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Klientelpolitik am Immerwährenden Reichstag (1740-1763)

Political clientelism at the Permanent Diet (1740-1763)

Arno Strohmeyer (ORCID: 0000-0002-4077-8840)
  • Grant-DOI 10.55776/P21601
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2009
  • Projektende 28.02.2013
  • Bewilligungssumme 185.934 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (90%); Soziologie (10%)

Keywords

    Holy Roman Empire, Austria, Permanent Diet, Prussia, Clientelism

Abstract Endbericht

Die moderne Forschung zur Geschichte des Heiligen Römischen Reiches hat im Unterschied zur machtstaatlich orientierten Forschung älterer borussischer Prägung den rechts- und friedenswahrenden Charakter des Reiches akzentuiert. Dies gilt auch und gerade im Hinblick auf die kleineren und mittleren Reichsstände, die ihr politisches Überleben wesentlich dem Schutz des Kaisers und dem Funktionieren der Reichsverfassung verdankten und nicht selten Klienten des habsburgischen Reichsoberhauptes oder der größeren, armierten Reichsstände wie Brandenburg-Preußen wurden. Eine besondere Rolle spielten diese Klientelbindungen auf dem Immerwährenden Reichstag, wo sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in bipolarer Weise die kaiserliche und die preußische Partei gegenüberstanden. Vor diesem Hintergrund soll in explizit komparatistischer Weise erforscht werden, wie Österreich und Preußen in den Jahren zwischen 1740 und 1763 auf dem öffentlichkeitswirksamen Forum des Reichstags versuchten, Klientelpolitik zu betreiben und Patronageverhältnisse herzustellen bzw. über längere Zeit aufrechtzuerhalten, um in dem von Konflikten und Rivalitäten gekennzeichneten Zeitraum Verbündete zu gewinnen und eigene politische Ziele durchzusetzen. Man weiß aus der bisherigen Forschung zwar, dass es österreichische und preußische Klientelpolitik auf dem Reichstag gegeben hat, es ist aber nicht bekannt, welche Merkmale die Beziehungen der "Patrone" zu ihren "Klienten" aufwiesen, welche Faktoren das Prinzip von Leistung und Gegenleistung beeinflussten und ob bzw. wie es funktionierte. Das Erkenntnisinteresse des Projektes richtet sich somit auf bisher kaum erforschte Strukturmerkmale der Reichspolitik um 1750, die schlagwortartig mit dem Terminus der Verflechtung (im Sinne von Wolfgang Reinhard) bezeichnet werden können. Gerade indem die Ebene der beiden Vormächte im Reich in vergleichender Weise konsequent mit der Ebene der kleinen und mittleren Reichsstände verknüpft wird, leistet das Forschungsvorhaben zudem einen innovativen Beitrag zum Verständnis der spezifischen Beziehungen zwischen den größeren Potenzen und den nach Maßstäben der europäischen Mächtepolitik mindermächtigen Gliedern im Reichsgefüge. Das Geschehen auf dem Immerwährenden Reichstag vermag wie kein anderer Schauplatz der Reichspolitik, diese Fragestellung zu illustrieren, denn dort kam es zu konkreten Interaktionen zwischen den österreichischen bzw. preußischen Gesandten einerseits und den Gesandten der reichsständischen Klientel der beiden Vormächte andererseits. Mit der Erforschung der Klientelpolitik Wiens und Berlins werden zugleich die formellen und informellen Strukturen sowie die konkrete Funktionsweise des Reichstags in dem Zeitalter des sich zunehmend verschärfenden österreichisch-preußischen Dualismus herausgearbeitet und wird "das neue Bild vom Alten Reich" (Anton Schindling) um einen wichtigen Aspekt erweitert.

