Rockefeller Foundation und deutsche Sozialwissenschaften
Rockefeller Foundation and German Social Sciences
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (15%); Philosophie, Ethik, Religion (15%); Soziologie (70%)
Keywords
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Philanthropic Foundations,
Brain Drain,
Sociology Of Science,
Research Instiutions,
History Of Social Sciences
Während des 20. Jahrhunderts spielten Zuwendungen amerikanischer philanthropischer Stiftungen eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Wissenschaften in Österreich, Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Die Rockefeller Foundation vergab Stipendien für jüngere Wissenschaftler und förderte einzelne Forschungsvorhaben ebenso wie sie durch mehrjährige Zuwendungen umfangreichere Forschungsvorhaben erst ermöglichte. Im Zeitraum von Anfang der 1920er Jahre bis Ende der 1930er Jahre und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Beginn der 1970er Jahre trug dies wesentlich zur Entwicklung der Sozialwissenschaften bei. Während der NS-Zeit ermöglichten Zuwendungen dieser Stiftung emigrierten Wissenschaftlern ihre Arbeit fortzusetzen bzw. sich in den Zufluchtsländern, v.a. in den USA, zu etablieren. Im Zuge dieser Förderung erfolgten Evaluationen europäischer Wissenschaftler und Forschungseinheiten, die extensive Berichterstattung der Europa bereisenden Mitarbeiter der Stiftung liefert aufschlussreiches, bislang nicht ausgewertetes Material und schließlich trugen diese Aktivitäten zur Etablierung neuer Formen der Organisation wissenschaftlicher Forschung bei. Die Forschungsfinanzierung beeinflusste den kognitiven Gehalt; in einzelnen Fällen gewannen erst durch diese Fördermaßnahmen bestimmte Forschungsfelder ihre spezifische Gestalt.
Im 20. Jahrhundert erfuhren die empirischen Sozialwissenschaften ein neues institutionelles Arrangement. Die zentrale Innovation war die Projektförmigkeit der Forschung, womit erstmals eine strikte Fristigkeit und eine begleitende externe Kontrolle wissenschaftlichen Arbeitens Platz griffen. Initiiert und vorangetrieben wurde dieser Wandel durch philanthropische Stiftungen, deren Projektvergaben für die Durchsetzung des neuen Modells sorgten. Die zwischen 1925 und 1955 wichtigste Stiftung war die Amerikanische Rockefeller Foundation, die in Europa zwei Formen von Wissenschaftsförderung etablierte: neben der Förderung einer überschaubaren Zahl sozialwissenschaftlicher Institute vergab diese Stiftung auch Stipendien. Die bedeutendsten institutionellen Empfänger waren in Österreich das außeruniversitäre Institut für Konjunkturforschung und das Psychologische Institut der Universität Wien, in Deutschland wurde vor allem das Institut für Weltwirtschaft in Kiel unterstützt. Die Stipendiaten, die vornehmlich in die USA fuhren, erwarben dort Erfahrungen mit amerikanischen Forschungsroutinen und knüpften sozialen Beziehungen, die für viele später von den Nazis Verjagten überlebenswichtig wurden. Die in Großbritannien und den USA organisierte Hilfe für geflüchtete Wissenschaftler musste Rücksicht auf den heimischen Arbeitsmarkt nehmen. Nur das amerikanische Wissenschaftssystem besaß eine ausreichende Aufnahmefähigkeit, weshalb auch nahezu alle Emigranten letztlich dort landeten. Eine kollektivbiografische Analyse deutschsprachiger Sozialwissenschaftler dieser Periode zeigt markante Differenzen zwischen Deutschen und Österreichern, hinsichtlich der Zahl der Vertriebenen und deren Erfolge in den USA. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm die Rockefeller Foundation ihre Tätigkeit in Europa wieder auf, fand aber kaum noch förderungswürdige Institute bzw. potentielle Stipendiaten. Die bisherige wissenschaftliche Literatur über diese transatlantische Wanderungsbewegung während der Nazi-Periode weist perspektivische Verkürzungen auf. In den Überblicksdarstellungen kommt der kollektive Aspekt dieser Migration zu kurz. Die "Verlustbilanzen" haben den Eindruck befördert, dass "daheim" niemand mehr übrig blieb. Diese Situation lud andere Autoren dazu ein, sich jener anzunehmen, die während der Nazi-Zeit als Sozialwissenschaftler tätig waren. Deren Befund, dass doch eine beachtliche Zahl zurückgeblieben war und Forschung im Dienste von Rasse, Volk und Vernichtungsapparat betrieben habe, hängt aber wiederum in der Luft, weil die Vertriebenen und deren nach der Emigration durchgeführte Arbeiten damit nicht in Beziehung gesetzt werden. Ein Vergleich der Rockefeller Stipendiaten der Vor- mit jenen der Nachkriegsperiode zeigt, dass sich (West-) Deutschland sozialwissenschaftlich rascher erholte als Österreich.
- Universität Graz - 100%