Kortikale MS-Läsionen: Korrelat der Krankheitsprogression?
Cortical lesions in MS: a correlate of disease progression?
Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (10%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (90%)
Keywords
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Cortical Lesions,
Neuropathology,
Multiple Sclerosis,
Immunohistochemistry,
Disease Progression,
Disease Course
Multiple Sklerose wird allgemein als Erkrankung der weißen Substanz des ZNS aufgefasst. Dieses pathologische Bild ist allerdings unvollständig, denn sowohl die graue Substanz von Basalganglien und Hirnstamm als auch der Kortex von Groß- und Kleinhirn sind - teilweise sogar massiv - von Demyelinisierung betroffen. Wie die Ergebnisse kürzlich publizierter neuropathologischer und fMRI-Studien zeigen, könnte das Auftreten kortikaler Plaques für das Verständnis des Krankheitsprozesses bei MS-Patienten wesentlich sein. Dieser Aspekt der MS- Pathologie wurde allerdings sowohl neuropathologisch als auch mit bildgebenden Verfahren, z.T. auf Grund von methodischen Problemen, erst unvollständig untersucht. Daher ist über die Verteilung kortikaler Plaques im ZNS, ihre Rolle bei verschiedenen Verlaufsformen der Erkrankung und die pathogenetischen Mechanismen, die zu ihrer Entstehung beitragen, erst wenig bekannt. Diesen Fragen soll in unserem Projekt nachgegangen werden. Gegenstand unserer vorläufigen Untersuchungen war die kortikale Krankheitsbeteiligung in Hinblick auf die unterschiedlichen Krankheitsverläufe bei MS: dabei zeigte sich, dass Fälle mit primär oder sekundär progredienter MS häufig Plaques im Cortex cerebri aufweisen, im Gegensatz zu Fällen mit akutem oder schubhaft- remittierendem Krankheitsverlauf, die keine oder sehr wenige kortikale Plaques aufweisen. Die Läsionslast in der weißen Substanz war in allen vier Gruppen vergleichbar. Ziel des vorliegenden Projektes ist es, die Inzidenz und topographische Verteilung der kortikalen Plaques bei verschiedenen MS-Verlaufsformen genau zu charakterisieren, sowie zusätzlich zum Cortex cerebri auch den Kleinhirnkortex und die graue Substanz der Basalganglien und des Hirnstammes auf demyelinisierende Plaques hin zu untersuchen. Da bisherige Ergebnisse nahe legen, dass sich kortikale Plaques hinsichtlich ihrer Pathogenese deutlich von Läsionen in der weißen Substanz unterscheiden, soll der Frage nachgegangen werden, welche pathogenetischen Mechanismen zur Formation von demyelinisierenden Läsionen in der grauen Substanz des ZNS führen und in welchem Ausmaß andere Gewebsbestandteile außer Myelin von diesem Prozeß betroffen sind. Zusätzliche Ziele sind die Etablierung neuer MRT/MRS-Parameter, die die Identifikation von kortikalen Plaques im ZNS ermöglichen und - soweit retrospektiv möglich - die Identifizierung der klinischen Auswirkungen von kortikalen Läsionen bei MS-Patienten.Verteilung und Ausmaß der kortikalen MS-Plaques liefern erstmals ein pathologisches Korrelat, das mit der Progredienz der Erkrankung assoziiert ist, und lassen die Schlussfolgerung zu, dass verschiedene pathologische Mechanismen in verschiedenen Krankheitsstadien bzw. bei verschiedenen Krankheitsverläufen eine Rolle spielen.
Multiple Sklerose (MS) ist eine der wichtigsten neurologischen Erkrankungen in Europa und den USA. Sie ist eine chronische entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit fokalen Entmarkungsherden im Gehirn und Rückenmark. Rezente klinische und neuroradiologische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die MS typischen Entmarkungsherde nur zu einem geringen Teil die Progression der neurologischen Ausfälle der Patienten erklären. Ziel unseres Projektes war, die pathologischen Substrate der Krankheitsprogression bei MS Patienten zu definieren. Wir fanden, dass im frühen schubhaften Stadium der Erkrankung die fokalen Entmarkungsherde dominieren, jedoch bei Patienten mit progredienter Erkrankung das Gehirn und Rückenmark von einem globalen und diffusen Schädigungsprozess betroffen ist. Dies äußert sich in einer weitreichenden Entmarkung der gesamten Hirnrinde und in einer diffusen Zerstörung der Nervenfasern in der weißen Substanz des Gehirns. Im frühen Stadium der Erkrankung führt der Einstrom von Entzündungszellen aus dem Blut in das Nervengewebe zur Bildung fokaler Krankheitsherde. Im progredienten Stadium der MS kommt es jedoch zu einer langsam fortschreitenden Infiltration von Entzündungszellen im Nervensystem, die sich dort verselbständigen und nicht mehr der Kontrolle des Immunsystems unterliegen. Unsere Ergebnisse haben erhebliche Bedeutung für die Diagnose und Therapie der Erkrankung. Sie definieren erstmals pathologische Veränderungen, die die Krankheitsprogression erklären und die gegenwärtig in klinischen und neuroradiologischen Untersuchungen nicht erfasst werden. Darüber hinaus erklären unsere Befunde, warum gegenwärtig eingesetzte entzündungshemmende oder immunmodulatorische Therapien nur im frühen schubförmigen Stadium, jedoch nicht bei Patienten mit progredienter Form der MS wirken.
- Wolfgang Brück, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
- Claudia Lucchinetti, Mayo Clinic College of Medicine - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 1993 Zitationen
- 3 Publikationen
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2007
Titel Widespread Demyelination in the Cerebellar Cortex in Multiple Sclerosis DOI 10.1111/j.1750-3639.2006.00041.x Typ Journal Article Autor Kutzelnigg A Journal Brain Pathology Seiten 38-44 Link Publikation -
2006
Titel Cortical demyelination in multiple sclerosis: A substrate for cognitive deficits? DOI 10.1016/j.jns.2005.09.021 Typ Journal Article Autor Kutzelnigg A Journal Journal of the Neurological Sciences Seiten 123-126 -
2005
Titel Cortical demyelination and diffuse white matter injury in multiple sclerosis DOI 10.1093/brain/awh641 Typ Journal Article Autor Kutzelnigg A Journal Brain Seiten 2705-2712