Ethik in Organisationen
Rethinking Business Ethics
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (40%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Wirtschaftswissenschaften (40%)
Keywords
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Business Ethics,
Organizational Lerarning,
Power/Knowledge,
Language,
Organizational Behaviour
Wie die Entwicklungen in den letzten Jahren und Monaten (Stichwort Enron) zeigen, ist Ethik eines der zentralen Themen und Herausforderungen für Organisationen. Um das Thema Ethik adäquat zu begreifen, entwickeln wir in diesem Forschungsprojekt einen theoretischen Rahmen, der erlauben soll, Ethik anders und neu zu problematisieren. Die zentrale These des Projekts lautet, dass Ethik nicht als ein Regelwerk oder ein moralischer Code aufgefasst werden kann, der quasi von außen an Organisationen herangetragen werden kann. Vielmehr begreifen wir Ethik als Praktik, die tief in organisationale Lernprozessen eingebunden und untrennbar mit ihnen verbunden ist. Diese Lernprozesse, in denen ethisches Verhalten auf dem Spiel steht, sind ihrerseits an Sprachspiele und an Macht gebunden. Das Forschungsprojekt untersucht dementsprechend Ethik in ihrem Verhältnis zu organisationalem Lernen, das sich nicht rein kognitiv sondern mittels Sprache abspielt und in organisationale Machtverhältnisse eingebettet ist. Die theoretische Herausforderung liegt nun darin, Regeln als inadäquates Mittel zur Thematisierung von Ethik zu begreifen: ein reines Regelbefolgen kann zu absolut unethischen Ergebnissen führen (Stichwort Holocaust), während das Brechen von Regeln per definitionem ethische Standards überschreitet und verletzt. Versteht man Ethik hingegen als eng an organisationale Lernprozesse gekoppelt, so verschiebt sich die Problemstellung: Lernen als Praktik, die zu Neuem und zu Innovation führt, impliziert ein Spiel mit, und nicht innerhalb der Regeln. In diesem Spiel mit den Regeln steht Ethik ständig auf dem Spiel. Diese Zone zwischen Regel und Veränderung, Überschreitung und Verletzung von Regeln markiert jenen Raum, in dem ethisches Verhalten zur Disposition steht. Diese theoretische Untersuchung wird durch empirische Analysen vertieft und verfeinert: Das Projekt untersucht die Rolle von Ethik in Organisationen und das Dilemma, dem Organisationsmitglieder ausgesetzt sind, wenn es darum geht, ethisch zu handeln und zu entscheiden. Die innovative theoretische Aufarbeitung des Themas Ethik sowie empirische Analysen sollten dazu führen, Ethik als wesentlichen Teil des Wirtschaftslebens zu begreifen, sie zeitgemäß zu verstehen und schließlich Wege ethischen Handelns aufzuzeigen.
Das Projekt "Rethinking Business Ethics" setzt sich kritisch mit der gängigen Diskussion über Ethik in Wirtschaftsorganisationen auseinander. Vor dem Hintergrund eines interdisziplinären Bezugsrahmens und auf der Basis mehrerer empirischer Fallstudien wird gezeigt, dass die Analyse und die Implementierung ethischen Handelns in Organisationen wenig Aussagekraft und Wirkung besitzen, solange sie von einer eindeutigen Unterscheidbarkeit von "richtig" und "falsch" und einer daraus ableitbaren Beurteilung eines bestimmten Handelns als "ethisch" oder "unethisch" ausgehen. Wenn Unternehmen sich des Themas Ethik annehmen, tun sie dies meist in der Form, dass Unternehmenswerte definiert und Leitsätze entwickelt werden und erwartet wird, dass sich die Organisationsmitglieder daran halten. Unser Projekt hat aber gezeigt, dass es in der Empirie nicht nur erhebliche Lücken zwischen propagierten und gelebten Werten gibt, sondern der Alltag in Organisationen von ethischen Dilemmata gekennzeichnet ist, die sich nicht durch den Gegensatz "ethisch" oder "unethisch" auflösen lassen. Über die Laufzeit des Projektes hinweg entwickelte die Innsbrucker Forschergruppe Laske, Kornberger und Seemann in Kooperation mit Wissenschaftlern in Australien und Großbritannien einen innovativen Bezugsrahmen von "Ethik als Praktik". Ethik in Organisationen wird damit nicht über ein formales Regelwerk erklärt, sondern als ein dynamischer Prozess der Auseinandersetzung über (auch ethisch) alternative Praktiken, die im Zusammenspiel von individueller Subjektivität der Organisationsmitglieder, den jeweils gegebenen Macht- und Wissensstrukturen in der spezifischen Organisation sowie den organisationsinternen Kommunikationsprozessen - genauer: dem vorherrschenden Diskurs - entwickelt werden. Die Forschungsergebnisse basieren in erster Linie auf einem ethnografisch-empirischen Zugang. Über zwei Jahre hinweg wurden unterschiedliche Organisationen in unterschiedlichen Ländern begleitet. Eine deutsche Filmproduktion, die als Teil eines Netzwerkes organisiert ist, ein innovatives Gesundheitszentrum in Österreich, ein multinationaler Konzern mit Sitz in Liechtenstein sowie eine australische staatliche Agentur, die Wissen handelt und verwaltet, wurden mit vorwiegend qualitativen Forschungsmethoden im Rahmen von mehrwöchigem Participating Research bis zu einem zweijährigen Action Research Prozess beforscht.
- Universität Innsbruck - 100%
- Stewart Clegg, University of Technology - Australien