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Polemisches Christentum

Polemical Christianity

Ludger Hagedorn (ORCID: 0000-0002-6936-4668)
  • Grant-DOI 10.55776/P22828
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.12.2010
  • Projektende 30.06.2014
  • Bewilligungssumme 250.357 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Philosophie, Religion, Ideengeschichte, Europa, Phänomenologie

Abstract Endbericht

Jan Pato?ka (1907-1977) gilt heute als einer der bedeutendsten modernen Denker Mitteleuropas. Die Reflexion der geschichtlichen und philosophischen Bedeutung der Religion, insbesondere des Christentums, stellt einen integralen Bestandteil seiner Untersuchungen zur europäischen Geistesgeschichte dar. Das Forschungsprojekt gilt der Problematik der Religion in Pato?kas philosophischem Werk und ihrer Relevanz für die "Krise der Moderne". Es soll einen weiteren wichtigen, bisher noch nicht systematisch erfassten Teil seines Werks erschließen und für die internationale Rezeption zugänglich machen; zentrale Texte zur Problematik sollen übersetzt und ediert werden. Die Forschung zum Werk wird einhergehen mit dem Versuch einer systematischen Einschätzung der Bedeutung von Pato?kas Denken für die Neubestimmung des Orts der Religion in der modernen Gesellschaft, wie sie derzeit von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen betrieben wird. Das Projekt baut auf mehr als zwanzig Jahre Pato?ka-Forschung am IWM auf.

Das Projekt untersuchte die Rolle der Religion für das Werk Jan Patockas (1907-77) sowie ihre Bedeutung für die sogenannte Krise der Moderne. Anders als für Husserl und Heidegger, seinen wichtigsten philosophischen Bezugsgrößen, basiert die Krise des modernen Europa ihm zufolge nicht allein auf dem Objektivismus und Mathematismus der neuzeitlichen Naturwissenschaften (Husserl) oder dem Gestell der Technowissenschaft (Heidegger), sondern wird als ein breiteres historisches Phänomen verstanden, das auch mit Aspekten der Religion verknüpft ist. Folglich wird die Frage, wie aus der christlichen Zivilisation die nachchristliche entstand, zu einem der Leitfäden seiner Studien zur europäischen Ideengeschichte. Die historische Diagnose bildet gleichwohl nur den Ausgangspunkt für die philosophische Frage, was dieser Wandel für die gegenwärtige Weltanschauung bedeutet. Seinem Selbstverständnis als nachchristlicher Denker entsprechend, mündet die Analyse keineswegs in die nostalgische Beschwörung eines Verlustes, ebenso wie auch der Forschungsansatz des Projektes nicht darin bestand, Religion gegen die philosophische, aufklärerische Tradition auszuspielen, sondern deren wechselseitige Öffnung zu umreißen. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses an Fragen von Religion und Säkularismus, lässt sich das Projekt als Auslegung religiöser Haltungen jenseits der kurzsichtigen Dogmen von Theismus und Atheismus verstehen. Es ist nicht nur die logische Nähe beider Standpunkte (als Negation des jeweils anderen), sondern allgemein die Fixierung auf das Gegenüber, die dazu führt, das beide etwas wesentliches von dem bewahren, was sie negieren. Wenn alles gegenwärtige Denken sich einst tatsächlich als langsame und schwere Gravitationsbewegung um die schwarze Sonne des Atheismus (J.-L. Nancy) begreifen lassen wird, dann zielt Patockas Diagnose auf genau diesen privativen und defizitären Charakter des Atheismus, der sogar gegen seine eigene Absicht blind und taub für jegliche religiöse Bereicherung bleibt. Es liegt darin keine positive Bestätigung des Theismus, vielmehr der Hinweis auf ein Unvermögen, jenseits oder zwischen alten Dichotomien zu denken. Das voreingenommene Verständnis der Religion zu überwinden, ist eines der Anliegen gegenwärtiger Religionsphänomenologie (Marion, Kearney, Steinbock, Caputo u.a.). Patocka ist in eben dieser Traditionslinie einer der wichtigsten Vorläufer eines solchen Ansatzes. Das Projekt Polemisches Christentum konnte zentrale Ideen dieses philosophischen Vorhabens umreißen und setzte sie in Beziehung zur gegenwärtigen Debatte. Das Forschungsvorhaben diskutierte die Bedeutung von Patockas Denken im Kontext der Religionsphänomenologie, die nicht nur eine lange Tradition hat, sondern sich gegenwärtig als einer der vielversprechendsten Ansätze zur Neubestimmung der Religion erweist. Die Projektergebnisse werden die internationale Rezeption seines Denkens weiter befördern. Neben der Übersetzung und Publikation einer Auswahl von zentralen Texten (auf Deutsch und Englisch) zu seiner originären Interpretation des Christentums, konnte das Projekt auch den Nachlass weiter erschließen.

Forschungsstätte(n)
  • Institut für die Wissenschaften vom Menschen - 100%

Research Output

  • 11 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel 'Die Hölle sind wir'. Zu Jzef Tischners Streit um die Existenz des Menschen.
    Typ Journal Article
    Autor Hagedorn L
    Journal Die Tages-post, 18.1.2012
  • 2011
    Titel Beyond Myth and Enlightenment: On religion in Patocka's thought.
    Typ Book Chapter
    Autor Hagedorn L
  • 2011
    Titel Violence and Nonviolence.
    Typ Book Chapter
    Autor Dodd J
  • 0
    Titel The New Yearbook for Phenomenology and Phenomenological Philosophy.
    Typ Other
    Autor Dodd J
  • 2013
    Titel On the Concept of Violence: Intelligibility and Risk.
    Typ Book Chapter
    Autor Dodd J
  • 2013
    Titel Jan Patocka and Built-space.
    Typ Book Chapter
    Autor Dodd J
  • 2013
    Titel Drama, Komödie, Inferno. Tischner und Guardini auf den Spuren Dantes.
    Typ Book Chapter
    Autor Hagedorn L
  • 2013
    Titel Drama der Verantwortung/Dramat Odpowiedzialnosci.
    Typ Book
    Autor Giardini R
  • 2013
    Titel On Brackets and on Being a Marxist-In-A-Certain-Sense.
    Typ Book Chapter
    Autor Hagedorn L
  • 2014
    Titel Lifeworld and Science.
    Typ Book Chapter
    Autor Dodd J
  • 2014
    Titel Kenosis. Die philosophische Anverwandlung eines christlichen Motivs bei Jan Patocka.
    Typ Journal Article
    Autor Hagedorn J
    Journal M. Staudigl/ Ch. Sternad (Hg.), Figuren der Transzendenz. Transformationen eines phänomenologischen Grundbegriffs, (Orbis Phaenomenologicus, Perspektiven Bd. 30)

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