Das Öffnungsverhalten von L-Typ Kalziumkanälen
Activation gating in L-type calcium channels
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (50%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (50%)
Keywords
-
L-type Ca2+ channels,
Activation gating,
Pore stability,
Voltage sensor
Das Forschungsprojekt wurde durch Befunde unserer Arbeitsgruppe aus jüngster Zeit initiiert, die zeigten, dass eine neuartige Sehstörung durch eine Punktmutation in einem vorrangig in der Retina exprimiertem L-Typ Ca2+ Kanal hervorgerufen wird. Dieser Austausch eines Isoleucins durch ein Threonin in Segment IIS6 (I745T) der porenbildenden a1-Untereinheit des Kanals vom Subtyp Cav1.4 verschiebt die Spannungsabhängigkeit der Aktivierungskurve des Kanals um -30 mV (Hemara-Wahanui, 2005). Unsere anschließenden Untersuchungen zeigten, dass das betroffene Isoleucin und benachbarte Aminosäuren auch in einem anderen L-Typ Kanal (Cav1.2) eine Schlüsselrolle bei der Kanalaktivierung spielen. Mutationen der Aminosäuren im entsprechenden Sequenzabschnitt 779-782 (LAIA) im unteren Drittel des Segments IIS6 führen zu: i) Verschiebungen der Spanungsabhängigkeit der Kanalaktivierung die von ii) einer Verlangsamung der Kanalaktivierung und iii) einer Verlangsamung der Deaktivierung begleitet sind (Hohaus, 2005). Diese vier Aminosäuren sind in anderen Ca2+ Kanälen vollständig konserviert, was auf Gemeinsamkeiten der Gatingmechanismen hinweist. Wir haben deshalb die Hypothese aufgestellt, dass - in Analogie zu Kaliumkanälen (Jiang, 2002) und einem bakteriellen Natriumkanal (NaChBac; Zhao, 2004) - Cav1.2 Kanäle unter Beteiligung einer Helix-Auslenkung in den Positionen 779-782 öffnen. Die molekularen Mechanismen der Aktivierungen von L-Typ Kanälen sowie die Ursachen von Kanalerkrankungen, die mit Veränderungen der Spannungsabhängigkeit der Aktivierung assoziiert sind (z. B. die oben genannte Sehstörung), bleiben jedoch unverstanden. Die Frage nach der Lokalisation des Aktivierungstores der Kanäle und der Rolle von I781T sowie benachbarter Aminosäuren für in Segment IIS6 soll u.a. durch systematische Struktur-Funktionsuntersuchungen an heterolog exprimierten Cav1.2 beantwortet werden. Zunächst werden die Determinanten der Porenstabilität in den S6 Segmenten identifiziert. Das unterschiedliche "Schaltverhalten" der Kanäle wird im Rahmen eines mathematischen Modells analysiert, welches sowohl steady- state Parameter als auch die zeitliche Kinetik des Öffnungsverhaltens berücksichtigt. Dadurch können Aussagen über die veränderte Stabilität des offenen und/oder geschlossenen Kanalzustandes getroffen werden. Es werden Interaktionen zwischen dem Spannungssensor und der Pore, besonders die Rolle der "S4-S5 Linker-Region", untersucht. Ein Homologie-Strukturmodell für einen L-Typ Kalziumkanal soll im Projektverlauf validiert werden. Es dient der Interpretation der Mutationsdaten. Im späteren Projektverlauf soll es die Rolle der Aktivierungstore für die Blockierung der L-Typ Kanäle durch Phenylalkylamine, Diltiazem und die 1,4 Dihydropyridine ("drug trapping", "receptor guarding" Mechanismen) klären. Die Untersuchungen sollen zum besseren Verständnis der Unterschiede im Aktivierungsverhalten verschiedener Ca2+ Kanalsubtypen und der Ursachen von Kanalerkrankungen (Hemara-Wahanui, 2005; Hohaus, 2005) beitragen.
