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Die Auflösung der menschlichen Natur

The dissolution of human nature

Martin Weiss (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P17081
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2005
  • Projektende 30.09.2008
  • Bewilligungssumme 128.809 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Gesundheitswissenschaften (10%); Philosophie, Ethik, Religion (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)

Keywords

    Anthropologie, Biotechnologie, Natur, Hermeneutik

Abstract Endbericht

Als animal rationale ist der Mensch seit jeher dazu bestimmt, erst zu werden was er ist. Bisher beschränkte sich dieser Werdensprozess auf den geistigen Menschen, der durch Erziehung "gebildet" werden musste, während der natürliche Pol relativ unberührt blieb. Der Mensch war zwar in hohem Maße manipulierbar, nie aber herstellbar, insofern die "Natur" des Menschen unverfügbar blieb. Mit dem Aufkommen der Biowissenschaften fällt der Begriff der menschlichen Natur - verstanden als vorgegebener Ausgangspunkt und faktische Grenze der menschlichen Selbstmanipulation - und damit der Begriff der "Natur" überhaupt, auch in seiner normativen, bzw. substantialistischen Bedeutung. Was kann im Zeitalter der Biotechnologie die Rede von einer menschlichen Natur noch heißen, und welche Auswirkungen hat diese Auflösung der menschlichen Natur auf die Erfahrung des Menschen von sich selbst? Denn mit der Verwischung der Grenzen zwischen "Gewachsenem" und "Gemachten" deutet sich der Beginn einer posthumanen Epoche an. In Bezug auf diese Fragestellung lassen sich in der Literatur derzeit zwei Richtungen unterscheiden. Eine "konservative", die unter Rückgriff auf das Normativitätspotential des Naturbegriffes an einem, im weitesten Sinne des Wortes, substantialistischen Menschenbild festhält - insofern sie die Unverfügbarkeit der Naturwüchsigkeit des Menschen als Bedingung der Möglichkeit des autonomen Subjekts postuliert - und eine "progressive", die in der praktischen Destruktion jeglicher Natur des Menschen durch die Möglichkeiten der Biotechnologien die endgültige Verwirklichung der menschlichen Emanzipation durch radikale Naturbeherrschung sieht. Beide Positionen sind problematisch, denn der Wunsch, die Unverfügbarkeit des Menschen mit Hilfe einer "Moralisierung der menschlichen Natur" zu retten, scheint nur über die paradoxe Setzung eines metaphysischen "Wesens" des Menschen erreichbar, was diese Position einerseits in die Nähe substanzmetaphysischer Traditionen rückt und andererseits zumindest latent biologistische Tendenzen aufweist, insofern das Wesen des Menschen in seinem natürlichen (unverfügbaren) Gewordensein verortet wird, womit das aristotelische Modell des Menschen als Zusammenspiel von ratio und animalitas in Richtung der animalitas verschoben wird. Die emanzipatorische Position löst demgegenüber die aristotelische Definition einseitig zu Gunsten der ratio auf, insofern sie die "Natur des Menschen" der manipulatorischen Willkür der Vernunft preisgibt. Der Tragik der "Dialektik der Aufklärung" gemäß, steht diese moderne bzw. postmoderne Allmachtsphantasie den Menschen durch die völlige Beherrschung seiner Natur endgültig zu befreien, in der Gefahr, in totale Unfreiheit umzuschlagen. Gleichzeitig aber verweisen diese Aporien auf die Notwendigkeit, den Menschen als "Leib-Seele- Einheit" erneut zu bedenken.

Das Projekt "Die Auflösung der menschlichen Natur. Der philosophische Diskurs über die Biotechnologien zwischen Emanzipation und Essentialismus" ging von der Frage nach den anthropologischen Vorentscheidungen und der Herkunft der philosophischen Reaktionen auf die beunruhigenden Erfolge der Genetik aus, die erstmals einen Eingriff in die biologischen Anlagen der Menschheit ermöglichen. Sowohl auf der Seite derjenigen, die diese technischen Möglichkeiten in Anlehnung an das humanistische Ideal, das Emanzipation mit Naturbeherrschung gleichsetzt, als ultimative Befreiung des Menschengeschlechts von den Fesseln der Natur feiern, als auch auf seiten derjenigen, die in den Möglichkeiten des "genetic engineering" den Verlust anthropologischer und ethischer Orientierungspunkte sehen, fiel die Reaktion auf die revolutionären Entwicklungen in den Biowissenschaften äußerst heftig aus, sodass sich die Frage nach ihren unreflektierten Vorentscheidungen und Konsequenzen stellte. Die Einbettung der unterschiedlichen Positionen zur Gentechnologie, die von euphorischer Begrüßung bei einigen Posthumanisten, bis hin zu apokalyptischen Horrorszenarien kulturpessimistischer Phänomenologen reichen, in allgemeinere Überlegungen zur Biopolitik erlaubte es, das Geschehen der Biotechnologien als ein Moment einer umfassenderen Entwicklung der Geschichte der Macht zu beschreiben. Aus dieser Perspektive erscheinen die Biotechnologien und die zahlreichen Versuche sie gesellschaftspolitisch zu regulieren als Aspekt des Übergangs von der souveränen Macht zur Bio-Macht, d.h. von einer Macht, die primär Potenz zu töten ist zu einer Macht, die sich als Macht Leben zu machen darstellt, d.h. als Aspekt eines Übergangs, den Michel Foucault als "Modernitätsschwelle" bezeichnet. Dabei wird die Bio-Macht in Gestalt der liberalen Eugenik - in der Eltern, in vorgeblicher Ausweitung ihrer pädagogischen Befugnisse, über die genetische Ausstattung ihrer Kinder verfügen - nur scheinbar privatisiert. Denn in Wahrheit stellen diese Praktiken ebenso wie neuerdings propagierte präventive Gentests zur Ermittlung individueller Krankheitsdispositionen, ein viel komplexeres Geschehen dar, in dem die Regierung des Selbst und fremdbestimmte Herrschaft nicht mehr unterscheidbar sind und ständig ineinander übergehen, was vor allem die Frage nach Sinn und Form möglichen Widerstandes aufwirft.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Klagenfurt - 100%

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