Schriftgut aus dem Umkreis der Wiener Universität von 1365 bis um 1500
Texts related to the university of Vienna from 1365 to 1500
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (75%); Philosophie, Ethik, Religion (25%)
Keywords
-
University of Vienna,
Klosterneuburg,
Texts,
University-Related
Der Lehrbetrieb an der 1365 gegründeten Universität ist bisher für den Zeitraum des Mittelalters nur ansatzweise erforscht worden. Von sehr knappen Überblicken über einzelne Bereiche abgesehen liegen nur für einige bekannte Professoren (wie zum Beispiel Nikolaus von Dinkelsbühel, Heinrich Totting von Oyta, Thomas Ebendorfer, Heinrich von Langenstein) eingehendere Untersuchungen über ihre Publikations- und Vorlesungstätigkeit vor. Das in verstreuten Handschriften erhaltene universitäre Schrifttum ist noch nie systematisch erfaßt oder auch nur gesichtet worden. Projektziel ist die Erfassung des in der Stiftsbibliothek Klosterneuburg überlieferten universitären Schriftguts von 1365 bis 1500. Ausgehend von einem zu erstellenden Gesamtverzeichnis des in Klosterneuburg überlieferten Universitätsschrifttums sollen jene Texte, zu deren Verfasser noch keine ausführlichen Untersuchungen existieren, in einen größeren Überlieferungszusammenhang gestellt werden, was die Kenntnis des Zeitpunkts der Niederschrift und der Parallelüberlieferung bedingt. Dadurch werden Aussagen über die Verschriftlichungspraxis der universitären Lehrinhalte ermöglicht: Diese kann sich äußern in Autographen der Universitätslehrer, in unmittelbarer schriftlicher Fixierung des Vorlesungsbetriebes (reportata, pronuntiamenta), in sekundären Abschriften und in Legaten. Eine Auswertung in Hinblick auf den Personenkreis der Studenten und deren Interessen ist vorgesehen. Der Großteil des in Klosterneuburg überlieferten universitären Schrifttums liegt zweifellos in Form sekundärer Abschriften vor; in diesem Zusammenhang soll exemplarisch der Versuch unternommen werden, durch Vergleich von Schreiberhänden, Ausstattungsmerkmalen und verwendeten Papiersorten in mehrfach an verschiedenen Orten überlieferten Texten in Klosterneuburg entstandene Kopien von solchen zu scheiden, die von im universitären Ambiente tätigen Lohnschreibern verfertigt wurden. Die Analyse auch nur eines Ausschnittes dieses Universitätsschriftgutes stellt einen essentiellen Beitrag zur Erforschung des spätmittelalterlichen Universitätsbetriebes dar, der gerade auch im Hinblick auf die für das Universitätsjubiläum 2015 (650 Jahre Universität Wien) geplante Universitätsgeschichte von Bedeutung ist, die ohne die Aufarbeitung dieses bisher brachliegenden Bereichs für das Spätmittelalter nicht zu leisten sein wird.
In den österreichischen Stiftsbibliotheken haben sich in mittelalterlichen Handschriften auch viele Texte erhalten, die aus dem Umfeld der 1365 gegründeten Universität Wien stammen. Diese Handschriften konnten durch Angehörige des Stifts, die an der Universität Wien studierten oder lehrten, unmittelbar in die angesprochenen Bibliotheken gelangen, oder sie wurden erst längere Zeit nach ihrer Kopie den Stiften vermacht oder von diesen käuflich erworben, weil Interesse an den Texten bestand. Somit sind diese Codices nicht nur eine erstklassige Quelle für die Wiener Universitätsgeschichte, sondern auch für die sogenannte "Wissenschaftspflege" in Österreich, das heißt für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Texten außerhalb der Alma Mater Rudolphina. Dennoch sind die Handschriften noch in keiner Weise systematisch gesammelt und werden allenfalls unregelmäßig im Rahmen der Katalogisierungsprojekte der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters erfaßt. Das vom FWF geförderte Projekt stellt den ersten Schritt zu einer geordneten Erfassung der einschlägigen Texte in österreichischen Bibliotheken dar, die mittel- bis langfristig neues Licht auf die Geschichte der mittelalterlichen Universität Wien werfen soll. Begonnen wurde dabei mit den Handschriften aus dem Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg. Dafür sprachen nicht nur die traditionell engen Verbindungen von Angehörigen des Stifts zur Wiener Universität, die schon aufgrund der räumlichen Nähe gegeben waren, sondern auch das an der Kommission angesiedelte Projekt "Wasserzeichen des Mittelalters" (http://www.ksbm.oeaw.ac.at/wz/wzma.htm), in dessen Rahmen sämtliche Wasserzeichen der Klosterneuburger Papierhandschriften mit Hilfe von Betaradiographie in einer im Internet zugänglichen Datenbank erfaßt wurden. Wasserzeichen lassen meist eine präzisere zeitliche Einordnung der Handschriften und ihrer Texte zu, als das auf Grundlage anderer Kriterien möglich wäre. Durch die Erfassung von Parallelüberlieferungen in zahlreichen anderen Bibliotheken Österreichs (etwa der Österreichischen Nationalbibliothek, der Bibliothek des Schottenstifts in Wien oder des Augustiner-Chorherrenstifts in St. Florian) konnten in Klosterneuburg nur anonym überlieferte Texte zum Teil einem Autor zugewiesen werden. Ausgehend von diesem Bestand erwies sich in der Folge eine Gruppe von etwa 50 Handschriften in der Bibliothek des Benediktinerstifts Seitenstetten (NÖ) als äußerst aufschlußreich, die Mitte des 18. Jahrhunderts aus der ehemaligen Universitätsbibliothek in das Stift gelangt war. Genaue Inhaltsbeschreibungen der in Klosterneuburg und Seitenstetten verwahrten Manuskripte mit Texten aus dem Umfeld der Universität Wien sind online über das Portal http://www.ksbm.oeaw.ac.at/kln/mssuniv.htm abrufbar und können so von jedem Interessierten eingesehen werden. Es ist geplant, die Katalogisierung weiteren Universitätsschriftguts durch die Erfassung weiterer Bestände, so etwa jener des Augustiner-Chorherrenstifts St. Florian, fortzusetzen und die Ergebnisse wie bisher auch im Internet zu publizieren.