Mittelalterliche Glasmalerei - Corpus Vitrearum
Medieval Stained Glass - Corpus Vitrearum
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Kunstwissenschaften (90%)
Keywords
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Mittelalterliche Monumentalmalerei,
Kunsthistorische Grundlagenforschung,
Mittelalterliche Glasmalerei,
Gefährdete Kunstgattung,
Kunst - Mittelalter,
Ausstattungsprogramme der Bildkunst
Das Projekt ist der Erforschung der mittelalterlichen Glasmalerei in Österreich gewidmet (und setzt die Vorprojekte des FWF P 15254-GO06 und FWF P 17210-G06 fort). Es handelt sich dabei um die Erfassung und kunstwissenschaftliche Bearbeitung großer Bestände kaum bekannter, dessen ungeachtet bedeutender Kunstwerke des Mittelalters. Das Projekt ist Teil des internationalen Forschungsvorhabens "Corpus Vitrearum Medii Aevi", an dem 14 Länder (12 europäische Länder sowie USA und Kanada) unter dem Patronat der Union Academique Internationale beteiligt sind. Es ist ein Projekt kunsthistorischer Grundlagenforschung zur wissenschaftlichen Dokumentation und Publikation dieser Kunstgattung. In Österreich sind über 3.500 Glasgemälde vom 12. bis in das frühe 16. Jahrhundert von der Ausstattung romanischer und gotischer Sakral- und Profanbauten als kostbare Reste monumentaler Bildkunst erhalten geblieben. Vielfältige kunsthistorisch und ikonographisch interessante Programme und Darstellungen geben Aufschluss über geistige und religiöse Botschaften mittelalterlicher Bilderwelten im Kontext ihres politischen und ökonomischen Umfeldes. Es lag und liegt an den Schwierigkeiten der Zugänglichkeit und der fotografischen Dokumentationsprobleme, dass die Glasmalerei bis heute zu den wenig erforschten Bereichen mittelalterlicher Kunst gehört. Sie ist daher ein Desideratum der Mittelalterforschung. Für die Kunstgeschichte steht insbesondere auch ihre Bedeutung für die Erkenntnis des Stellenwertes der Farbe im Zusammenhang von Bildkunst und Architektur im Mittelpunkt, ein noch weithin offenes Kapitel der Forschung. Sehr wichtig für die Beurteilung des Projektes ist das Faktum, dass die mittelalterliche Glasmalerei heute eine außerordentlich gefährdete Kunstgattung darstellt. Dies deshalb, weil die aktuelle Schadstoffbelastung der Atmosphäre den Verfallsprozess der Substanz des mittelalterlichen Glases in den letzten Jahrzehnten drastisch verschärft hat und die Kunstwerke dadurch rapide zerstört wurden. Konservierungsmaßnahmen können den Verfall verzögern, aber nicht aufhalten. Die kunsthistorische Dokumentation der noch existierenden Bestände mittelalterlicher Glasgemälde ist daher ein dringendes Desideratum der Forschung. Die Existenzsituation der Kunstwerke macht sie unaufschiebbar.
Als Abschluss des Projektes "Mittelalterliche Glasmalerei - Corpus Vitrearum", das vom 15. Oktober 2006 bis zum 15. Oktober 2008 (kostenneutrale Verlängerung bis 15. Dezember 2008) unter der Leitung von HR Dr. Elisabeth Oberhaidacher-Herzig gemeinsam mit den Projektmitarbeitern Mag. Christina Wolf und Dr. Günther Buchinger durchgeführt wurde, liegen folgende Ergebnisse vor. Ziel des Projektes war die Erfassung und wissenschaftliche Bearbeitung der mittelalterlichen Glasmalerei in den Bundesländern Niederösterreich und Burgenland. Der Bestand umfasst 538 Glasgemälde an insgesamt 54 Standorten (teils noch vor Ort, teils in Museen im In- und Ausland abgewandert). Alle Glasgemälde wurden in situ bearbeitet und fotografiert. Von jeder Scheibe wurde ein detaillierter Befund des Erhaltungszustandes erstellt. Von den Kirchen wurden Grundrisse und Fensterabwicklungen sowie Detailpläne aufgenommen und gezeichnet. Die historische und kunsthistorische Dokumentation umfasse Fragen der Rekonstruktion, der ursprünglichen Ausstattungsprogramme, Fragen der historischen Voraussetzungen und zu den Stiften sowie der kunst- und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge. Das Ergebnis der Arbeit umfasst wesentliche neue Erkenntnisse zur Kunst- und Kulturgeschichte, zur Ikonographie und Stilgeschichte der mittelalterlichen Malerei im Ostalpengebiet. Zu den wichtigen Glasgemälden des 14. Jahrhunderts von europäischem Rang zählen die heute in verschiedene Sammlungen im In- und Ausland abgewanderten Glasgemälde aus dem Dom von Wiener Neustadt aus dem zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, dessen Bestand ein großes Architekturfenster einschließt. Ein wichtiges Dokument zur Malerei der frühen zwanziger Jahre des 15. Jahrhunderts lässt sich im Raum Melk mit einer großen Werkstatt erschließen, deren Glasgemälde nicht nur mit dem größten Bestand von 108 Scheiben in der Pfarrkirche von Weiten, sondern auch in Euratsfeld, Innerochsenbach und Zelking nachweisbar sind. Wahrscheinlich kommt als Standort für dieses offensichtlich leistungsstarke Atelier das Stift Melk in Betracht. Vier Glasgemälde aus der Pfarrkirche von Ybbsitz aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts sind Vertreter einer späten heimischen Glasmalerwerkstatt am Übergang der Spätgotik zur Renaissance in Österreich. Auch die jüngsten in Österreich erhalten gebliebenen monumentalen Glasgemälde aus dem sechsten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in der Georgskapelle in Wiener Neustadt dürften - entgegen bisheriger Vermutungen - in einer heimischen Glasmalerwerkstatt entstanden sein. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes sollen im Band V (Niederösterreich, II. Teil) des Corpus Vitrearum Medii Aevi zusammengefasst werden. Damit liegt nach dem bereits im Jahr 2007 publizierten vierten österreichischen Corpusband zur mittelalterlichen Glasmalerei in den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg ein weiterer Beitrag Österreichs im Rahmen des internationalen Forschungsvorhaben Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) vor, der die Kunst- und Kulturgeschichte, Ikonographie und Stilgeschichte dieses Landes vervollständigt.
- Bundesdenkmalamt - 100%