Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen
Personal learning and development in diverse classrooms
Wissenschaftsdisziplinen
Erziehungswissenschaften (100%)
Keywords
-
Personal Learning,
Personal Development,
Heterogeneity,
Hermeneutic Phenomenology,
Reflectivity,
Life Worlds
Das Forschungsprojekt "Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen" ist im Kontext einer zunehmenden Vielfalt von Lebenszusammenhängen zu sehen, die aufgrund der demographischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu einer starken Durchmischung der Schülerinnen und Schüler an allen Schularten bzw. -typen geführt hat.. Bemühungen, durch organisatorische Maßnahmen (z.B. äußere Differenzierung) zu einer homogenen Klassenpopulation zu kommen, scheitern meist daran, dass Kinder und Jugendliche in der heutigen Gesellschaft in ihren Sozialisationserfahrungen sehr große Unterschiede aufweisen. Sie erhalten im Alltag derartig viele außerschulische Entwicklungsanstöße, dass sich die Begabungspotenziale in unterschiedlichste Richtungen entwickeln. Mehr als je zuvor stellen hohe Bildungsabschlüsse möglichst vieler Bürger/innen ein gesellschaftspolitisches Desiderat dar. Durch die Aufhebung der in der österreichischen Sekundarstufe I bisher üblichen Differenzierung in unterschiedliche Schultypen bzw. Leistungsgruppen soll durch eine gemeinsame Schule der 10-bis 14 Jährigen mit bewusstem, zielorientiertem Lerndesign, innerer Differenzierung und formativer Leistungsbeurteilung Anschluss an die internationalen Erfolge von niedrig gegliederten Schulsystemen geschaffen werden. Das vorliegende Forschungsprojekt nimmt diese Intervention mit hoher bildungspolitischer Signalwirkung zum Anlass, die Möglichkeiten und Grenzen eines Systembruchs (von der äußeren zur inneren Differenzierung) zu erforschen. Dazu dienen Forschungsfragen wie: Welche Chancen haben die Neuen Mittelschulen (NMS) unter den gegenwärtigen Bedingungen von Schule, Unterricht und Lehrerbildung die unterschiedlichen Leistungsspektren der Schüler/innen in den heterogenen Klassen so zu fordern und fördern, dass jedes Kind die bestmöglichen Bildungsprozesse zur Erbringung der geforderten Leistungen erhält? Dahinter stehen Fragen der Auseinandersetzung mit der Akzeptanz und Antizipation von Differenzen und Identitäten im Gesamtgefüge sozialer Zusammenhänge. Der empirische Zugang erfolgt über einen Forschungsansatz, der möglichst nahe an den Akteuren im Feld (Schule bzw. Unterricht) angesiedelt ist. Im Mittelpunkt stehen die Schüler/innen als "Adressat/innen" der Schulreform, deren individuelle Entwicklung über einen überschaubaren Zeitraum verfolgt werden soll. An 20 NMSn, die sich an diesem Forschungsprojekt interessieren, werden jeweils 2 Schüler/innen mit heterogenen Entwicklungs- und Leistungsvoraussetzungen von Lehrpersonen benannt, um deren Bildungsverläufe über den Zeitraum eines Jahres zu verfolgen (3 Untersuchungszeitpunkte à 2-3 Tage, an denen Unterrichtsbeobachtungen erfolgen, Dokumentenanalysen sowie Interviews mit den Schüler/innen, Fokusgruppen, Lehrpersonen, Schulleitung, Eltern u.a. durchgeführt werden [t1: bis Mitte Oktober 2009, t2: Mitte Jänner, t3: Ende Mai]). Der Forschungsansatz der hermeneutischen Phänomenologie wird in die Datenerhebung und -auswertung integriert, um die personalen Bildungsprozesse der einzelnen Lerner/innen zu erfassen. Vignetten über den Schulalltag und die Bildungsprozesse werden gesammelt und analysiert. Die Ergebnisse des Projekts werden auf unterschiedlichen Ebenen wirksam: Da die Ausgangssituation an den beteiligten Schulen aufgrund ihrer institutionellen Biografien und regionalpolitischen Bedingungen als sehr unterschiedlich anzunehmen ist, werden sie in Form von Fallstudien zunächst in ihrer jeweiligen Eigenheit erfasst. Die Ergebnisse sollen in geeigneter Form mit den Schulen kommuniziert werden und zu deren Weiterentwicklung dienen. Auf übergeordneter Ebene soll ein Cross Casing erfolgen, das in Form einer Meta-Analyse übergeordnete Daten aus den einzelnen Fallstudien zu gewinnen versucht.
