Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (50%); Bauwesen (50%)
Keywords
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Visual Culture,
Globalisation,
Informal Markets,
Networked Cultures,
Urban Transformation,
Relational Architecture
Architektur ist materielle Politik - eine Form von politischer Konfliktpraxis, in der Kultur verhandelt wird. Dieses Projekt erforscht die Architektur anderer Märkte`: Räume informellen Handelns, die zu paradigmatischen Schauplätzen für das Entstehen vernetzter Lebenswelten (networked ecologies) im urbanen Wandel des 21. Jahrhunderts geworden sind. Im Sog ökonomischer Deregulierung und der damit verbundenen Mobilisierung von Menschen und Gütern haben informelle Systeme einen globalen Wirkungsradius erlangt - bei der Strukturierung sozialer Beziehungen, im Bewohnen unserer Umwelten oder in der Teilnahme an politischen und gesellschaftlichen Prozessen. Informelle Märkte, die sich an den Rändern von Metropolen oder entlang von Staatsgrenzen ansiedeln und oftmals weltweite Verbindungen unterhalten, bilden wichtige Knotenpunkte in diesem Geschehen. Inmitten der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und der Ausbreitung transnationaler Räume formen diese Plätze Prototypen einer neuartigen und extremen Raumkonfiguration. Im Brennpunkt der Untersuchungen stehen die Modalitäten der Raumproduktion informeller Märkte und ihre Bedeutung für neue Modelle von Zusammenleben und Austausch. Die global verteilten Knoten der informellen Ökonomie sind meist ein Effekt politischen Umbruchs, ökonomischer Destabilisierung, neuer Arbeitssituationen und Migrationsbewegungen. Angesichts des Ausfalls institutioneller Protokolle erzeugen sie komplexe Systeme alternativer Beziehungen. Das Projekt nähert sich diesen Entwicklungen mittels theoretischer und empirischer Untersuchungen zur visuellen Kultur informeller Märkte. Es platziert die Architekturen informeller Märkte als performative Praktiken und Indikatoren global wirkender rechtlich-politischer Abgleichungen, deren Mechanismen mittels Feldstudien und transdisziplinärem Austausch in drei verschiedenen Weltregionen (China/ Südostasien; Amerika/Grenzgebiete der USA; Südosteuropa und Mittelmeerregion) erforscht werden. Die Forschung bezieht diese Erkenntnisse auf den aktuellen Diskurs zu gestaffelter Mobilität, temporärer Landnutzung und flexibler (Staats-)Bürgerschaft: Welche Rolle können informelle Schauplätze für neue Formen des Regierens und für alternative Systeme des Austauschs spielen? Dieser Theorierahmen zur Entwicklung und Funktionsweise vernetzter Lebenswelten` folgt den Beziehungsstrukturen, Raumformationen und transnationalen Bahnen informeller Märkte, um den Wirkungsbereich informell koordinierter Handlungsweisen jenseits des Zugriffs etablierter Institutionen zu erforschen. Ein von der Forschung produzierter Atlas` soll Strategien informeller Raumaneignung, selbstorganisierten Austauschs und unaufgeforderter Teilnahme gegenüber sich verändernden sozio-ökonomischen Bedingungen urbanen Raums und der Tendenz zu Marketisierung, Transnationalisierung und Fragmentierung aufzeigen. Diese Ergebnisse sollen das katalytische Potenzial von Architektur in der Umgestaltung von globalen Praktiken in situierte kulturelle Logiken veranschaulichen und so einen wichtigen Beitrag im transdisziplinären Diskurs zum Umbau von Städten im 21. Jahrhundert liefern.
