Eine neue Sichtweise der Erste-Person-Perspektive
A new prospect of First-Person-Perspective
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (5%); Philosophie, Ethik, Religion (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (20%)
Keywords
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Erste-Person-Perspektive/Dritte-Person,
Beobachtung/Erfahrung,
Subjektivität/Objektivität,
Handlung/Verhalten,
Naturalismus/Anti-Naturalismus,
Selbst/Anderer
In unterschiedlichen Disziplinen wie der Geschichte, der Soziologie, der Ökonomie, der Psychologie oder neuerdings der Hirnforschung fanden während der letzten 150 Jahre Grundsatzdiskussionen statt, welche die methodologische Ausrichtung der jeweiligen Wissenschaften zum Thema hatten. Im Zentrum dieser nach wie vor andauernden Debatte steht die Frage, ob es eine ausgezeichnete Methode gibt, die das Etikett der Wissenschaftlichkeit verdient, oder ob sich zwei heterogene Wissenschaftskulturen gegenüberstehen, wie dies in wissenschaftsphilosophischen Dualismen (Verstehen/Erklären, Idiographie/Nomothetik, Geisteswissenschaft /Naturwissenschaft) vertreten wird. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb etwa der Streit um den rechtmäßigen Erkenntnisanspruch der Hirnforschung - oder allgemein: der Streit um den Wahrheitsgehalt naturalistischer Theorien - zu keinem für beide Seiten akzeptablen Ende gelangt. Kann die Idee der Willensfreiheit empirisch widerlegt werden oder liegt in dem Anspruch auf empirische Entscheidbarkeit dieser Frage ein Kategorienfehler? Solche Fragen sind nicht nur aus wissenschaftsinterner Perspektive von Bedeutung. Sie betreffen die Grundfesten unseres menschlichen Selbstverständnisses und sind, was die zu gewärtigenden gesellschaftspolitischen, ethischen und rechtlichen Konsequenzen angeht, von enormer praktischer Reichweite. Das geplante Forschungsprojekt wirft ein neues Licht auf diese Diskussion, indem ein Ansatz erprobt wird, der einerseits wissenschaftsphilosophische Monismen als unhaltbar zurückweist und andererseits ein komplexeres Bild der wissenschaftlichen Begriffs- und Theoriebildung zeichnet als dies auf Basis wissenschaftsphilosophischer Dualismen möglich ist. Ausgehend von der transzendentalen Phänomenologie Edmund Husserls wird der Pluralismus des Wissenschaftssystems im Rahmen einer phänomenologisch fundierten Wissenschaftssystematik begründet, ohne damit einen unfruchtbaren Relativismus prinzipiell ununterscheidbarer Perspektiven zu befördern. Zu diesem Zweck werden die für diesen approach zentralen Termini der Einstellung und der Lebenswelt zu einer umfassenden Theorie der wissenschaftlichen Begriffsbildung ausgebaut. Dabei wird großer Wert auf den Austausch mit anderen wissenschaftsphilosophischen Paradigmen wie der Hermeneutik, der Systemtheorie, dem Positivismus oder der analytischen Philosophie gelegt wird. Darüber hinaus sollen die zu entwickelnden wissenschaftsphilosophischen Thesen in einem konkreten Anwendungsfeld geprüft werden. Um dies zu gewährleisten, ist das Projekt in eine interuniversitäre Kooperation zwischen der Karl-Franzens-Universität Graz (Institut für Philosophie) und der Medizin-Universität Graz (Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie) eingebettet. Gegenstand dieser Kooperation ist eine phänomenologisch basierte Subjektivitätsforschung in der Medizin. Deren Schlüsselbereiche sind Ethik und Wissenschaftstheorie.
