Mittelsteinzeit Ullafelsen II
Continuation Mesolithic Ullafelsen
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (10%); Geowissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (70%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (15%)
Keywords
-
Prehistory,
Intra site analysis,
Palaeobotany,
Soil Science,
Landscape History,
Petrography
Die Mittelsteinzeit gehört in Österreich traditionell zu den am wenigsten erforschten urgeschichtlichen Zeitabschnitten. Mit der Auffindung des Mannes aus dem Eis` und der darauf erfolgten Gründung einer hochgebirgsarchäologischen Forschungsrichtung an der Universität Innsbruck (1994) änderte sich dies allmählich. So konnten im Rahmen von Prospektionen, kleineren Sondierungen und aufwändigen Ausgrabungen inzwischen neue Erkenntnisse zur frühholozänen Nutzungs- und Besiedlungsgeschichte des Tiroler Alpenraumes gewonnen werden. Wichtigster Fundplatz hierbei ist der altmesolithische Fundplatz auf dem Ullafelsen` im Fotschertal auf 1869 m üM (bei Sellrain, Stubaier Alpen, ca. 25 km sw Innsbruck). Hier fanden in den Jahren 1993-1997, 1999, 2003 und 2004 intensive archäologische Untersuchungen statt. Sie wurden kombiniert mit der Einbeziehung landschaftsgeschichtlicher, bodenkundlicher, paläobotanischer u.a. naturwissenschaftlicher Analysen zur Untersuchung der angetroffenen Befunde und Funde des Fundplatzes und seiner Umgebung. Die während des älteren Mesolithikums auf dem Ullafelsen verwendeten Silices sind meist ferntransportiert und stammen - in ihren Hauptanteilen - aus den Südalpen, den Nördlichen Kalkalpen sowie dem Gebiet von Kelheim an der Donau (Bayern). Wegen der extremen mikrolithischen Abmessungen der daraus hergestellten Artefakte, ihrer hohen Anzahl sowie der Komplexität der angetroffenen Befunde (bes. Holzkohlekonzentrationen, seitliche Erosion) musste eine entsprechend aufwändige Ausgrabungsmethodik angewendet werden. In ihrer Folge liegen nunmehr zahlreiche Ergebnisse zum Rohmaterial und seiner Herkunft sowie den einzelnen Artefakten vor, ohne dass alle während des vorangegangenen Projektes damit verbundenen Auswertungen abgeschlossen werden konnten. Auch die im Zusammenhang mit der Landschaftsgeschichte (Sedimentationsprozesse, Pedogenese) aufgeworfenen Fragen sind erst teilweise beantwortet. Im Rahmen des hier beantragten Fortsetzungsprojektes sind daher folgende Arbeiten geplant: A) Sedimentologische/bodenkundliche Untersuchungen zur spätglazialen/frühholozänen Landschaftsgeschichte des Fotschertales; B) Paläobotanische Untersuchungen zur frühholozänen Waldgrenzentwicklung; C) Fortsetzung und Abschluss der Prospektionen auf der orographisch linken Talseite zwecks Abrundung des bestehenden Bildes zur ur- und frühgeschichtlichen Nutzungsgeschichte des Tales; D) Gewinnung von Holzkohle zur C14-Datierung aus mesolithischen u.a. Vergleichsinventaren; E) Prospektionen nach solchen Silexvarietäten in den Nordalpen, deren Verwendung auf dem Ullafelsen nachgewiesen ist, ohne jedoch die geologischen Quellen bisher nachweisen zu können; F) Fortsetzung der archäologischen Auswertungsarbeiten am Ullafelsen (Refittings, Analyse postsedimentärer Prozesse, Auswertung der Plana- und Profilaufnahmen, Heranziehung von Vergleichsinventaren, formenkundlichechnologische und gebrauchsspurenkundliche Vergleiche). - D. Schäfer, online: www.hochgebirgsarchaeologie.info
Der mesolithische Fundplatz Ullafelsen (ein auffallender Felsriegel auf 1869 m üM) befindet sich im subalpinen Höhenbereich der Stubaier Alpen (Fotschertal, Tirol/ Österreich). Er wurde 1994 entdeckt und wird seither fachübergreifend untersucht. Im Hinblick auf seine naturräumliche Lage zeichnet er sich durch eine günstige klimatische und geomorphologische Position aus. Der Reichtum an Wasserquellen und die Vielfalt der umgebenden Landschaft haben bereits in prähistorischer Zeit wiederholt Menschen angezogen. Nach den Ergebnissen unserer Forschungen spielte besonders die Jagd eine besondere Rolle, als vor 11.000 Jahren die ersten Menschen der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) hier nachweisbar waren. Zentraler Gegenstand unserer Forschungen ist die Verknüpfung landschaftsgeschichtlicher und archäologischer Fragestellungen. Hierzu gehören Aspekte der Klimaentwicklung (Übergang letzte Eiszeit / frühe Nacheiszeit) auf der Grundlage der Gletscher-, Boden- und der Vegetationsentwicklung, die Rolle der Geländemorphologie, Vorkommen und Nutzung natürlicher Ressourcen (spezielle Gesteine und Mineralien, Holz usw.) durch die damaligen Menschen u.a.m.So war ein Betreten des Fotschertales erst mit der zunehmenden Klimaverbesserung und dem Rückzug der letzteiszeitlichen Gletscher möglich. Als die ersten Jägergruppen das Fotschertal erreichten, befand sich der Ullafelsen noch oberhalb der Baumgrenze und bot einen guten Überblick über die Umgebung. Mit der zunehmenden Bewaldung der Umgebung ging dieser jagdstrategische Vorteil des Ullafelsens für die Jägergruppen verloren und sie nutzen etwa seit 9.300 Jahren höher gelegene Gebiete benachbarter