KünstlerInnen als PionierInnen neuer Lebensformen?
Artists as role models for new lifestyles?
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (60%); Geschichte, Archäologie (40%)
Keywords
-
Cultural studies,
New Lifestyles/Nene Lebensformen,
Gender Studies,
Postmodernity/Spätmoderne,
Artists/KünstlerInnen/Kunstschaffende
Die Studie geht von dem Befund aus, daß sich in den Dispositionen der Spätmoderne wie denen von Kunstschaffenden in dem Ausmaß Analogien befinden, daß Lebens- und Denkkonzeptionen von KünstlerInnen in der Reflexion zu dem gesellschaftlich höchst brisanten Thema "neue Lebensformen" ein bisher erstaunlicherweise noch unbeachtetes, nichtsdestotrotz sehr ergiebiges Potential darstellen. Denn wie in der Spätmoderne geht es bei Künstlerinnen und Künstlern immer wieder um ein Ringen um ein neues Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, um neue Werte und Normen. Wie in der Spätmoderne haben sich hegemoniale Geschlechterbilder für Künstlerinnen und Künstler schon immer als obsolet erwiesen. Und wie die Spätmoderne sind sie immer wieder dazu aufgefordert, sich neuen Herausforderungen zu stellen und neue Qualitäten zu entwickeln. Diesen Analogien wird anhand von narrativen, problemorientierten Interviews mit Kunstschaffenden nachgegangen. Focusiert werden Leben, Werk und Denken, wobei den Kriterien für die Gestaltung ihres Lebens und Schaffens sowie ihr Umgang mit gesellschaftlichen wie kulturellen Dispositionen besondere Aufmerksamkeit zukommen wird. Die Ergebnisse werden als Inspiration für "eigenes Leben" diskutiert.
Gegenstand dieser Studie ist die Frage nach neuen, kreativen Lebensformen. Während in traditionale Gesellschaften Menschen hineingeboren wurden und Stand wie Religion Lebenswege determinierten, besteht heute die Vorgabe, das Leben selbst zu gestalten und eigene Ideen zu entwickeln. Kann es, so lautete die erkenntnisleitende Frage, schlüssige Kriterien oder Modelle geben, die Anhaltspunkte dafür liefern, wie Leben heute glücken kann? Als zentrale Arbeitshypothese diente die Annahme einer Parallele der Dispositionen des KünstlerInnentums mit den Dispositionen der Spätmoderne, um im Umgang der KünstlerInnen mit ihrem Leben und ihrer Arbeit nach Inspirationen für die Herausforderungen des postmodernen Lebens Ausschau zu halten. Waren in der Moderne vor allem Status, Geld, Macht und Berühmtheit gesellschaftlich akzeptierte Folien eines guten Lebens, so sind diese Symbole heute angesichts der Anforderungen von Globalisierung und Spätmoderne fragwürdig geworden. In den Gesprächen mit den KünstlerInnen erscheint eine andere Wertelage. Selbstbestimmung, Selbstautorisierung, Selbstsetzung und gleichzeitig eine große Offenheit gegenüber allem Ungeplanten findet seinen Fokus in dem Wert, den sie der Entwicklung in ihren Werken bzw. ihrem künstlerischen Tun wie in ihrem Leben im Allgemeinen beimessen. Sich zu entwickeln, das Potential und das heißt das Eigene zur Entfaltung zu bringen, wird als Movens künstlerischen Daseins transparent. Sich zu entwickeln meint, sich auf den Prozess des Werdens einzulassen. Es meint ein Gestalten innerhalb der vorgegeben Dispositionen und es meint, eigene Werte und Wege zu bestimmen. Während sich auf der institutionellen Ebene dem gesellschaftlichen Gesamtbild gegenüber wenig Unterschiede abzeichnen - auch KünstlerInnen leben primär in partnerschaftlichen Beziehungen mit oder ohne Kinder oder als Singles -, bringen sie auf der Ebene der Lebensformen als Denkverhältnisse neue Qualitäten zum Ausdruck. Es ist ein intensives Sich-in-Beziehung-Setzen und Kommunizieren, das uns hier im Gegensatz zu einem eher konventionellen Rollendenken begegnet. Und damit auch ein freier Umgang mit Komplexität, der sich in der Durchlässigkeit von normativ getrennten Sphären wie Öffentliches und Privates, Weibliches und Männliches etc. zeigt. Denk-Grenzen werden überschritten, um neuen Ideen Platz zu machen. Die so entstehenden Freiräume sind auf vielen Ebenen nützlich: für ein Überdenken von Elternschaftskonzepte zugunsten einer vieldimensionalen Sicht auf Mutter- und Vaterarbeit ebenso wie für Konzepte von Arbeit per se. Sie führen uns vor Augen welch immenses Veränderungspotential darin verborgen liegt, würden wir jeder Tätigkeit nicht nach der bipolaren, geschlechtlich konnotierten Skala bewerten, sondern sie mit gleichem Wert versehen. Betrachten wir Kunst als Möglichkeits- bzw. symbolischen Proberaum für gesellschaftliche Muster, werden in den Erfahrungsräumen von KünstlerInnen diverse Momente von kultureller Relevanz in Hinsicht auf den gesellschaftlichen Polylog über neue Lebensformen sichtbar. Nehmen wir das Dasein von KünstlerInnen als pluralen Ausdruck von Individualität, Kreativität, Aisthesis und Authentizität ernst, so wird offensichtlich, dass sie zu etwas grundlegend Neuem herausfordern. Es geht darum, das Denken neu zu überdenken, sich auch dem außerwissenschaftlichen, ja außersprachlichen Diskurs über die Welt zu öffnen und damit der Intuition, dem Rhythmus und dem Prozesshaften und dies mit der rationalen Sicht über die Welt in Beziehung zu bringen. Es ist eine Aufforderung, das ganze uns zur Verfügung stehende Spektrum zu nutzen. Dann können wir wirklich von neuen, kreativen Lebensformen sprechen.
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