Der Immerwährende Reichstag (1663-1806), eine der zentralen Institutionen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, war für den Wiener Hof ein wichtiges Forum zum Aufbau und zur Pflege einer getreuen Anhängerschaft. Lange Zeit ist er von der historischen Forschung negativ bewertet worden. Dies lag vor allem an der Orientierung der älteren Geschichtsschreibung an macht- und nationalstaatlichen Vorstellungen.In den letzten Jahrzehnten ist es jedoch zu einer fundamentalen Neubewertung innerhalb der Reichstagsforschung gekommen. Diese Entwicklung erfolgte vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen Revision des Bildes des Heiligen Römischen Reiches in der Forschung. Das Alte Reich wird inzwischen nicht mehr wie in der älteren Geschichtsschreibung als erstarrtes und vor allem nach außen weitgehend handlungsunfähiges politisches Gemeinwesen verstanden. Vielmehr werden in jüngerer Zeit vor allem seine rechts- und friedenswahrende Kraft betont. Gerade in den letzten Jahren haben sich dabei vielerlei Forschungsansätze ergeben, die gewissermaßen ein "neues" Bild des "alten" Reichstags zeichnen. In diesen Forschungsrahmen ist das vorliegende Forschungsprojekt einzuordnen. Abgeschlossen wird es durch eine Monografie mit dem Titel "Österreich und der Immerwährende Reichstag. Studien zu Klientelpolitik und Parteibildung (1745-1763)". Schwerpunktmäßig anhand der österreichischen sowie unter vergleichender Einbeziehung der preußischen Reichstagspolitik zeigt es auf, in welcher Weise diese wichtige Institution im Untersuchungszeitraum 1745-1763, also in der Phase des sich herausbildenden österreich-preußischen Gegensatzes, ein Schauplatz für Klientelpolitik und für die Bildung von "Partheyen" - verstanden als längerfristige Interessenübereinstimmung mehrerer Reichsstände - war. Dabei zeigt es sich, dass das in der Forschung bislang dominierende Bild vom "Herauswachsen" Österreichs aus dem Heiligen Römischen Reich insofern zu differenzieren ist, als mit der vorliegenden Arbeit gezeigt werden kann, dass die Reichs- und Reichstagspolitik des Wiener Hofes während der gemeinsamen Regierungszeit Kaiser Franz' I. und Maria Theresias einen Faktor im Gesamtgefüge der kaiserlichen bzw. österreichischen Politik darstellte, dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Gezeigt wird dies anhand von Untersuchungen personaler Beziehungen, die in der Forschung mit den Begriffen Klientel, Patronage, Verflechtungen und "Partheyen" bezeichnet werden. Hierbei wird deutlich, dass der Wiener Hof über eine Vielfalt von Methoden verfügte und Ressourcen unterschiedlichster Art einsetzte (zum Beispiel Geldzahlungen, Geschenke, Standeserhebungen, die Vergabe von Regimentern, Orden und Titel usw.), um Unterstützung für die eigene Reichspolitik zu erwirken. Wichtig für den Gesamtzusammenhang ist, dass dafür nicht nur Quellenmaterial österreichischer Herkunft, sondern auch Archivalien benutzt wurden, welche die Perspektive der Klienten und Parteigänger erhellen. Insgesamt gesehen leistet die Monografie somit am Beispiel des Immerwährenden Reichstags einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der politischen und sozialen Strukturen des Alten Reiches.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%

Research Output

  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 0
    Titel Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung.
    Typ Other
    Autor Rohrschneider M
  • 2012
    Titel Strukturgegebenheiten und Vernetzungen der Reichstagsgesandtschaften Franz' I. und Maria Theresias (1745-1763). Ein Problemaufriss.
    Typ Journal Article
    Autor Rohrschneider M
    Journal zeitenblicke: Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung. Edited by Michael Rohrschneider. Editors: Michael Kaiser with cooperation by Florian Schönfuß and Julia Rosenfeld
  • 2012
    Titel Einführung.
    Typ Journal Article
    Autor Strohmeyer A
    Journal zeitenblicke: Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung. Edited by Michael Rohrschneider. Editors: Michael Kaiser with cooperation by Florian Schönfuß and Julia Rosenfeld
  • 2011
    Titel Der Immerwährende Reichstag als Forschungsfeld: Klientel, Patronage und Parteibildung Österreichs und Preußens um 1750 im Vergleich
    DOI 10.7767/miog.2011.119.12.168
    Typ Journal Article
    Autor Rohrschneider M
    Journal Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
    Seiten 168-180

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