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Ernährungspraktiken und nachhaltige Entwicklung

Food consumption practices and sustainable development

Karl-Michael Brunner (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P16556
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2003
  • Projektende 31.03.2006
  • Bewilligungssumme 184.464 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (30%); Gesundheitswissenschaften (20%); Soziologie (50%)

Keywords

    Ernährung (food consumption), Umwelthandeln (environmental behaviour), Nachhaltigkeit (sustainable development), Haushalt (household), Konsum (consumption)

Abstract Endbericht

Nachhaltige Entwicklung hat im letzten Jahrzehnt als gesellschafts- und umweltpolitisches Leitbild weltweit Anerkennung erlangt. In diesem Zusammenhang wird zunehmend die Forderung erhoben, dass die energie- und materialintensiven Konsummuster in den Industriestaaten in Richtung Nachhaltigkeit verändert werden. Das Konsumfeld Ernährung ist dabei bisher vernachlässigt worden, obwohl es für alle Menschen und Gesellschaften von zentraler Bedeutung ist und hohe Relevanz für nachhaltige Entwicklung hat. Das Projekt verfolgt das Ziel, den Nahrungskonsum im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte zu untersuchen und Chancen und Barrieren in Richtung nachhaltigerer Ernährungsmuster auszuloten. Wie sind die Ernährungspraktiken der Menschen strukturiert und aus welchen Gründen verändern sie sich? Wie entwickeln sich Ernährungspraktiken im Kontext von Arbeit, Freizeit, Familie und öffentlichen Diskursen? Was sind nachhaltige Ernährungsmuster und in welchem Ausmaß praktizieren Menschen sie bereits? Welche Anknüpfungspunkte für nachhaltigere Ernährungsmuster bestehen, welche Hindernisse lassen sich feststellen? Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit nachhaltige Ernährung gesellschaftliche Breitenwirkung erlangt? Dies sind einige Leitfragen, die im Projekt beantwortet werden sollen. In theoretischer Hinsicht werden erstmals die Konzepte nachhaltige Lebensstile und Konsummuster mit sozialwissenschaftlichen Konzepten zu Ernährungspraktiken verknüpft. Die Studie ist primär soziologisch orientiert und wird Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Umwelt-, Konsum- und Ernährungsforschung innovativ miteinander verknüpfen. Es werden aber auch Erkenntnisse anderer sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen miteinbezogen (u.a. Ökonomie, Ernährungswissenschaft, Sozialökologie). Empirisch werden 100 österreichische Haushalte aus unterschiedlichen sozialen Milieus bezüglich ihrer Ernährungspraktiken und deren Determinanten, Veränderungen und Folgen befragt und dabei die Anknüpfungspunkte und Hindernisse für einen nachhaltigeren Nahrungskonsum herausgearbeitet. Das Forschungsdesign orientiert sich an Prinzipien der qualitativen Sozialforschung, d.h. es wird ein offenes, flexibles Forschungsvorgehen verfolgt, wobei die Datenerhebung hauptsächlich mittels qualitativer Interviews erfolgt. Auch die Datenauswertung wird mit qualitativen Methoden durchgeführt. Neben thematischen Auswertungsschwerpunkten (z.B. Ernährungspraktiken und Ökologie) wird die Entwicklung einer datenbasierten Typologie nachhaltigkeitsbezogener Ernährungspraktiken angestrebt.

Nachhaltigkeit als Leitbild für die Gesellschaftsentwicklung geht davon aus, dass die heutige Generation nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben soll. Dies betrifft auch das Ernährungssystem und die Ernährungsmuster der Menschen. Nachhaltige Ernährung meint z.B., dass Lebensmittelproduktion-, -handel und -konsum umweltfreundlich gestaltet sind, dass unsere Ernährung zur Gesundheit beiträgt, dass qualitätsvolle Lebensmittel für alle Gesellschaftsmitglieder leistbar sind, dass unsere Ernährungsweisen sozial befriedigend sind. Das qualitativ orientierte Projekt verfolgte das Ziel, die Ernährungspraktiken von Menschen in Österreich zu untersuchen und Anknüpfungspunkte und Hindernisse für nachhaltige Ernährung aus der Perspektive von KonsumentInnen herauszuarbeiten. Insgesamt wurden 70 Intensivinterviews mit KonsumentInnen aus unterschiedlichen sozialen Milieus durchgeführt. Wesentliche Ergebnisse des Projekts sind: Ernährungspraktiken hängen von soziodemographischen Merkmalen (z.B. Bildung, Geschlecht) ebenso ab wie von Ernährungsorientierungen (z.B. Gesundheit) und strukturellen Faktoren. Es wurden acht Ernährungsorientierungen identifiziert, die das Ernährungshandeln der Menschen grundlegend anleiten und mehr oder weniger Anknüpfungspunkte für nachhaltige Ernährung bieten. Strukturelle Bedingungen (z.B. Anforderungen im Beruf, Zeitprobleme) können die Menschen in ihren Ernährungsvorstellungen aber erheblich einschränken und Aufwandsreduktion erfordern. Das Geschlecht ist ein zentraler Faktor in der Ernährung. Frauen ernähren sich nachhaltiger als Männer, allerdings ist dies oft durch gesellschaftliche Körpernormen (Schlankheit) bedingt. Frauen haben trotz Berufstätigkeit immer noch weitgehend die Hauptverantwortung für Haus- und Ernährungsarbeit inne, was sie zwar anschlussfähiger für Nachhaltigkeit macht, jedoch häufig um den Preis von Überforderung und Stress. Ernährung und Gesundheit hängen eng zusammen. Es wurden sieben Gesundheitsorientierungen identifiziert, wobei die Bandbreite von einer Dominanz von Gesundheitsüberlegungen bei der Ernährung bis zu einem nicht vorhandenen Gesundheitsbewusstsein reicht. Insgesamt bietet das Gesundheitsmotiv bietet viele Möglichkeiten für nachhaltige Ernährung. Es gibt nicht den nachhaltigen Ernährungsstil, der von einer klar bestimmbaren Gruppe von Menschen praktiziert wird. Vielmehr zeigen sich in vielen Ernährungspraktiken motivationale Anknüpfungspunkte für Nachhaltigkeit (z.B. Ökologie, Qualität, Gesundheit, Regionalität, Gemeinschaft, Sorge für andere), aber auch deutliche Grenzen (z.B. Ressourcenknappheit, fehlendes Ernährungsinteresse, Mangel an Gesundheitsbewusstsein). Nachhaltigkeitsstrategien müssen die unterschiedlichen KonsumentInnen-Gruppen mit ihren Motiven berücksichtigen, dürfen sich jedoch nicht nur auf KonsumentInnen beschränken. Strukturelle Hindernisse für nachhaltigen Konsum müssen reduziert werden. Dazu sind auch politische Maßnahmen erforderlich, z. B. eine konsequente Förderung der Geschlechtergleichheit, insbesondere Maßnahmen zur stärkeren Beteiligung von Männern an der Ernährungsarbeit, Maßnahmen zur Erhöhung der Ernährungskompetenz und eine nachhaltige Gesundheitspolitik.

Forschungsstätte(n)
  • Wirtschaftsuniversität Wien - 100%

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