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Sport in der ´Ostmark´ (1938-1945)

Sports in the ´Ostmark´ (1938-1945)

Matthias Marschik (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P16630
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2004
  • Projektende 31.12.2005
  • Bewilligungssumme 70.674 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (67%); Geschichte, Archäologie (33%)

Keywords

    Nationalsozialismus, Sport, Österreich, Kulturgeschichte

Abstract Endbericht

Österreich hat seine Identität nicht zuletzt über den Sport auf- und ausgebaut hat: Politik und Ökonomie haben die Vorgaben geliefert, doch im Sport finden sich wesentliche Faktoren der Umsetzung. Dennoch wird bis heute vielfach übersehen, daß die Bedeutung des Sportes sein Terrain übersteigt und gesellschaftliche Wirkungen entfaltet. Der Sport kann als Ort gemeinsamen Wissens gesehen werden, auf dem sich allgemeingültige Vorstellungen manifestieren, ausbilden und verändern. Sportliche Normen und Werte werden in die Gesellschaft eingeschrieben, vom kollektiven Gedächtnis bis zu `körperlichen Praktiken`. Was den Sport als gesellschaftliche Formation auszeichnet, ist, daß er paradigmatisch Räume des Symbolischen zu eröffnen und mythische Bedeutungen entwirft. Das geplante Projekt will diese Überlegungen auf die Ära des Nationalsozialismus in Wien und Österreich übertragen. Dazu ist es einerseits notwendig, die österreichische Sportgeschichte in den Jahren von 1938 bis 1945 aufzuarbeiten, und andererseits müssen auf dieser Basis die Artikulationen des Sportes im NS-Kontext beleuchtet werden. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet das Faktum, daß in Deutschland die Sportgeschichte des Nationalsozialismus als gut dokumentierter Bereich der Zeitgeschichte des Sports gilt, während in Österreich die systematisch kritische Aufarbeitung über Ansätze nicht hinausgekommen ist. Weder Sportwissenschaften noch Geschichtsforschung oder Ethnologie haben diese Thematik genauer betrachtet, sodaß weder genauere Ergebnisse zur Umsetzung der NS-Sportideologie auf dem Gebiet der `Ostmark` noch Untersuchungen von strukturellen, personellen oder organisatorischen Spezifiken vorliegen. Erst auf der Basis dieser Daten wird es möglich sein, die kulturellen Bedeutungen des Sportes herauszuarbeiten, ihr Zusammenwirken mit politischen und ökonomischen Prämissen oder ihre Resistenz zu untersuchen. Daraus ergeben sich für die geplante Untersuchung drei thematische Schwerpunkte. Zunächst geht es um die organisatorisch-personelle Ebene, wobei zu fragen ist, welche Differenzen sich zwischen machtpraktischer Umsetzung und nachträglicher Legitimation ergaben und welche Konsequenzen dies bezüglich des Regimes wie der Sportpraxen besaß. Die Veränderungen im sportlichen Bereich können Aufschlüsse über die Strukturen der Etablierung nationalsozialistischer Macht erbringen. Ihre Analyse soll zu drei Zeitpunkten erfolgen: Die erste Phase ist jene unmittelbar nach dem Anschluß`, die zweite Phase ist jene der bis ins Frühjahr 1939 andauernden ideologischen Gleichschaltung, die nach außen hin nicht diktatorisch ablief, sondern über den Umweg der - propagandistisch unterstützten - Schaffung neuer Strukturen ohne Beseitigung alter Einheiten. Die dritte Ebene ist jene des Sportes unter Kriegsbedingungen, wobei hier dem Sport geänderte Aufgaben zugeschrieben wurden. Zweitens soll darauf die Untersuchung von Sport-Kulturen aufgabaut werden. Es soll versucht werden, nicht nur festgeschriebene und protokollierte Daten der Indoktrinierung und Beeinflussung zu dokumentieren, sondern ebenso die Repräsentationen des Sports im Alltagsleben und die Artikulationen, die zwischen der Welt des Sportes und anderen gesellschaftlichen Ebenen hergestellt, fortgeführt oder verändert wurden. Ein dritter Bereich der Untersuchung findet sich in einer zumindest ansatzweisen Analyse der Rezeption und Verarbeitung nach 1945. Gerade auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe kann die Analyse des Sportes darüberhinaus verwertbare Resultate erbringen: Es gilt dabei, im Vorweis von brutaler Ausschaltung sportlicher Praxen und radikalen Eingriffen in bestehende Strukturen zugleich auch die Fortführung gewohnter Muster aufzuzeigen und damit einen Beitrag zum umfassenderen Verständnis des NS-Regimes und der Jahre zwischen 1938 und 1945 zu leisten.

