Tempelpfründen von Borsippäischen Familien
Temple Benefices of Borsippean Families
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (80%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
-
Babylonia,
Economic History,
Prebends,
Temple
Auf der Basis von etwa 2000 bisher unpublizierten babylonischen Keilschrifttafeln wird das Projekt das wirtschaftliche und soziale Leben der urbanen Oberschicht der Babylonischen Stadt Borsippa im siebenten und sechsten Jahrhundert v. Chr. rekonstruieren. Das Schwergewicht wird dabei auf der Interaktion dieser Oberschicht mit den Heiligtümern von Borsippa liegen, in denen diese Personen verschiedene kultische Dienste verrichteten. Diese Dienstverpflichtungen haben vielfältige wirtschaftliche und soziale Implikationen. Die damit verbundenen Einkommensrechte - Pfründen - waren von hervorragender wirtschaftlicher Bedeutung für die Pfründnerfamilien. Zugleich war Pfründeneigentum ein wesentlicher konstituierender Faktor für die Sozialisierung und gesellschaftliche Eingliederung von Einzelnen in dieses soziale Stratum. Das Projekt wird sowohl den Kultbetrieb und die einzelnen kultischen Dienstleistungen untersuchen - wobei wo immer möglich großes Gewicht auf Quantifizierung gelegt werden wird - als auch herausarbeiten, in welcher Weise die Bedingungen des Pfründenbesitzes Heirats- und Vererbungstrategien und allgemein ökonomische Entscheidungen innerhalb von Pfründnerfamilien determinieren. Einer der wichtigsten neuen Aspekte betrifft die kultischen Aktivitäten von Frauen, die eine deutlich aktivere Rolle gespielt haben, als bisher angenommen wurde. Insgesamt wird es möglich sein, die Struktur und Genese der ökonomischen Mentalität dieses Stratums der Babylonischen Gesellschaft zu erfassen. Das Projekt wird insofern eine wichtige Fallstudie und ein wichtiges Vergleichsbeispiel für allgemeine Alte und Wirtschaftsgeschichte darstellen, als die untersuchten Institutionen sich in strukturell ähnlicher Form überall dort im antiken östlichen Mittelmeerraum finden, wo eine Stadtgemeinde sich um einen Tempel als ökonomisches und soziales Zentrum gruppiert. Nirgendwo sind freilich die Quellen so detailliert wie in dem Borsippa-Korpus.
In enger Zusammenarbeit mit M. Jursas START-Projekt The Economic History of Babylonia in the First Millennium BC (FWF-Projekt Y-180) untersucht das gegenständliche Projekt einen wichtigen Aspekt der Gesellschaft und Wirtschaft Babyloniens im ersten Jahrtausend v. Chr. auf der Basis von 2000 bisher unpublizierten Keilschrifturkunden. Das Ziel ist eine monographische Studie von Tempelkult und Kultpraxis in der Stadt Borsippa, nahe bei Babylon, im siebenten und sechsten Jahrhundert v. Chr. Zu den behandelten Themen dieser Arbeit gehören: das in Borsippa verehrte Pantheon - unter diesen Göttern sind mehrere, die bisher so gut wie unbekannt waren -, die interne Organisation des wichtigsten Tempels der Stadt, Ezida - seine räumliche Gliederung, die Regelungen des Zugangs zu seinen verschiedenen Teilen, usf. -, der Opferkult und der kultische Kalender - die Terminologie der Opfer, ihre Zusammensetzung und Periodizität -, und das Pfründensystem, d.h. das System von Einkommensrechten, die von der Tempelverwaltung Individuen oder Familien eingeräumt wurden, die bestimmte Funktionen im Kult übernahmen: hier wird die Verbindung zwischen Religion, Gesellschaft und Wirtschaft sehr deutlich. Schließlich wirft unser Material auch neues Licht auf den Bereich der staatlichen Besteuerung: Inhaber von Tempelämtern unterlagen, wie wir nun zeigen können, qua dieser Ämter einer staatlichen Abgabepflicht.
- Universität Wien - 100%
- Michael Tanret, Ghent University - Belgien