Geometrische Keramik, Schwarzfirnis- u. Küchenware von Ägina
Geometric pottery, Blackglazed- and kitchenware from Aegina
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (70%); Kunstwissenschaften (20%)
Keywords
-
Aigina,
Geometrische Keramik,
Schwarzfirnisware,
Küchenware,
Keramikforschung,
Tonanalysen
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts haben Ausgrabungen auf dem Hügel von Kap Kolonna / Ägina große Mengen an keramischem Fundmaterial historischer Zeitstellung erbracht. Zu den wichtigsten Gattungen zählen dabei die geometrische Keramik des 10.-8. Jhs. v. Chr. sowie die Schwarzfirnis- und Küchenware der archaischen bis hellenistischen Epoche. Die bis heute gar nicht oder nur selektiv vorgelegte Keramik stellt einen wichtigen materiellen Indikator für die Besiedlung des Hügels in der nachmykenischen Epoche dar, für die Einrichtung eines frühgriechischen Heiligtums sowie für dessen Nutzung und Fortbestand während der kulturellen Hochblüte der Insel in archaisch-klassischer Zeit. Ein Teil des Materials besteht aus nichtstratifizierten Funden älterer Grabungen, deren herausragende Qualität aber eine Bearbeitung und Vorlage fordern. Das chronologische und formentypologische Gerüst für die Untersuchung dieses Altmaterials bilden die stratifizierten Fundkomplexe aus den neueren Grabungen,in erster Linie aus Brunnen, Schächten, Gräbern, stratifizierten Nutzungshorizonten und Bodenfüllungen größerer Architektureinheiten (Nordtreppe, `Attaleion`, etc.). Brunnenfüllungen, Gräber und mehrere Deposits mit reichhaltiger Keramik des protogeometrischen Stiles belegen eine intensive Nutzung des Hügelareals bereits für das 10. Jh. v. Chr. Wann auf Kap Kolonna ein Kult eingerichtet wurde, ist bislang unbekannt; ein aus den älteren Grabungen überlieferter Apsidenbau mit Libationsgefäßen könnte den Beginn des Heiligtums in dieser Zeit markieren. Mit einer umfassenden Sichtung des Gesamtbestandes der geometrischen Keramik von Kap Kolonna, ihrer Inventarisierung sowie formentypologischen, chronologischen und landschaftsbezogenen Analyse sollen Fragen zum Beginn des Heiligtums, zur Abfolge bzw. Parallelität von Siedlung und Heiligtum, zu den Importen und damit das Verhältnis Äginas zu anderen frühen griechischen Stadtstaaten geklärt werden. Die auf Kap Kolonna ebenfalls reichhaltig vertretene Schwarzfirnis- und Küchenware zählt zu den wichtigsten keramischen Leitgattungen der archaischen bis hellenistischen Zeit. Ziele des Projektes sind die Bestandsaufnahme sowie die formentypologische und chronologische Einordnung der historischen Keramik von Kap Kolonna, ihr Vergleich mit bekannten externen Fundkomplexen (Athen,Korinth etc.), die Klärung des Verhältnisses von lokalen und außeräginetischen Produktionskreisen sowie die Beleuchtung der Rolle Äginas als wichtige Wirtschafts- und Handelsmacht innerhalb der griechischen Staatenwelt der archaischen und klassischen Epoche. Für die behandelten Keramikgattungen soll dazu neben der formal-stilistischen Bewertung auch die naturwissenschaftliche Analyse (Petrographie, Neutronenaktivierung) zwecks einer möglichst exakten Provenienzbestimmung zum Einsatz kommen.
Der heute als Kolonna bezeichnete Ort ist das antike Zentrum der Insel Ägina, die vor Athen im saronischen Golf liegt. Das Projekt Geometrische Keramik, Schwarzfirnis- und Küchenware von Ägina` untersuchte die lokale und importierte Keramik geometrischer und klassischer Zeit aus den von der Universität Salzburg in Kolonna durchgeführten Ausgrabungen. Unsere Forschungen erbrachten neue und wichtige Erkenntnisse über die Funktion des Grabungsplatzes als Siedlung und religiöses Zentrum, über die wirtschaftliche Situation und die auswärtigen Kontakte Äginas. Die sehr große Menge an protogeometrischer Keramik macht deutlich, daß die in spätmykenischer Zeit verlassene Akropolis auf Kap Kolonna im 10. Jh. v. Chr. wiederbesiedelt wurde. Von Anfang an bestanden engste Beziehungen der Bewohner Äginas zu Athen, unabhängig von ihrer überlieferten dorischen Abstammung, wurde doch feines, bemaltes Tongeschirr fast ausschließlich von dort importiert. Dabei handelt es sich vor allem um Formen, die beim Gastmahl und Trinkgelage verwendet wurden, wie Trink-, Mischgefäße und Kannen sowie Amphoren zur Anlieferung und Lagerung des Weins. Über zwei Jahrhunderte hat man bei solchen gemeinschaftlichen Trinkritualen, die vermutlich als eine frühe Form des späteren Apollonkultes an dieser Stelle zu deuten sind, attische Gefäße benützt. Erst um die Mitte des 8. Jh. Chr. wurde dieses Monopol Athens vor allem durch Produkte der zunehmend an Bedeutung gewinnenden korinthischen Keramikindustrie, danach auch argivische oder kykladische Tonwaren gebrochen, sodaß bereits für das spätere 8. Jh. v. Chr. ein erweitertes Netz an Handelsbeziehungen und sozialen Kontakten der Ägineten zum ägäischen Raum vorauszusetzen ist. Diese verstärkten sich in den Jahrhunderten danach bis in die klassische Zeit, die eine Periode reger Kontakte mit Athen, der östlichen Peloponnes (vor allem Korinth) und Ostgriechenland, Ägina als Zentrum ausgedehnter Handelskontakte erweisend, aber auch eine Blütezeit lokaler Keramikwerkstätten ist. Das wichtigste Ergebnis der archäologischen und naturwissenschaftlichen Analysen der Keramik ist der Nachweis einer ausgedehnten einheimischen Produktion von Kochgeschirr aus einem charakteristischen, hitze- und wasserbeständigen Fabrikat. Damit werden antike Literaturquellen bestätigt, die von äginetischen Keramikerzeugnissen sprechen und Ägina als Topfverkäuferin` bezeichnen. Mit Hilfe der Kenntnis dieser lokalen Produktion können äginetische Erzeugnisse nun auch an anderen Fundorten sicher identifiziert werden und die bislang nur literarisch überlieferte Präsenz der äginetischen Handelsflotte an verschiedenen Stützpunkten im Mittelmeerraum archäologisch nachgewiesen werden. Ägina importierte aber auch reichlich Keramik, so vor allem feines Tafelgeschirr, das vor Ort nicht in ausreichender Qualität erzeugt werden konnte. Dabei dominiert während des gesamten fünften Jahrhunderts die attische Glanztonware, was angesichts der angespannten politischen Verhältnisse zwischen den beiden rivalisierenden Mächten erstaunt.
- Universität Salzburg - 100%
- Hans Mommsen, Universität Bonn - Deutschland