Auch wenn die Zeit des Nationalsozialismus zu den besterforschten Phasen der Geschichte gehört, verweist die umfangreiche Literatur doch auf zwei markante Defizite: Einerseits werde profunde Analysen der Strukturen nationalsozialistischer Herrschaft von individuellen Betrachtungen und einer Geschichte von unten kontrastiert, ohne die beiden Ebenen ausreichend zu verbinden, andererseits bleiben Alltag und die Weiterführung von `Normalität` weitgehend unreflektiert. Diese Schritte wären jedoch nötig, um die Verurteilung des NS-Systems durch Aspekte der Empathie für die Alltäglichkeit zu erweitern und so neben strikter Distanzierung auch ein Verstehen der damaligen Entwicklungen treten zu lassen. So soll das Projekt zum `Sport in der Ostmark` zum einen das (im Vergleich zu Deutschland) enorme österreichische Forschungsdefizit zur Aufarbeitung des Sportlebens reduzieren, darüber hinaus aber einen Beitrag zur vermehrten Berücksichtigung von Alltagskulturen des Nationalsozialismus leisten, die einen wesentlichen Schlüssel dazu bilden, die Geschehnisse der NS-Zeit (auch und gerade in Österreich) vorstellbar und nachvollziehbar zu machen. Untersucht wurde der gesamte Bereich des Sportes am Territorium Österreichs zwischen 1938 und 1945, und zwar Breiten- und Spitzensport, Massen- und Minderheitensport, Vereins- und Jugendsport sowie der Sport der Formationen, zu drei konkreten Zeitpunkten: In den Monaten nach dem `Anschluss`, in der Zeit rund um den Kriegsbeginn und schließlich in der Endphase des Regimes nach Stalingrad. Die Resultate der Untersuchung sind nicht einfach zusammenzufassen; die konkreten Ausgestaltungen des Sportlebens variieren nach Zeitpunkt, Ort und massenkultureller Bedeutung der jeweiligen Sportgattung, aber auch nach einzelnen Organisationen und sogar Personen. Entscheidend ist jedoch zum einen, dass sich - mit Ausnahme der in Österreich populären Sportarten Fußball und Skilauf - auffallende Parallelen zur deutschen Situation finden und dass zum anderen die vorherrschende These einseitiger Instrumentalisierung keinesfalls aufrecht zu erhalten ist. Vielmehr ist von einer primären Selektion aller Zugehörigen (also unter radikalem Ausschluss vor allem des jüdischen Sports von den Aktiven bis zu den Journalisten) auszugehen, für die der Sport dann Anpassungszwänge ebenso wie Chancen der Resistenz inkludierte. Das Regime hat die Rahmenbedingungen des Sportes diktiert. Seine konkreten Praxen dagegen entwickelten sich zu einer Grauzone, in der die Beteiligten durch Strategien gegenseitiger Anpassung Freiräume vorfanden bzw. schufen, die von allen in je spezifischer Weise genutzt wurden, vom Regime etwa zur Beruhigung der Arbeiterschaft oder zur Kalmierung anti-preußischer Ressentiments in der `Ostmark`, von den Aktiven zur Erlangung von Begünstigungen und von den Zuschauern zur Erfüllung eines `kleinen Glücks`. Nicht Instrumentalisierung prägte den Sport und andere Popularkulturen der NS-Zeit, sondern eine, vom Regime kontrollierte aber nicht völlig definierte, Aushandlung von Interessen.

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