Evolution von Asexualität bei Rädertierpopulationen
Evolution of asexuality in experimental rotifer populations
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (100%)
Keywords
-
Evolutionary ecology,
Rotifers,
Parthenogenesis,
Microsatellites,
Fitness
Die meisten vielzelligen Organismen vermehren sich sexuell, trotz der hohen Kosten dieser Reproduktionsweise (Produktion von Männchen, Kosten der Meiose, Kosten im Zusammenhang mit Partnersuche und Paarung). Dieses "Paradox der sexuellen Reproduktion" stand im Zentrum vieler empirischer und theoretischer Studien der vergangenen Jahre. Dennoch gibt es bislang keine einzelne und allgemeingültige Erklärung für dieses Phänomen. Erklärungsansätze zum "Paradox der sexuellen Reproduktion" werden vor allem durch solche Organismen in Frage gestellt, welche häufig obligat asexuelle Abkömmlinge erzeugen. Diese Organismen leben ständig in der Gefahr, von ihren asexuellen Abkömmlingen verdrängt zu werden. Daher stellt sich die Frage: was hält letztendlich diese neu erzeugten Asexuellen in Schach? Im diesem Projekt soll diese Frage anhand des monogononten Rädertieres Brachionus calyciflorus bearbeitet werden. Die Besonderheit von Brachionus gegenüber bisherigen Modellsystemen ist, dass die Frage mit Hilfe eines experimentellen Ansatzes untersucht werden kann: Rädertiere verfügen über sehr kurze Generationszeiten (wenige Tage), sie vermehren sich schnell und Übergänge zu rein asexueller Reproduktion können im Verlauf von nur wenigen Wochen stattfinden. Außerdem lassen sich Rädertiere leicht in einer Anzahl von Tausenden von Individuen im Labor kultivieren, was es ermöglicht, evolutive Veränderungen bei Populationen direkt nachzuvollziehen. In diesem Projekt sollen im Wesentlichen drei Fragen beantwortet werden: (i) Welche Mechanismen sind für den Übergang zur rein asexuellen Reproduktion bei Brachionus verantwortlich? (ii) Wie lebensfähig sind die asexuellen Abkömmlinge im Vergleich zu ihren sexuellen Verwandten - unter welchen Bedingungen können sie Letztere verdrängen bzw. durch Letztere verdrängt werden? (iii) Spielen obligat asexuelle Tiere im Freiland eine Rolle? Dieses Projekt umfasst eine Vielzahl von Methoden, u.a. Labor- und Freilandexperimente, molekulare Analysen (DNA Barcoding, Mikrosatelliten), Karyologie und automatisch gesteuerte Laborkulturen (Chemostaten). Die erwarteten Resultate des Projekts werden zu einem besseren Verständnis des "Paradox der sexuellen Reproduktion" beitragen, insbesondere hinsichtlich der Faktoren, welche die Ausbreitung/Extinktion asexueller Linien beeinflussen. Außerdem liefern die erwarteten Resultate vermutlich Einblicke in die Entstehung obligater Asexualität bei bdelloiden Rädertieren, einer nahe verwandten Gruppe die sich seit Millionen von Jahren rein asexuell fortpflanzt.
Das sogenannte Paradoxon der sexuellen Reproduktion ist eines der wichtigsten ungelösten Probleme in der Evolutionsforschung. Es besagt, dass sich die allermeisten mehrzelligen Organismen - trotz hoher Kosten - durch sexuelle Reproduktion vermehren. Beispiele für solche Kosten sind der Aufwand durch die Produktion männlicher Nachkommen, die Kosten der Durchmischung des mütterlichen Genoms beim Sex, oder Kosten die mit Partnersuche oder Paarung verbunden sind. Einen besonders interessanten Sonderfall stellen deshalb Organismen dar, die auf natürliche Weise immer wieder asexuelle Vertreter erzeugen. Bei solchen Organismen sollte man erwarten, dass häufig asexuelle Invasionen stattfinden, wobei asexuelle Linien die sexuellen Individuen verdrängen. In diesem Projekt wurde dieses Problem anhand des Rädertiers Brachionus calyciflorus untersucht.Normalerweise reproduzieren sich Brachionus Rädertiere mittels zyklischer Parthenogenese (CP), einer Mischung aus sexueller und asexueller Reproduktion. Allerdings treten immer wieder Individuen mit obligater Parthenogenese (OP) auf, die die Fähigkeit zur sexuellen Reproduktion komplett verloren haben. Über den genauen Mechanismus dieses Übergangs zur asexuellen Reproduktion war bisher noch nichts bekannt. In diesem Projekt konnte nun erstmalig gezeigt werden, dass OP bei Brachionus durch eine Veränderung an nur einem Genort bewirkt wird. Individuen mit zwei Kopien der sogenannten op-Mutation waren obligate Parthenogeneten, wohingegen alle Besitzer mit mindestens einer gesunden Kopie sich noch sexuell reproduzieren konnten. Im Projekt konnte durch mathematische Modelle und Laborexperimente gezeigt werden, dass OP Mutanten