Netzwerke einer Diasporagesellschaft
Networks of a Diaspora Society
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Diaspora,
Comparison,
Transnationalism,
Hadhramaut,
Globalisation,
Indonesia
Dieses Projekt untersucht die Netzwerke der Hadhrami-Diaspora in Indonesien. Es stellt das Folgeprojekt des Forschungsprojekts "Hadhramis in Indonesia. Ethnic Identity of Yemeni Diaspora Groups Today" dar, das an der Kommission für Sozialanthropologie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, angesiedelt ist. Im Rahmen dieses Vorgängerprojekts wurden in der zentralen Region der Hadhrami-Diaspora in Indonesien, nämlich in Java, sowie in Sumatra und Bali Feldforschungen durchgeführt. Das gegenwärtige Projekt weitet nun seinen Fokus auf periphere Regionen in Indonesien aus, nämlich auf Zentral- und Nordsulawesi (Palu, Gorontalo, Manado), die Molukken (Ternate) und West Irian Jaya (Sorong). Weiters beinhaltet dieses Projekt den Hadhramaut als Forschungsstätte, da das Vorgängerprojekt zeigte, dass die Diasporanetzwerke zwischen Indonesien und dem Hadhramaut an Bedeutung gewinnen. Dieses Projekt untersucht drei Netzwerke von Beziehungen: Netzwerke, die die Hadhrami-Gemeinschaften mit den lokalen Gesellschaften in Indonesien verbinden, Netzwerke zwischen Hadhramis in Indonesien und dem Hadhramaut, und globale Netzwerke der Hadhrami-Diaspora, wie sie von globalen Medien und Kommunikationstechnologien ermöglicht werden. Theoretisch stützt sich dieses Projekt also auf neuere Ansätze in der Kultur- und Sozialanthropologie, die das Studium von Diasporagesellschaften mit der Untersuchung von aktuellen Globalisierungsphänomenen verknüpfen. Darüber hinaus untersucht dieses Projekt die Konstruktionen der Hadhramis in Indonesien von Homeland und Diaspora, von Zentrum und Peripherie. Zusätzlich zur Erforschung der Integration der Hadhramis in die Lokalgesellschaften als auch ihrer transnationalen Beziehungen beschäftigt sich dieses Projekt mit den Beziehungen innerhalb der Hadhrami-Gemeinschaft in Indonesien, die in zwei Gruppen gespalten ist: die so genannten `Alawiyyin oder sada, die sich als Nachkommen des Propheten Mohammad sehen und einen traditionellen, vom Sufismus geprägten Islam praktizieren, und jene Hadhramis, die in der modernistisch/reformistisch islamischen Organisation al-Irsyad aktiv sind oder dieser zumindest nahe stehen. Methodisch basiert dieses Projekt auf der ethnographischen Feldforschung und auf dem Vergleich, der methodologisch reflektiert werden soll. So untersucht dieses Projekt regionale Variationen, indem es die Orte der Feldforschung im peripheren Ostindonesien untereinander und mit den Orten der Feldforschung des Vorgängerprojekts in Java, Sumatra und Bali vergleicht. Thematisch werden die Beziehungen der Hadhramis zur Lokalbevölkerung, ihre transnationalen und ihre internen Beziehungen, nämlich die zwischen den `Alawiyyin und den Irsyadis, verglichen. Weiters bietet sich ein Vergleich an zwischen der religiösen Praxis der `Alawiyyin in Indonesien und im Hadhramaut. Die wertvolle Arbeit von HistorikerInnen über die Hadhrami-Diaspora macht es schließlich möglich, zeitliche Variationen zu untersuchen.
Das Projekt untersuchte Hadhrami-Gemeinschaften in peripheren Regionen Ostindonesiens, nämlich im zentralen und nördlichen Sulawesi (Palu, Gorontalo, Manado), den Molukken (Ternate) und West-Papua (Sorong), indem diese mit Gemeinschaften auf Java, Indonesiens zentraler Insel, verglichen wurden. Diese Vergleiche erbrachten folgende Resultate: Das heutige Siedlungsmuster der Hadhramis in Ostindonesien weist auf eine weniger strikte Implementierung der kolonialen Gesetzgebung hin, d.h. vor allem mit Bezug auf das sogenannte Pass- und Stadtviertelsystem, welches Hadhramis dazu verpflichtete, sich in eigenen Stadtvierteln anzusiedeln. Im Vergleich zu Java war es daher einfacher für Hadhramis, Verbindungen zur lokalen Bevölkerung aufzubauen, was zu den heute beobachtbaren engeren interethnischen Beziehungen führte. Bezüglich der Institutionalisierung der Diaspora konnte das Projekt feststellen, dass Hadhramis im zentralen und nördlichen Sulawesi Organisationen später als auf Java gründeten. Die wichtige Hadhrami-Organisation Al-Khairaat wurde 1930 in Palu, Zentralsulawesi, von Sayyid Idrus Al-Jufri gegründet, ein Hadhrami sayyid (Pl. sada) bzw. Nachkomme des Propheten Mohammed. Al-Khairaat stellt heute die größte islamische Organisation Ostindonesiens dar. Durch die Forschungen wurde klar, dass das enorme Wachstum von Al-Khairaat nur durch die Einbeziehung von nicht-sada Hadhramis und lokalen Muslimen möglich wurde. Die Hadhramis in Ostindonesien sind daher heute nicht eine "geteilte Minderheit" wie auf Java, wo die beiden Gruppen, sada und nicht-sada Hadhramis, in unterschiedlichen Institutionen organisiert sind und bei weitem nicht so viele lokale Muslime für sich gewinnen konnten. Al-Khairaat trägt auch durch ihre Frauenorganisation Wanita Islam Al-Khairaat (WIA) zu Veränderungen innerhalb der Hadhrami-Gemeinschaft bei, indem sie die Rolle von Frauen in der Bildung und im öffentlichen Leben stärkt. Des Weiteren engagieren sich heute Frauen in den Geschäften und Firmen ihrer Väter und Ehemänner. Sie entwickelten auch ihre eigenen Handelsnetzwerke, was ihren Handlungsspielraum erweiterte. Das Projekt zeigt ebenfalls, dass im gegenwärtigen Zeitalter erhöhter Mobilität, in dem Indonesien nicht nur von transnationalen Einflüssen geprägt wird, sondern auch eine "Globalisierung in seinem Inneren" erfährt, Hadhramis ihre Verwandtschafts- und ökonomischen Netzwerke nach Java, d.h. vor allem nach Jakarta, erweiterten, wohin Hadhramis aus Ostindonesien seit den 1970er Jahren migrieren. Dieser Migrationsprozess beeinflusst wiederum ihre Vorstellungen über und Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie bzw. Herkunftsland und Diaspora. Nach dem Fall von Suharto 1998 wurden Hadhrami- Netzwerke in Indonesien, d.h. vor allem jene zwischen Ostindonesien und Java, durch interreligiöse Konflikte und islamistischen Radikalismus beeinflusst bzw. zu einem gewissen Grad belastet, da Hadhramis - wie das Projekt zeigen kann - unterschiedliche Positionen in Opposition zu oder auch innerhalb islamistischer Bewegungen einnehmen.