Die Aufklärung der Struktur-Funktionsbeziehung von spannungsgesteuerten Kalziumkanälen ist eine der großen Herausforderungen der biophysikalischen und strukturbiologischen Forschung. Am Projektbeginn im Jahre 2007 stand die Entwicklung erster Homologiemodelle von Cav1.2, um Einblicke in das veränderte Gatingverhalten bei Ionenkanalerkrankungen, die durch Punktmutationen in der S6 Segmenten hervorgerufen werden, zu erlangen (Stary et al. 2008 a,b). In einer Übersichtsarbeit spekulierten wir, dass Spannungssensoren und porenbilde S6 Segmente von Cav1.2 weitgehend unabhängig funktionieren. Nach dieser Hypothese reagieren Spannungssensoren nach dem Alles oder Nichts-Gesetz auf Veränderungen des Membranpotentials wobei die Spannungsabhängigkeit der Cav1.2 selbst durch die Stabilität der Membranpore und Wechselwirkungen der S6 Segmente bestimmt wird (Hering et al. 2008). Um die Interaktionen zwischen Membranpore und Spannungssensor in Cav zu quantifizieren, schlugen wir ein 4-Zustandsmodell vor, welches die Aktivierung der Kanäle (R-A-O) und Deaktivierung (O-D-R) beschreibt. Spannungsabhängige Geschwindigkeitskonstanten beschreiben die Bewegung der Spannungssensoren und spannungsunabhängige Geschwindigkeitskonstanten die Stabilität der Membranpore, d.h. das Öffnungsverhalten des Kanalgates. In dieser Arbeit konnte erstmals eine S6 Mutation (A780T in IIS6) identifiziert werden, die direkt mit den Spannungssensoren interagiert. Um die Rolle der physiko-chemischen Eigenschaften der Aminosäuren im Aktivierungsverhalten der Kanäle zu untersuchen, wurde eine Mutations-Korrelationsanalyse entwickelt (Beyl et al. 2011). Mit dieser Technik gelang es das veränderte Aktivierungsverhalten bei S6-Punktmutationen vorherzusagen. Strukturanalysen mit verfeinerte Homologiemodelle zeigten später, dass A780 Bestandteil eines konservierten Rings kleiner Aminosäuren in den porenbildenden S6 Segmenten (Gly-432 (IS6), Ala-780 (IIS6), Gly-1193 (IIIS6), Ala-1503 (IVS6) ist, der in weiterer Folge als G/A/G/A Ring bezeichnet wird. Eine Hypothese wurde formuliert, nach der diese kleinen Reste mit bulky Aminosäuren in benachbarten Segmenten interagieren. Diese Interaktionen bilden sealing points, die zum festen Verschluss des Kanalgates im Ruhezustand beitragen (Depil et al. 2011). Unlängst erhoben wir den überraschenden Befund, dass Störungen des Aktivierungsverhaltens, die durch Mutationen auf S6 Segmenten hervorgerufen werden (besonders in der Region des G/A/G/A Rings), durch Neutralisierung der Ladungen eines Spannungssensors (IIS4) behoben werden können. Thermodynamische Analysen bestätigen eine Interaktion des G/A/G/A Rings mit den Spannungssensoren (S4 Segmenten). Dieser Befund eröffnete eine neue Sicht auf das Öffnungs- und Schließverhalten von Cav1.2. Segment IIS4 scheint nicht nur mit seinem S6 Segment der Domäne II zu kommuniziert, sondern interagiert über den G/A/G/A Ring auch mit den S6-Gates der anderen Domänen (IS6, IIIS6 und IVS6). Diesen Mechanismus bezeichnen wir als kooperatives Gating (Beyl et al. 2013a). In Beyl et al. 2013b entwickelten wir einen Algorithmus zur Quantifizierung der Interaktionen zwischen Kanalpore (dem Gate) und den Spannungssensoren. Dieses Verfahren ermöglicht erstmalig die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten des Öffnungs- und Schließverhaltens der Kanalpore sowie einer Gleichgewichtigkeitskonstante der Spannungssensoren aus makroskopischer Stromkinetik von Cav1.2. Weitere projektfinanzierte Arbeiten beschäftigten sich mit Struktur-Aktivitätsuntersuchungen an Cav3.1 Kanälen und (Karmazinova et al. 2011) und der Lokalisation der Bindungstasche von Diltiazem (Shabbir et al. 2011).
