Die symbolische Macht der Biologie
The Symbolic Power of Biology
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Naturphilosophie,
Biologie,
Gender Studies,
Epistemologie,
Naturalisierung,
Transdisziplinarität
Biologie, die als Wissenschaft vom Leben um 1800 entstand, hat sich in der Moderne nicht nur als naturwissenschaftliche Disziplin etabliert, sondern hat immer auch als Ordnungswissen fungiert. Die moderne "Ordnung der Geschlechter" (Claudia Honegger) und das sie strukturierende Modell der Zweigeschlechtlichkeit wurden ebenso durch biologisches Wissen gestützt wie der moderne Rassismus und die Gesamtheit der über die Differenz normal/anormal artikulierten Formen sozialer Ungleichheit. Trotz der Grenzziehung zwischen Natur- und Human- bzw. Sozialwissenschaften, wie sie im späten 19. Jahrhundert fixiert wurde, hat das biologische Wissen also diese Grenze immer wieder systematisch überschritten. Die dafür notwendige epistemologische und politisch- ethische Kompetenz konnte die junge Disziplin der Biologie jedoch nicht aus sich selbst heraus generieren, sondern nur dadurch, dass Philosophie und die entstehenden Sozialwissenschaften dem biologischen Wissen einen entsprechenden Platz einräumten. Die These, von der das beantragte Forschungsprojekt ausgeht und die es zu überprüfen unternimmt ist, dass die Art und Weise, wie Philosophie zu Beginn der Moderne konfiguriert wird, entscheidend ist für den Status, den das Naturwissen der Biologie in der modernen Wissensordnung einnimmt. Die zentrale Forschungsfrage ist, welchen Anteil philosophische Diskurse um die Wende zum 19. Jahrhundert an der politisch-ethischen Formierung biologischen Wissens hatten. Untersucht werden soll, wie biologisches Wissen philosophisch artikuliert wird. Dabei bedeutet der Rückgang auf die Zeit um 1800 auch den Rückgang auf Konstellationen von philosophischem und biologischem Wissen, die noch nicht durch klare Grenzziehungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften geprägt sind und sich von der Wissensordnung der Gegenwart unterscheidet. Im Zentrum der Untersuchung stehen die naturphilosophischen Schriften von Kant, Schelling, Hegel und Schopenhauer, da in diesen Schriften die Verbindung von philosophischem und biologischem Wissen besonders eng ist und wissenschaftshistorische Forschung immer wieder die zentrale Bedeutung der Naturphilosophie für die Herausbildung der Biologie aufgezeigt hat. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die unterschiedlichen epistemischen Strategien der naturphilosophischen Entwürfe. Zentrale Gegenstände der Untersuchung sind daher: a) der jeweilige Status des Lebensbegriffs, b) Artikulationen von Sexualität, Reproduktion und Geschlechterdifferenzen, c) Artikulationen von Differenzen zwischen Menschen, insbesondere Kategorien der "Rasse", sowie Grenzziehungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen und schließlich d) die unterschiedlichen Konfigurationen von Biologie und Philosophie. Das Projekt leistet zum einen einen Beitrag zu einer Archäologie des Biologismus. Zum anderen leistet es einen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte um eine transdisziplinäre Rekonfiguration von "Geisteswissenschaften".
