Neurobiologische Korrelate der Zahnbehandlungsphobie
Neurobiological correlates of dental phobia
Wissenschaftsdisziplinen
Medizintechnik (50%); Psychologie (50%)
Keywords
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Affective Neuroscience,
Electromyographic Activity,
Dental Phobia,
Heart Rate,
Event-Related Potentials (Erp),
Disgust
Extreme Angst vor und Vermeidung von Zahnbehandlungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet und betreffen sowohl Männer als auch Frauen. Daher erstaunt es, dass kaum Befunde zur Neurobiologie der Zahnbehandlungsphobie (ZBP) vorliegen. In der geplanten Studie zur ZBP sollen elektrokortikale (EEG), elektromyographische (EMG), elektrokardiale (EKG) sowie affektive Reaktionen während Symptomprovokation registriert werden. Weiterhin werden Geschlechterunterschiede bezüglich der phobischen Reaktion untersucht. Schließlich wird der Versuch unternommen verschiedene Subtypen der ZBP zu identifizieren, nämlich einen Angst dominierten Typus (z.B. Angst vor dem Bohren) und einen Ekel dominierten Typus (z.B. erniedrigte Auslöseschwelle für den Würgereflex bei Platzierung von Zahnbehandlungsinstrumenten im Mund). TeilnehmerInnen der geplanten Studie sind 40 PatientInnen mit ZBP (20 Frauen, 20 Männer) und 40 Personen ohne Phobie. Nach einem diagnostischen Interview werden den TeilnehmerInnen Phobie relevante, allgemein Ekel und Angst auslösende sowie neutrale Bilder gezeigt. Währenddessen werden das EEG, das EMG des Musculus levator labii (`spezifischer Ekelindikator`) und des M. corrugator (`Stirnrunzler`) registriert. Anschließend stufen die TeilnehmerInnen die affektive Qualität der Bilder auf den Dimensionen Valenz, Erregung, Angst und Ekel ein. Das EEG wird bezüglich solcher evozierter Potentiale ausgewertet, die Indikatoren der motivierten Aufmerksamkeit und der allgemeinen emotionalen Verarbeitung sind (z.B. P300, Late Positive Potential). Baseline-korrigierte mittlere und maximale EMG-Reaktionen sowie Herzratenänderungen werden für alle Bildkategorien bestimmt. Es werden erhöhte späte ERPs für das Phobie relevante Material in der PatientInnengruppe erwartet. Abhängig vom Subtypus der ZBP sollte es während Symptomprovokation zu einem Anstieg der Herzrate und der Corrugator- Aktivität (Angst dominierter Typus) bzw. zu einer relativen Abnahme der Herzrate mit Anstieg der Levator- Aktivität (Ekel-dominierter Typus) kommen. Außerdem erwarten wir geschlechtsspezifische neurobiologische Reaktionskomponenten, z.B. größere ERP-Amplituden bei Frauen. Schließlich sind Korrelationsanalysen für die Überprüfung des Zusammenhangs von (geschlechtsspezifischen) neurobiologischen und klinischer Charakteristika der ZBP geplant. Die Befunde dieser Studie könne zu einem besseren Verständnis neurobiologischer Mechanismen der ZBP beitragen. Dies wiederum kann zur Verbesserung von psychotherapeutischen Behandlungsstrategien führen, die z.B. speziell auf die unterschiedlichen Subtypen der ZBP zugeschnitten sind.
Das Wissen bezüglich neurobiologischer Charakteristika der Zahnbehandlungsphobie (ZBP) ist noch immer sehr begrenzt. Deshalb wurde diese psychophysiologische Untersuchung durchgeführt, bei der das Elektroenzephalogramm (EEG), das Elektrokardiogramm (EKG) und das Elektromyogramm (EMG) zum Einsatz kamen, um ereigniskorrelierte Potentiale (EKPs), die Herzrate und die Aktivität zweier Gesichtsmuskeln von männlichen sowie weiblichen ZBP-Patienten während Symptomprovokation zu erfassen. Bei der ZBP handelt es sich um eine sehr häufige psychische Störung, die nach DSM-IV-TR dem Blut-Verletzung-Spritzen-Typus (BVS) der Spezifischen Phobie zuzurechnen ist. In dieser Studie wurden Männern und Frauen mit Dentalphobie sowie nichtphobischen KontrollprobandInnen Bilder präsentiert, die Zahnbehandlungen sowie allgemein angstrelevante, eklige und neutrale Inhalte zeigten. Währenddessen erfolgte ein kombinierte EEG/EKG/EMG-Messung.Während der Konfrontation mit störungsspezifischem Material wiesen sowohl männliche als auch weibliche Phobiker relativ zu den Kontrollen eine Herzratenbeschleunigung und eine Erhöhung später EKPs an posterioren Elektrodenpositionen auf. Dies spiegelt Angst und motivierte Aufmerksamkeit wider. Das Reaktionsprofil entspricht dem des Tiertypus der Spezifischen Phobie, nicht jedoch dem BVS-Subtypus. Deshalb sollte die gängige Klassifikation der Dentalphobia als Blut-Verletzungs-Spritzenphobie kritisch hinterfragt werden.Beobachtete Geschlechterunterschiede bezogen sich auf späte EKPs an frontalen Elektrodenpositionen, was im Sinne eine differentiellen Rekrutierung solcher neuronalen Netzwerke gedeutet werden kann, die in kontrollierte Aufmerksamkeitssteuerung eingebunden sind. Dabei zeigten Männer eine frontal Amplitudenerhöhung, die bei Frauen ausblieb. Darüber hinaus reagierten die weiblichen Patienten relativ zu den männlichen mit verstärkter elektrischer Muskelaktivität des M. levator labii, der Ekelerleben indiziert. Dies spricht für eine größere emotionale Expressivität der Frauen. Zusätzlich durchgeführte EEG-Quelllokalisationsanalysen, bei denen Dental- mit Spinnenphobikerinnen miteinander verglichen wurden, deuteten tiefer und länger andauernde Aufmerksamkeitsprozesse bei phylogenetisch (Spinnenphobie) relativ zu ontogenetisch basierten Phobien (Dentalphobie) an.
- Universität Graz - 100%
Research Output
- 77 Zitationen
- 5 Publikationen
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2012
Titel Investigating phobic specificity with standardized low resolution brain electromagnetic tomography (sLORETA) DOI 10.1016/j.brainres.2012.08.016 Typ Journal Article Autor Scharmüller W Journal Brain Research Seiten 74-82 -
2012
Titel Blut-, Spritzen-, Verletzungsphobie. Reihe Fortschritte der Psychotherapie. Typ Book Chapter Autor Leutgeb V -
2011
Titel Late cortical positivity and cardiac responsitivity in female dental phobics when exposed to phobia-relevant pictures DOI 10.1016/j.ijpsycho.2011.01.003 Typ Journal Article Autor Leutgeb V Journal International Journal of Psychophysiology Seiten 410-416 Link Publikation -
2011
Titel Frontal late positivity in dental phobia: A study on gender differences DOI 10.1016/j.biopsycho.2011.08.010 Typ Journal Article Autor Schienle A Journal Biological Psychology Seiten 263-269 -
2013
Titel Can you read my pokerface? A study on sex differences in dentophobia DOI 10.1111/eos.12079 Typ Journal Article Autor Leutgeb V Journal European Journal of Oral Sciences Seiten 465-470 Link Publikation