Eine der zentralsten Fragen der Philosophie betrifft das Verhältnis von Welt und Subjekt. Das vorliegende Projekt zielt darauf ab, jenes Verhältnis auf eine Art und Weise zu beschreiben, die einerseits als Ausgangspunkt einer Vermittlung zwischen verschiedenen Philosophische Disziplinen und Traditionen (Phänomenologie, philosophy of mind, Hermeneutik) dienen kann. Andererseits soll es als auch zu einer Verbesserung des Verständnis des Verhältnisses von Wissenschaft, Philosophie und Lebenswelt in Bezug auf Konzepte wie Subjektivität, Bewusstsein oder Realität beitragen. Ein angemessenes Verständnis menschlicher Subjektivität, so unsere Hauptthese, setzt eine Analyse unserer Erste-Person-Perspektive als Ausgangspunkt jedes theoretischen und praktischen Weltbezuges voraus. Nur wenn wir die konstitutiven Aspekte und Strukturen von Subjektivität, i.e. unsere Wahrnehmungen, Handlungen etc., sorgfältig beschreiben und analysieren, ist es uns möglich, Aussagen über die Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Erklärungen von Subjektivität zu treffen. Im gegenwärtigen philosophischen Diskurs ist häufig von den Kognitions- und Neurowissenschaften als mögliche "Wissenschaften der Subjektivität" die Rede, die sowohl traditionelle philosophische Subjektivitätskonzepte als auch unsere alltäglichen Intuitionen bezüglich unserer Existenz als bewusste, autonome Subjekte ersetzten würde. Gemäß der so genannten "Neurophilosophie" sei Subjektivität als Gehirnfunktion, oder - abstrakter gesprochen - als Produkt eines informationsverarbeitenden Systems zu verstehen. Demgegenüber argumentieren wir folgendermaßen: (1) In unserem alltäglichem Leben stehen wir normalerweise nicht vor einem "Leib-Seele-Problem". Unter gewöhnlichen Umständen stellen wir die Doppelseitigkeit unserer Existenz als physikalische Körper und bewusste Subjekte genauso wenig in Frage wie die Existenz einer objektiven Welt. Wir leben vielmehr in wechselnden, bedeutungsvollen Kontexten, ohne sie zu hinterfragen. Demgemäß stellt die Erste-Person-Perspektive (EPP) keine dingliche Entität in der Welt, sondern die Form unseres Weltbezuges dar. Wenn wir darin recht haben, dass die EPP Teil jener formalen Struktur ist, die jedem einzelnen Akt unterliegt, in dem wir uns auf etwas beziehen, dann stellen die Repräsentation von Objekten und die Repräsentation jener Strukturen mittels derer wir uns auf Objekte beziehen je unterschiedliche Aktivitäten dar, die je unterschiedliche Erforschung bedürfen. (2) Es notwendig, von einer gewissen Ambiguität des Begriffes der EPP zu sprechen. Jene entspringt der Tatsache, dass wir uns in Bezug auf jeden einzelnen Erlebnismoment, entweder auf den Bedeutungsinhalt oder den formalen Aspekt beziehen können. Auf der einen Seite bezieht sich "EPP" auf jede Erfahrung, die für ein Subjekt relevant und manifest ist, auf der anderen Seite referiert der Term "EPP" auf die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, nämlich in Perspektiven. In der Untersuchung der korrelativen Strukturen zwischen verschiedenen Arten der Erfahrung und ihren Entsprechungen als Manifestationen erscheinender Dinge und Prozesse liegt das Hauptinteresse phänomenologischer Forschung. Um dem Problem der Erforschung der EPP innerhalb einer korrelativen Struktur von subjektiven und objektiven Momenten gerecht werden zu können, müssen wir uns von unseren alltäglichen Bezügen reflexiv distanzieren. Insofern Reflexion ebenfalls ein intentionales Erlebnis darstellt, heißt ist die Überschreitung unseres alltäglichen Weltbezuges nicht, die Sphäre der Subjektivität zu verlassen. Im Gegenteil, es ermöglicht es uns explizit zu den subjektiven Vorraussetzungen unserer Erlebnisse Stellung zu nehmen. Reflexion stellt somit ein unverzichtbares Instrument zur kritischen Analyse dar, repräsentiert aber keinen archimedischen Punkt. In diesem Sinne können wir sagen, dass die EPP sowohl Ausgangspunkt als auch Endpunkt der Analyse ist. (3) Demgegenüber stellt der philosophische Naturalismus eine Position dar, die die Ergebnisse der Naturwissenschaft verwendet, um die EPP als sehr komplexen Vorgang in der Welt (Gehirnprozesse, Verhalten, Informationsverarbeitung etc.) zu erklären, ohne seine eigenen Voraussetzungen radikal zu reflektieren. Die Naturwissenschaft ist ausschließlich an seinen Objekten orientiert und auf sie beschränkt. Der Philosophische Naturalismus ignoriert diese Limitierung indem er stillschweigend voraussetzt, dass die Realität als Ganze nichts anderes ist, als die Summe jener Objekte, die der naturwissenschaftlichen Erforschung zugänglich ist. Dies bedeutet aber auch, dass die Ausarbeitung einer phänomenologischen Kritik am Naturalismus keine Kritik an den Naturwissenschaften bedeutet, sondern an der philosophischen Verallgemeinerung der wissenschaftlichen Einstellung. Ist unsere Charakterisierung des Naturalismus richtig, so trägt der Naturalismus die Beweislast, jene stillschweigende Verallgemeinerung zu rechtfertigen. Naturalistische Theorien müssen zeigen wie es möglich ist, die EPP durch jene Beschreibungen aus der Dritte-Person-Perspektive zu ersetzen, die uns mit jenen Inhalten von Wahrnehmungen, Experimenten etc. versorgen, die die EPP ja bereits voraussetzen. (4) Die Nichtreduzierbarkeit der EPP hat verschiedene Auswirkungen auf wissenschaftliche, philosophische, ethische, soziale und politische Fragestellungen. Nur eine kritische Evaluierung verschiedener Perspektiven innerhalb und außerhalb von Wissenschaft und Philosophie ermöglicht es uns, einseitiges, monistisches Denken zu vermeiden, welches stillschweigend und voreilig versucht, unser bedeutungsvolles, bewusstes Leben durch mentale Repräsentationen, Computermodelle und Gehirnfunktionen zu ersetzen.
- Universität Graz - 100%
- Dan Zahavi, University of Copenhagen - Dänemark