Multikulturelle Grenzstädte in der Westukraine
Multicultural Border Towns in Western Ukraine 1772-1914
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (80%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (20%)
Keywords
-
Imperien,
Habsburgerreich,
Zarenreich,
Galizien,
Österreich,
Grenze,
Podolien,
Wolhynien,
Russland,
Schtetl,
Jüdische Geschichte,
Stadtgeschichte
Infolge der vier Teilungen Polens (1772-1815) entstand eine gemeinsame österreichisch-russische Grenze, die einen bis dahin einheitlichen Raum durchschnitt. Diese neue Grenzlinie trennte nicht nur Staaten, sondern auch Verwaltungs-, Bildungs- und Wirtschaftssysteme, Ortschaften und Familien, nicht aber zwangsläufig auch Völker und Religionen. Die Auswirkungen der neuen Grenze auf die Bewohner multikultureller Kleinstädte - die heute in der Westukraine liegen - sind bis zur Gegenwart spürbar. Im Gegensatz zu bisherigen Forschungsarbeiten, die sich auf die politische Geschichte Galiziens und auf dessen Hauptstadt Lemberg, auf die Nationalbewegungen, die Bauernfrage und religiöse Aspekte konzentrieren, ist dieses dreijährige Forschungsprojekt der vergleichenden und interkulturellen historischen Analyse von Kleinstädten in unmittelbarer Grenznähe gewidmet. Exemplarisch sollen drei Paare von Schtetln im österreichischen Galizien, beziehungsweise im russischen Wolhynien und Podolien untersucht werden: Brody und Radyvyliv im Norden und weiter südlich Pidvolo?ys`k und Volo?ys`k sowie Husjatyn auf beiden Seiten des Grenzflusses Zbru?. Welche Auswirkungen hatten die Teilungen Polens auf die jüdische, polnische und ukrainische Bevölkerung der Städtchen? Wie wandelten sich die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, administrativern und kulturellen Verhältnisse im Zeitalter der wirtschaftlichen Modernisierung, der Reformen und Revolutionen und der antijüdischen Pogrome? Wie veränderten sich die interethnischen Beziehungen unter dem Eindruck von Nationalismus und Antisemitismus, wie das Verhältnis der Stadtbevölkerung zu den politisch und sozial dominanten polnischen Magnaten und russischen bzw. deutschen oder polnischen Beamten? Welche Rolle spielten die Grenzen und die peripheren Grenzstädte im Rahmen des österreichischen und des russländischen Imperiums und ihrer Wechselbeziehungen? Neben gedruckten Quellen wie Statistiken, Reiseberichten und Zeitungen sollen die Bestände der Archive in den ehemaligen Hauptstädten (Wien, St. Petersburg), in den übergeordneten Verwaltungszentren (Lemberg, Kiew) und in den regionalen Zentren der Westukraine (Ternopil`, Žytomyr, Rivne) ausgewertet werden. Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer Monographie vorgelegt werden, die einerseits die drei Paare von multireligiösen und polyethnischen Grenzstädten porträtiert und andererseits ihre Entwicklung im Rahmen der beiden Imperien von der Ersten Teilung Polens bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs miteinander vergleicht. Das Projekt, das den Wandel multikultureller Gemeinschaften über einen Zeitraum von rund 150 Jahren exemplarisch untersucht, will einen innovativen Beitrag zur Osteuropäischen Geschichte generell und zur jüdischen, Regional- und Grenzstadtgeschichte im Besonderen leisten.
Dieses Projekt beleuchtete die historische Entwicklung dreier großteils unbekannten Städtepaare auf beiden Seiten der im Wesentlichen stabilen österreichisch-russischen Grenze, beginnend mit der ersten Teilung Polens 1772 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Die ausgewählten Städte sind Brody/Radzivilov, Podwoloczyska/Volocisk und Husiatyn (dieser Ort lag direkt am Grenzfluss und wurde 1772 geteilt); alle sechs untersuchten Ortschaften liegen heute in der Westukraine. Ziel unserer Nachforschungen war aufzuzeigen, in welchen Bereichen diese hinsichtlich ihrer politischen, sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen ursprünglich relativ einheitliche Region der polnisch-litauischen Adelsrepublik auf Grund der Zugehörigkeit zum Russischen beziehungsweise Österreichischen Imperium eine unterschiedliche Entwicklung nahm und in welchen Bereichen die Gemeinsamkeiten fortdauerten. Der europäische Ost-West-Handel bestimmte die wirtschaftliche Entwicklung in diesen peripheren Regionen des Zaren- und Habsburgerreichs in besonderem Maß. Waren es zunächst wichtige Handelsstraßen, die diese Orte in den internationalen Warenaustausch einbanden, so war es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Ausbau des Eisenbahnnetzes. Brodys führende Stellung im Ost-West-Transithandel wurde durch die Verleihung eines kaiserlichen Freihandelsprivilegs zusätzlich gestärkt und wirkte auch als Wachstumsimpuls für das benachbarte russische Radzivilov. Nach der 1871 erfolgten Herstellung einer österreichisch-russischen Eisenbahnverbindung über die Grenzstädte Podwoloczyska und Volocisk verlagerte sich der Transitverkehr zunehmend an diesen Grenzübergang, der Galizien direkter mit dem Schwarzmeerhafen Odessa verband. Eine Eisenbahnanbindung des bereits im podolischen Hügelland gelegenen, zwischen Habsburger- und dem Romanovreich geteilten, Husiatyn wurde von keinem der beiden Staaten favorisiert, sodass die örtliche Brücke kaum mehr als dem lokalen Warenverkehr diente. Im religiösen Bereich tolerierten die österreichischen Behörden die Tätigkeiten von nicht- römisch-katholischen Glaubensgemeinschaften, vor allem die unierte Kirche aber auch jüdisch-chassidische Höfe (wie zum Beispiel jenen in Husiatyn), während in Russland den nicht-orthodoxen Konfessionen großes Misstrauen entgegengebracht wurde. Unsere Untersuchungen der Katastrophen (Epidemien, Brände, Kriege), die in regelmäßigen Abständen über alle sechs Ortschaften hereinbrachen und die städtische Entwicklung immer wieder zurückwarfen, führten ebenso wie unsere Erforschung der Zollstationen und des legalen wie illegalen Warenverkehrs, zu einem umfassenderen Verständnis der multiethnischen Lebenswelten in diesen Grenzstädten. (Es zeigt sich, dass Joseph Roths Beschreibung dieses Raums durchwegs authentisch ist.) Zwischenergebnisse des Projekts können in dem Sammelband Die Galizische Grenze. Kommunikation oder Isolation? herausgegeben von C. Augustynowicz und A. Kappeler (Wien 2006), insb. Seiten 115-127 und 127-143 nachgelesen werden. Weitere Publikationen sind unter anderem in den Jahrbücher für die. Geschichte Osteuropas vorgesehen.
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