Der zeitgenössische südafrikanische Roman
The Contemporary South African Novel
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Psychologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
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Südafrika/South Africa,
Erinnerung/memory,
Gegenwartsroman/contemporary novel,
Erzählung/narrative,
Trauma/trauma
Die moderne Traumatheorie, die Disziplinen wie Medizin (Neurobiologie), Psychoanalyse, Geschichtsschreibung, Literaturtheorie und Narratologie auf interdisziplinäre Weise miteinander verbindet, ist in der Gegenwart zu einem der wichtigsten kulturellen Deutungsmuster avanciert, mit dem wir unsere Welt zu verstehen suchen. Nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch Ereignisse wie der Holocaust dienen ihr als Beispiele. Was die moderne Traumatheorie und die poststrukturalistische Literaturtheorie miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass beide Bedeutung` als etwas in die Zukunft hin Aufgeschobenes oder Latentes begreifen. Ziel des Projektes ist es, die Traumatheorie für die Untersuchung des zeitgenössischen südafrikanischen Romans fruchtbar zu machen und aus dieser Perspektive einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Formen, Themen und Funktionen des zeitgenössischen südafrikanischen Romans zu gewinnen. Gleichzeitig soll ein theoretischer Beitrag zu der Frage geleistet werden, wie Traumatheorie, Narratologie und poststrukturalistische/postkoloniale Theorie miteinander zu vereinbaren sind. Zentrale poststrukturalistische Theoreme, insbesondere das poststrukturalistische Bedeutungskonzept, sollen so hinterfragt werden. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Erforschung der anglophonen südafrikanischen Gegenwartsliteratur - die zu denjenigen `Neuen Englischen Literaturen` gehört, die in Europa weniger beachtetet worden ist - und betritt damit Neuland; es will auch die zeitgenössische, poststrukturalistisch determinierte Literaturtheorie herausfordern und mit Hilfe der Traumatheorie eine Möglichkeit aufzeigen, wie der ethical turn` in der (postkolonialen) Literaturwissenschaft konkret umgesetzt werden kann.
Südafrikanische Autoren der Gegenwart beschäftigen sich unaufhörlich mit der Vergangenheit, den traumatisierenden Effekten des Kolonialismus und dem Erbe, das das Apartheid-Regime hinterlassen hat. Die literarische Szene der Gegenwart wird von Romanen bestimmt, in denen traumatisierte Individuen sich ihrem Trauma stellen, es hinter sich lassen wollen, die jedoch immer wieder von der Vergangenheit heimgesucht werden, unter flashbacks leiden, Alpträume haben oder typische Symptome zeigen, die unter dem Kürzel PTSD (Post-Traumatic Stress Syndrome) zusammengefasst worden sind. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt verbindet Disziplinen wie Psychoanalyse, Historiography, postkoloniale Literaturtheorie und Narratology. Es betrachtet den südafrikanischen Gegenwartsroman aus der Perspektive der modernen Traumatheorie. Dabei geht es zunächst um eine umfassende Einführung in die hervorstechenden Themen und Formen zeitgenössischer südafrikanischer Fiktion. Wir untersuchen, wie traumatische Erinnerung erzählerisch in narrative Erinnerung überführt werden kann, was Schreiben aus der Perspektive eines traumatisierten Charakters bedeutet, und wie die strukturellen Elemente von Zeit, Raum, Handlung und Sprache sich darauf beziehen. Der theoretische Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle der Erzählung im Prozess der Traumaarbeit. Darüber hinaus spricht das Projekt weitere wichtige theoretische Aspekte an: Traumatheorie wird mit der postkolonialen Theorie verbunden, die seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eng mit Theorien der Postmoderne und des Poststrukturalismus verknüpft ist. Wir zeigen, wie Traumatheorie verwendet werden kann, um wichtige poststrukturalistische und postmoderne Positionen in Frage zu stellen, und werfen neues Licht auf das Verhältnis von Politik und Ästhetik. Die Betrachtung der südafrikanischen Situation durch die Lupe des Traumas macht deutlich, dass die psychischen Deformationen und Verletzungen, die Jahrhunderte des Rassismus und Kolonialismus hinterlassen haben, nicht einfach durch ökonomische Reparationen oder einen Umsturz politischer Machtstrukturen geheilt werden können. Eines der wichtigsten Ergebnisse unseres Projekts ist die Einsicht, dass Trauma im südafrikanischen Kontext nicht immer nur das Resultat eines individuellen Ereignisses ist, sondern das Ergebnis struktureller Gewalt, die durch die Apartheid-Gesetzgebung offiziell administriert wurde. Trauma bedeutet entanglement (Verwicklung). Wie die Ursachen, so sind auch die Formen, die das südafrikanische Trauma annimmt, sehr vielfältig. Sie reichen vom individuellen Trauma über das Gruppentrauma oder gesellschaftliche Trauma bis hin zum Generationstrauma, das gleich mehrere Generationen mit einschließen kann. Unser Projekt hat gezeigt, dass westliche Traumatheorien, die sich auf das Individuum und auf einen spezifischen Vorfall konzentrieren, ungeeignete Instrumente sind, um die vielfältigen Formen und Ursachen des Traumas in Südafrika zu analysieren. Alles in allem leistet dieses Projekt einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der sogenannten Neueren Englischen Literaturen, in diesem Fall zur südafrikanischen Literatur in englischer Sprache, die nur sporadisch und vereinzelt die Aufmerksamkeit der Forscher im deutschen Sprachgebiet gefunden hat. Das Hauptaugenmerk des Projekts liegt dabei nicht auf Literaturnobelpreisträgern wie Nadine Gordimer oder John Maxwell Coetzee, sondern auf einer ganzen Reihe von weniger bekannten Autoren, deren Werke sich mit der zeitgenössischen südafrikanischen Situation beschäftigen. Das Projekt zeigt, dass die zur Untersuchung herangezogenen Romane faszinierende Einblicke in ein Land eröffnen, das in der Gegenwart immer noch um politische Stabilität kämpft, um die friedliche Koexistenz unterschiedlichster Ethnien und um die Festigung seiner kulturellen und nationalen Identität. Literatur, vor allem der Roman, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.
- Universität Wien - 100%