Biologisches Wissen hat in der modernen Wissensordnung einen spezifischen Status, insofern es eine zentrale Rolle für verschiedene Formen der Naturalisierung und der Biopolitik spielt. Es hat immer wieder die Grenzen des wissenschaftlichen Feldes der Biologie überschritten und als soziales Ordnungswissen funktioniert. Das Projekt ging von der Frage aus, in welchem Ausmaß philosophische Diskurse zur politisch-ethischen Formierung von biologischem Wissen an der Wende zum neunzehnten Jahrhundert mitgewirkt haben, als Biologie als spezifisches Wissensfeld konstituiert wurde. Das Hauptinteresse richtete sich dabei auf die Naturphilosophien von Kant, Schelling und Hegel. In ihren naturphilosophischen Schriften artikulieren diese Autoren nämlich zum einen Ergebnisse der zeitgenössischen Naturforschung auf je spezifisch philosophische Art und Weise und sie intervenieren in die zentralen epistemologischen Debatten über die Möglichkeit und den Status von wissenschaftlichem Wissen über Leben. Auf Grund meiner Forschungsarbeit lässt sich zeigen, wie Geschlecht und Rasse bei Kant, Schelling und Hegel auf unterschiedliche Weise naturalisiert werden. Unterschiede in Hinblick auf die Naturalisierungsweisen finden sich dabei nicht nur zwischen den Autoren, die dem biologischen Wissen jeweils einen anderen epistemischen Status zusprechen. Im Vergleich von unterschiedlichen Schriften der einzelnen Autoren wird zudem deutlich, dass diese Geschlecht und Rasse nicht auf analoge Weise behandeln und naturalisieren. Bei Kant spielt der Begriff der Rasse eine wichtige Rolle für seine Unterscheidung von Naturbeschreibung und Naturgeschichte und damit für seine Konzeption des lebenden Organismus, während Differenzen und Hierarchien zwischen den Geschlechtern strikt in politisch-ethischen und juridischen Termini artikuliert werden. Bei Hegel verhält es sich geradezu umgekehrt: Sexuelle Differenz ist ein zentraler Gegenstand seiner Naturphilosophie, doch lehnt Hegel Kants genealogischen und proto-biologischen Rassebegriff klar ab. Im Gegensatz zu Kant formuliert er einen territorialen Begriff der Rasse, der gerade nicht Teil der Naturphilosophie sondern der Philosophie des Geistes ist. Während Begriffe des Geschlechts und der Rasse bei den einzelnen Autoren also unterschiedlich gelagert sind, zeigt eine Analyse aus der Perspektive der Begriffsgeschichte, dass im späten achtzehnten Jahrhundert Begriffe der Rasse und des Geschlechts über den Begriff der Reproduktion systematisch miteinander verknüpft wurden. Dies ist das zweite Hauptergebnis des Projekts. Um die den zentralen Status des Reproduktionsbegriffs in Zusammenhang mit Rasse, Geschlecht und den entstehenden biopolitischen Perspektiven und Projekten zu rekonstruieren, habe ich das Auftauchen des Neologismus Reproduktion in den wissenschaftlichen Debatten über Fortpflanzung in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sowie die Zirkulation dieses Begriffs in den französischen und deutschen Naturphilosophien analysiert. Es zeigte sich, dass die Begriffe der Rasse und des Geschlechts in den Dekaden zwischen 1750 und 1830 zwar in den gleichen epistemischen und politisch-kulturellen Kontexten formuliert aber keineswegs parallelisiert oder homogenisiert werden. Mit Blick auf meine Auseinandersetzung mit den zeitlichen Aspekten des Reproduktionsbegriffs und der Veränderung von Zeitlichkeitskonzepten in der Naturgeschichte und der Naturphilosophie im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert, kann ich darüber hinaus zeigen, dass das das simultane Auftauchen von Begriffen des Geschlechts, der Rasse, der Vererbung und der Reproduktion die allesamt eine zentrale Rolle im Prozess der Verzeitlichung der Natur spielen im Kontext einer umfassenden Transformation von Verwandtschaftsverhältnissen und von genelogischem Denken um 1800 begriffen werden muss.
- Bettina Wahrig-Schmidt, Technische Universität Braunschweig - Deutschland
- Petra Gehring, Technische Universität Darmstadt - Deutschland
- Dominique Lecourt, Université Paris Diderot - Paris 7 - Frankreich
Research Output
- 6 Zitationen
- 6 Publikationen
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2012
Titel Materialität/Naturalität. Elemente einer feministischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Typ Book Chapter Autor Gülay Caglar -
2012
Titel Von der Biopolitik zur Bioökonomie. Das Problem des Vitalismus. Typ Book Chapter Autor In: Malaika Rödel -
2013
Titel Racism and Modernity: Festschrift for Wulf D. Hundt DOI 10.5325/critphilrace.1.1.0136 Typ Journal Article Autor Lettow S Journal Critical Philosophy of Race Seiten 136-140 -
2010
Titel Philosophiegeschichte als Verflechtungsgeschichte. Globalität, Naturwissen und Kants Theorie der Menschenrassen. Typ Journal Article Autor Lettow S Journal Zeitschrift für kritische Theorie 30/31/2010 -
2008
Titel The cultural embodiment of biology. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lettow S Konferenz Proceedings of the XXII World Congress of Philosophy -
2013
Titel Modes of naturalization DOI 10.1177/0191453712470357 Typ Journal Article Autor Lettow S Journal Philosophy & Social Criticism Seiten 117-131