manchmal innerhalb von wenigen Tagen ganze Populationen ihrer sexuellen Verwandten verdrängen können. Die Kosten der sexuellen Reproduktion scheinen bei Brachionus Rädertieren demnach sehr hoch zu sein. OP Mutanten unterschieden sich zudem in anderen Eigenschaften von Ihren sexuellen Verwandten: Sie zeigten einen oft charakteristischen Zwergenwuchs, sie neigten zu schnellem, nahezu ungebremsten Populationswachstum und tendierten zu extrem hohen Populationsdichten sowie einer Überweidung ihrer Nahrungsressourcen. Über längere Zeiträume gesehen waren OP Populationen wesentlich instabiler als CP Populationen, sie brachen im Falle einer Überweidung stärker zusammen. Da OP-Mutanten außerdem die Fähigkeit der Dauerei-Produktion verloren haben (eine indirekte Konsequenz der Asexualität), konnten sich einmal ausgestorbene Populationen nicht zu einem späteren Zeitpunkt durch geschlüpfte Jungtiere regenerieren.Die Ergebnisse dieses Projekts bestätigen im Wesentlichen dass asexuelle Reproduktion zwar durchaus kurzfristige Vorteile bieten kann, jedoch langfristig in eine Sackgasse führt. Das in diesem Projekt etablierte Modellsystem soll in der Zukunft dazu genützt werden, andere bisher noch nicht ausreichend untersuchte Hypothesen zu den Vorteilen von sexueller Reproduktion zu testen. Außerdem eignen sich OP und CP Individuen hervorragend als Modellsystem zur Aufklärung der molekulargenetischen Mechanismen sexueller und asexueller Reproduktion.
- Christian Schlötterer, Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 301 Zitationen
- 13 Publikationen
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2019
Titel Asexual reproduction changes predator population dynamics in a life predator–prey system DOI 10.1002/1438-390x.1017 Typ Journal Article Autor Scheuerl T Journal Population Ecology Seiten 210-216 Link Publikation -
2017
Titel Sex initiates adaptive evolution by recombination between beneficial loci DOI 10.1371/journal.pone.0177895 Typ Journal Article Autor Scheuerl T Journal PLOS ONE Link Publikation -
2015
Titel Does the avoidance of sexual costs increase fitness in asexual invaders? DOI 10.1073/pnas.1501726112 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Proceedings of the National Academy of Sciences Seiten 8851-8858 Link Publikation -
2010
Titel Loss of Sexual Reproduction and Dwarfing in a Small Metazoan DOI 10.1371/journal.pone.0012854 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal PLoS ONE Link Publikation -
2010
Titel A first assessment of genome size diversity in Monogonont rotifers DOI 10.1007/s10750-010-0487-1 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Hydrobiologia Seiten 77-82 Link Publikation -
2013
Titel Patterns and dynamics of rapid local adaptation and sex in varying habitat types in rotifers DOI 10.1002/ece3.781 Typ Journal Article Autor Scheuerl T Journal Ecology and Evolution Seiten 4253-4264 Link Publikation -
2011
Titel Population regulation in sexual and asexual rotifers: an eco-evolutionary feedback to population size? DOI 10.1111/j.1365-2435.2011.01918.x Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Functional Ecology Seiten 180-188 Link Publikation -
2016
Titel Extremely short diapause in rotifers and its fitness consequences DOI 10.1007/s10750-016-2937-x Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Hydrobiologia Seiten 255-264 Link Publikation -
2016
Titel Diapause and maintenance of facultative sexual reproductive strategies DOI 10.1098/rstb.2015.0536 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences Seiten 20150536 Link Publikation -
2011
Titel Phenotypic Effects of an Allele Causing Obligate Parthenogenesis in a Rotifer DOI 10.1093/jhered/esr036 Typ Journal Article Autor Scheuerl T Journal Journal of Heredity Seiten 409-415 Link Publikation -
2011
Titel The cost of sex and competition between cyclical and obligate parthenogenetic rotifers. DOI 10.1086/657685 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal The American naturalist -
2011
Titel Genome size evolution at the speciation level: The cryptic species complex Brachionus plicatilis(Rotifera) DOI 10.1186/1471-2148-11-90 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal BMC Evolutionary Biology Seiten 90 Link Publikation -
2009
Titel Automated system for sampling, counting, and biological analysis of rotifer populations DOI 10.4319/lom.2009.7.856 Typ Journal Article Autor Stelzer C Journal Limnology and Oceanography: Methods Seiten 856-864 Link Publikation