Täler. Wichtigstes Argument für die Herkunft dieser mittelsteinzeitlichen Jägergruppen ergaben sich aus den mitgebrachten Gesteinsrohstoffen, welche für die Herstellung der Steingeräte genutzt wurden: Sie stammen u.a. aus der südlichen Frankenalb Bayerns, aus den Nördlichen Kalkalpen aber auch aus dem Trentino (Val di Non, Norditalien) und geben wertvolle Hinweis für die Größe der damaligen saisonalen Schweifgebiete der Menschen. Vornehmlich folgten die transalpinen Wege an bzw. über der Waldgrenze hierbei einem geländemorphologisch bestens angepassten System über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren. Einige Unterschiede in den auf dem Ullafelsen ausgegrabenen Geräten zeigen differenzierte Traditionen der steinzeitlichen Menschengruppen nördlich und südlich der Alpen. Daneben konnten zahlreiche Arbeiten üblicher Lagerplatzaktivitäten (Fell-/Leder- bzw. Holzbearbeitung etc.) an Geräten nachgewiesen werden. Zur besseren Handhabung waren sie häufig geschäftet und hierbei mit einem aus Birkenrinde hergestellten Pech fixiert. Dieses Pech wurde ebenfalls auf dem Ullafelsen hergestellt. Zahlreiche dieser und weiterer Untersuchungsergebnisse wurden erstmals an einem alpinen mittelsteinzeitlichen Fundplatz erarbeitet. Daher kann der Ullafelsen als ein wichtiger Referenzfundplatz zur nacheiszeitlichen Nutzungsgeschichte alpiner Jäger angesehen werden.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 162 Zitationen
- 16 Publikationen
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2011
Titel Bodenkundlich-stratigraphische Befunde am Ullafelsen im hinteren Fotschertal sowie ihre landschaftsgeschichtliche Interpretation. Typ Book Chapter Autor D. Schäfer (Hrsg.): Das Mesolithikum-Projekt Ullafelsen (Teil 1). Mensch Und Umwelt Im Holozän Tirols -
2011
Titel Hochgebirgsarchäologie im Waldgrenzbereich Tirals -ein Erfahrungsbericht aus transdisziplinärer Sicht. Typ Book Chapter Autor Schäfer D -
2011
Titel The ‘Palaeolithic Prospection in the Inde Valley’ Project DOI 10.3285/eg.60.1.04 Typ Journal Article Autor Pawlik A Journal E&G Quaternary Science Journal Seiten 66-77 Link Publikation -
2011
Titel Hafted armatures and multi-component tool design at the Micoquian site of Inden-Altdorf, Germany DOI 10.1016/j.jas.2011.03.001 Typ Journal Article Autor Pawlik A Journal Journal of Archaeological Science Seiten 1699-1708 -
2011
Titel The flints of Southern Alps (Non Valley, Italy) provenance found in the mesolithic site of Ullafelsen (Sellrain, Tyrol). Typ Book Chapter Autor Bertola S -
2011
Titel Die funktionale Analyse der Steingeräte und die Rekonstruktion der Aktivitäten am Ullafelsen. Typ Book Chapter Autor D. Schäfer (Hrsg.): Das Mesolithikum-Projekt Ullafelsen (Teil 1). Mensch Und Umwelt Im Holozän Tirols -
2011
Titel Das mittelpaläolithische Camp von Inden-Altdorf (WW 124). Typ Journal Article Autor Pawlik A Journal Bonner Jahrbücher -
2004
Titel Identification of Hafting Traces and Residues by Scanning Electron Microscopes and Energy-dispersive Analysis of X-rays. Typ Book Chapter -
0
Titel Das Mesolithikum-Projekt Ullafelsen (Teil 1). Mensch und Umwelt im Holozän Tirols 1. Typ Other Autor Schäfer C -
2010
Titel Interdisziplinäre Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Achäologie und Bodenkunde im Gebirge -Grundsätzliche Überlegungen und Beispiele des Mesolithfundplatzes Ullafelsen (Tiral). Typ Journal Article Autor Geitner C Journal Franz Mandl / Harald Stadler (Herausgeber), Archäologie in den Alpen. Forschungsberichte der ANISA Band -
2009
Titel Is the Functional Approach helpful to overcome the Typology dilemma of Lithic Archaeology in Southeast Asia? Typ Journal Article Autor Pawlik A -
2009
Titel Bladelet cores as weapon tips? Hafting residue identification and micro-wear analysis of three carinated burins from the late Aurignacian of Les Vachons, France DOI 10.1016/j.jas.2009.04.020 Typ Journal Article Autor Dinnis R Journal Journal of Archaeological Science Seiten 1922-1934 Link Publikation -
2012
Titel The Raw material variability in the Mesolithic site of Ullafelsen (Sellrain, Tyral, Austria). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Bertola S Konferenz Akira Ono (Ed.), International Symposium 'Lithic raw material exploitation and circulation in Prehistory. A comparative perspective in diverse palaeoenviranment (Tokyo 2012) -
2012
Titel Mehrschichtige Böden in den Hochlagen des Fotschertals und ihre archäologische und landschaftsgeschichtliche Einbindung. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Geitner C Konferenz Jahrestagung der Österreichischen Bodenkundlichen Gesellschaft, Book of Abstracts -
2012
Titel The Mesolithic Project Ullafelsen of Tyral (Austria). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Schäfer C Konferenz Akira Ono (Ed.), International Symposium 'Lithic raw material exploitation and circulation in Prehistory. A comparative perspective in diverse palaeoenviranment (Tokyo 2012) -
2011
Titel The 'Palaeolithic Prospection in the Inde Valley' Project. Typ Journal Article Autor Pawlik A