Das Forschungsprojekt Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen untersucht schulisches Lernen in der Erfahrungsdimension der Lernenden. Lernen wird als eine bildende Erfahrung verstanden, in der eine Person von der Welt in Anspruch genommen wird, darauf als etwas respondiert und in der Welt wirkmächtig wird. Trotz zahlreicher Befunde unterschiedlichster Disziplinen gilt Lernen immer noch als ungeklärtes Phänomen. Lernen entzieht sich in seinem Beginn und seinem Vollzug und ist, wenn überhaupt, nur von seinen Ergebnissen her empirisch erfassbar. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen Phänomene schulischen Lernens sowie das Potential bildender (Lern-)Erfahrungen aus pädagogisch-phänomenologischer und lernseitiger Perspektive Das Forschungsprojekt nimmt eine Perspektive lernseits von Unterricht ein und orientiert sich konsequent am Lernen, d.h. an den Lernerfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Wie erleben diese ihren Unterricht in unterschiedlichen didaktischen Settings aus persönlicher Sicht? Welche Phänomene schulischen Lernens zeigen sich im Schulalltag? Was bedeutet dies für personale Bildungsprozesse? Das Projekt, welches Lernen als Erfahrung versteht, möchte diese Lücke schließen, in dem versucht wird das schulische Lernen in statu nascendi zu erfassen. Kern dieser Ausarbeitungen bilden die sogenannten Vignetten. Vignetten sind schulische Erfahrungsmomente, die von den Forscherinnen und Forschern unmittelbar im Feld geschrieben werden. Es handelt sich dabei um Erzählungen, in denen die schulische Erfahrungsmomente, die von den Forscherinnen und Forschern miterlebt wurden, sprachlich zu kleinen Geschichten verdichtet werden. Erste Ergebnisse unserer Studie zu verschiedenen Phänomene des Lernens zeigen, dass bspw. Erfahrungen von Zuschreibungen einen großen Einfluss in der täglichen Praxis und auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern haben. Um nicht in Etikettierungen und Stigmatisierungen zu verfallen, erfordert der Umgang mit Zuschreibungen ein hohes Maß an Reflexivität, sowohl von der Institution, wie auch von der einzelnen Lehrperson. Weitere Einblicke bspw. in das Phänomen von Stille und still sein zeigen, dass insbesondere Unausgesprochenes und nicht verbal Artikuliertes mehr ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden sollte. Darüber hinaus konnte die Studie zeigen, dass nonverbale Körpersignale, wie Erröten, die Stirn runzeln, Stimmlage oder Körperhaltung, hohes Potential für ein lernseitiges Verständnis von Unterricht haben. Die gewonnenen Einblicke führen zu wechselnden Perspektiven in der Lehrer- und Lehrerinnenbildung, in dem der Blick von der Perspektive des Lehrens auf die Perspektive des Lernens gewendet wird. Der Forschungsansatz wurde bereits in zahlreichen nationalen und internationalen Symposien und Workshops präsentiert und auch den Verantwortlichen der Schulverwaltung sowohl auf Meso-, wie auch auf Makroebe vorgestellt. Der neu entwickelte Ansatz der Vignettenforschung wird in der Zukunft eine wichtige Rolle in der Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern und auch in der erziehungswissenschaftlichen Forschung spielen.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 6 Zitationen
- 14 Publikationen
-
2012
Titel Von Daten zu Taten - Evidenzbasierte Entwicklungsprozesse in Gang setzen. Typ Journal Article Autor Schratz M Journal Friedrich Jahresheft - Schule vermessen XXX (2012), Supplement -
2012
Titel Alle reden von Kompetenz, aber wie!? Sehnsucht nach raschen Lösungen. Typ Journal Article Autor Schratz M Journal Lernende Schule -
2012
Titel Dem Lernen in der Schulpraxis auf der Spur: Schülerporträts als Fokus der Praxisforschung. Typ Journal Article Autor Schratz M Journal Schulpädagogik - heute (On-line journal) -
2013
Titel 'Lernen ist das Persönlichste auf der Welt ' Plädoyer für eine lernseitige Orientierung im Unterricht. Typ Journal Article Autor Schratz M Journal SchulVerwaltung aktuell -
2012
Titel Lehren und Lernen: ein ungleiches Paar? Maßstäbe lernseits betrachtet. Typ Journal Article Autor Schwarz Jf Et Al Journal Friedrich Jahresheft - Schule vermessen -
2012
Titel 'Mittendrin, statt nur dabei'. Vignetten als Klangschalen des Lernens zur Professionalisierung im Rahmen von Lernateliers. Typ Journal Article Autor Kahlhammer M Journal Erziehung & Unterricht -
2012
Titel Lernseits forschen. Eine Akzentuierung. Typ Journal Article Autor Schwarz Jf Journal Erziehung und Unterricht -
2012
Titel Alles nach Maß. Fremde und eigene Ansprüche wahrnehmen. Typ Journal Article Autor Schlichtherle B Journal Lernende Schule, Heft -
2012
Titel Dem Lernen in der Schulpraxis auf der Spur: Schülerporträts als Fokus der Praxisforschung. Typ Book Chapter Autor Bosse -
2011
Titel Auf dem Weg zu einer Theorie lernseits von Unterricht. Typ Book Chapter Autor Meseth -
2013
Titel Planning for the unplannable: Responding to (un)articulated calls in the classroom. Typ Journal Article Autor Schwarz J -
2013
Titel Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Paxisforschung. Typ Book Autor Schratz M -
2011
Titel Vom Lehren zum Lernen. Typ Journal Article Autor Schratz M Journal Pädagogische Führung. Zeitschrift für Schulleitung und Schulberatung -
2011
Titel Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen DOI 10.1007/s35834-011-0001-5 Typ Journal Article Autor Schratz M Journal Zeitschrift für Bildungsforschung Seiten 25