- Universität Wien - 100%
- H.Robert Guy, National Institutes of Health - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 438 Zitationen
- 18 Publikationen
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2012
Titel Dual-specificity phosphatase 1–null mice exhibit spontaneous osteolytic disease and enhanced inflammatory osteolysis in experimental arthritis DOI 10.1002/art.34403 Typ Journal Article Autor Vattakuzhi Y Journal Arthritis & Rheumatism Seiten 2201-2210 -
2012
Titel Neutralisation of a single voltage sensor affects gating determinants in all four pore-forming S6 segments of CaV1.2: a cooperative gating model DOI 10.1007/s00424-012-1144-5 Typ Journal Article Autor Beyl S Journal Pflügers Archiv - European Journal of Physiology Seiten 391-401 Link Publikation -
2011
Titel Insights into structure–activity relationship of GABAA receptor modulating coumarins and furanocoumarins DOI 10.1016/j.ejphar.2011.06.034 Typ Journal Article Autor Singhuber J Journal European Journal of Pharmacology Seiten 57-64 Link Publikation -
2013
Titel Methods for quantification of pore–voltage sensor interaction in CaV1.2 DOI 10.1007/s00424-013-1319-8 Typ Journal Article Autor Beyl S Journal Pflügers Archiv - European Journal of Physiology Seiten 265-274 Link Publikation -
2011
Titel Trapping and dissociation of propafenone derivatives in HERG channels DOI 10.1111/j.1476-5381.2010.01159.x Typ Journal Article Autor Windisch A Journal British Journal of Pharmacology Seiten 1542-1552 Link Publikation -
2011
Titel HPLC-based activity profiling for GABAA receptor modulators from the traditional Chinese herbal drug Kushen (Sophora flavescens root) DOI 10.1007/s11030-010-9297-7 Typ Journal Article Autor Yang X Journal Molecular Diversity Seiten 361-372 Link Publikation -
2011
Titel Interaction of diltiazem with an intracellularly accessible binding site on CaV1.2 DOI 10.1111/j.1476-5381.2010.01091.x Typ Journal Article Autor Shabbir W Journal British Journal of Pharmacology Seiten 1074-1082 Link Publikation -
2011
Titel Identification of GABA A receptor modulators in Kadsura longipedunculata and assignment of absolute configurations by quantum-chemical ECD calculations DOI 10.1016/j.phytochem.2011.08.014 Typ Journal Article Autor Zaugg J Journal Phytochemistry Seiten 2385-2395 Link Publikation -
2011
Titel Timothy Mutation Disrupts the Link between Activation and Inactivation in CaV1.2 Protein* DOI 10.1074/jbc.m111.255273 Typ Journal Article Autor Depil K Journal Journal of Biological Chemistry Seiten 31557-31564 Link Publikation -
2009
Titel Different pathways for activation and deactivation in CaV1.2: a minimal gating model DOI 10.1085/jgp.200910272 Typ Journal Article Autor Beyl S Journal Journal of General Physiology Seiten 231-241 Link Publikation -
2008
Titel Molecular Dynamics and Mutational Analysis of a Channelopathy mutation in the IIS6 Helix of CaV1.2 DOI 10.4161/chan.2.3.6160 Typ Journal Article Autor Stary A Journal Channels Seiten 216-223 Link Publikation -
2008
Titel Structural Model of the CaV1.2 Pore DOI 10.4161/chan.2.3.6158 Typ Journal Article Autor Stary A Journal Channels Seiten 210-215 Link Publikation -
2008
Titel Pore stability and gating in voltage-activated calcium channels DOI 10.4161/chan.2.2.5999 Typ Journal Article Autor Hering S Journal Channels Seiten 61-69 Link Publikation -
2010
Titel HPLC-Based Activity Profiling: Discovery of Piperine as a Positive GABAA Receptor Modulator Targeting a Benzodiazepine-Independent Binding Site DOI 10.1021/np900656g Typ Journal Article Autor Zaugg J Journal Journal of Natural Products Seiten 185-191 Link Publikation -
2010
Titel HPLC-Based Activity Profiling for GABAA Receptor Modulators: A New Dihydroisocoumarin from Haloxylon scoparium DOI 10.1021/np900803w Typ Journal Article Autor Li Y Journal Journal of Natural Products Seiten 768-770 -
2010
Titel Physicochemical properties of pore residues predict activation gating of CaV1.2: A correlation mutation analysis DOI 10.1007/s00424-010-0885-2 Typ Journal Article Autor Beyl S Journal Pflügers Archiv - European Journal of Physiology Seiten 53-63 Link Publikation -
2010
Titel The hERG Potassium Channel and Drug Trapping: Insight from Docking Studies with Propafenone Derivatives DOI 10.1002/cmdc.200900374 Typ Journal Article Autor Thai K Journal ChemMedChem Seiten 436-442 -
2010
Titel Cysteines in the loop between IS5 and the pore helix of CaV3.1 are essential for channel gating DOI 10.1007/s00424-010-0874-5 Typ Journal Article Autor Karmazinova M Journal Pflügers Archiv - European Journal of Physiology Seiten 1015-1028