman sanctuary at Carnuntum (Lower Austria). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kunst Gk Konferenz Archeometriai Mühely / Archaeometry Workshop -
2013
Titel Two Bone Artefacts from the Sanctuary of Iupiter Heliopolitanus in Carnuntum (Lower Austria). Typ Book Chapter Autor Gal E -
2013
Titel Destruction or Demolition? The case study of the sanctuary of Iuppiter Heliopolitanus at Carnuntum. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Steigberger E Konferenz Proceedings to the International Round Table "Destruction - Archaeological, philological and historical perspectives" at Louvain-La Neuve. -
2013
Titel Offered to Gods, Eaten by People: Bird Bones from the Sanctuary of Jupiter Heliopolitanus in Carnuntum–Mühläcker (Austria) DOI 10.1002/oa.2371 Typ Journal Article Autor Gál E Journal International Journal of Osteoarchaeology Seiten 336-346 -
2014
Titel Das Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Gassner V -
2014
Titel Zur Wiederverwendung von Steindenkmälern in Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Kremer G -
2014
Titel Die Fallstudie des Heiligtums des Iuppiter Heliopolitanus in Carnuntum; Neue Forschungsergebnisse im nördlichen Teil des Heiligtums. Typ Book Chapter Autor Steigberger E -
2014
Titel Die Frühphase der östlichen Canabae von Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Carnuntum Jahrbuch 2013. -
2014
Titel The Painted Decoration of the Sanctuary of Jupiter Heliopolitanus in Carnuntum. Typ Book Chapter Autor Tober B