In Kooperation mit Forscher/innen auf der ganzen Welt untersuchte das Projekt Andere Märkte das Potenzial informeller Märkte neue Formen der wirtschaftlichen und sozialen Kooperation hervorzubringen. Informelle Märkte bilden wichtige Orte des Ausgleichs in Zeiten des Umbruchs. Ohne von jemandem geplant zu werden, entstehen diese Märkte, wenn Menschen nach Einkommens- und Versorgungsquellen suchen, die ihnen in der offiziellen Wirtschaft verwehrt bleiben. Im Zuge der Globalisierung der letzten zwei Jahrzehnte haben sich informelle Märkte zu wichtigen Knotenpunkten in einem weltweiten Netzwerk des Schattenhandels entwickelt und sind so zu einem entscheidenden Faktor in Fragen der zukünftigen Gesellschaftsentwicklung geworden. In der Einschätzung der Rolle von informellen Märkten dominieren derzeit zwei widerstreitende Ansätze: Für die eine Seite stehen soziale Aspekte des Handelns im Vordergrund. Diese Seite sieht in informellen Märkte unterstützenswerte Alternativen zum System des konsumorientierten Kapitalismus und seinen bekannten Problemen der Krisenanfälligkeit, der Bindung an das Wachstumsparadigma und damit zusammenhängender Umwelt- und Ressourcenzerstörung. Die andere Seite identifiziert mit informellen Märkten dagegen die Abwälzung der Kosten und Folgen dieses Systems auf die Ärmsten der Welt. Informelle Ökonomien verkörpern in dieser Sicht keine Alternative, sondern fungieren als Stütze der vorherrschenden Wirtschaftsordnung. Aufbauend auf 72 weltweit durchgeführten Fallstudien hat das Forschungsprojekt den Umgang mit informellen Märkten anhand ihrer räumlichen Entwicklung untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass die Geschichte vieler Märkte von Eingriffen von außen geprägt ist. Diese reichen von der Auflösung von Märkten und der Vertreibung von Händler/innen bis zur Umwandlung in feste Markthallen und privat betriebene Shopping Malls. Oft geschehen diese Maßnahmen ohne direkter Einbindung der Händler/innen, wodurch es zu Konflikten kommt. Aufschlussreich ist hier die Erkenntnis der Forschung, dass baulich-räumliche Maßnahmen sowohl im Namen der Verbesserung von informellen Marktplätzen durchgeführt werden, als auch zum Zweck der Integration dieser ökonomischen Aktivitäten in die Kontrollsysteme der offiziellen Wirtschaftskreisläufe. In der alltäglichen Politik von Stadtverwaltungen treffen folglich beide skizzierte Standpunkte zusammen. Die Analysen dieser Entwicklungen haben die Forschung dazu geführt, das Potenzial von informellen Märkten neu zu bewerten. Wie die Interventionsmaßnahmen (und das große Interesse internationaler Verbände) zeigen, liegt der Wert informeller Märkte insbesondere im Hervorbringen eines konkreten Ortes des Handelns an sich einer Marktgelegenheit, die als wichtige gesellschaftliche Ressource anerkannt werden muss. Die entscheidende Frage für den zukünftigen Umgang mit informellen Märkten ist somit, auf welche Art und Weise unterschiedliche Ansprüche auf diese Ressource ausverhandelt werden. Antworten darauf etwa eine Betrachtung informeller Märkte als Allmende sowie weitere Ergebnisse der Forschung hat das Projektteam in der 2015 durch das Deutsche Architekturmuseum (DAM) ausgezeichneten zweibändigen Publikation Informal Market Worlds (Atlas & Reader) für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
- Technische Universität Wien - 100%
Research Output
- 12 Publikationen
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2012
Titel Not for Sale! Urbane Praxis im Schatten der globalen Marktwirtschaft. Typ Book Chapter Autor Mörtenböck P -
2016
Titel From Urban Talent to Commodity City: Marketplaces in the Informal Economy. Typ Book Chapter Autor Encountering The City: Urban Encounters From Accra To New York -
2014
Titel Marktplätze der Öffentlichkeit: Der Aufstand des Informellen gegen die globale Ökonomie. Typ Book Chapter Autor Mörtenböck P -
2011
Titel At Home in the World. Typ Journal Article Autor Mooshammer H Journal P.E.A.R Paper for Emerging Architectural Research (Dwelling) -
2011
Titel Grauzonen des Handels. Typ Journal Article Autor Mosshammer H Journal Bildpunkt (anders handeln) Sommer 2011 -
2016
Titel Visual Cultures as Opportunity. Typ Book Autor Mooshammer H -
2013
Titel Informal Market Worlds: Instruments of Change. Typ Journal Article Autor Mooshammer H -
2013
Titel Trading Indeterminacy - Informal Markets in Europe (Nieokreslonosc handlu - Rynki nieformalne w Europie). Typ Book Chapter Autor Mörtenböck P -
2011
Titel Trading Places: Architectures of Informal Markets. Typ Book Chapter Autor Architecture In The Space Of Flows -
2011
Titel Making Do. Typ Book Chapter Autor Mörtenböck P -
0
Titel Informal Market Worlds: The Architecture of Economic Pressure - READER. Typ Other Autor Forman F Et Al -
0
Titel Informal Market Worlds: The Architecture of Economic Pressure - ATLAS. Typ Other Autor Mooshammer H