Zentren/Peripherien
Centres-Peripheries
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)
Keywords
-
Österr.Ungarische Monarchie,
Kulturelle Hegemonie,
Symbolic Realms,
Power Relations,
Centres,
Peripherisation
Grundthema des Forschungsvorhabens ist - in Fortsetzung des auslaufenden FWF-Projekts _14727 - die Analyse der interkulturellen und machtpolitischen Beziehungen innerhalb der späten Habsburger Monarchie nach dem Ausgleich. Das Hauptaugenmerk gilt nunmehr den Problemen kultureller Asymmetrien, wie sie durch Kategorien wie "Zentrum" und "Peripherie" markiert sind. Diese Begriffe werden heute zwar vornehmlich im politischen, ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Diskurs verwendet, wie etwa in Hinblick auf den europäischen Binnenmarkt, die Globalisierung oder im Bereich des Urbanismus. Gleichwohl lassen sich im Zuge des cultural turn in den Humanwissenschaften "Zentrum" und "Peripherie" im Sinne kultureller Beziehungen begreifen. Zentren sind nämlich auch jene Orte, an denen sich die symbolische Produktion der jeweiligen Kultur großteils vollzieht (Verlage, Medien, Ausstellungen, Museen etc.), während die Peripherien vor allem als Gegenstand bzw. Setzung dieser Produktion fungieren. Kulturelle, ökonomische, politische und soziale Peripherisierung gehen so nicht selten Hand in Hand, ohne zwangsläufig deckungsgleich zu sein. Die Positionen sind nicht nur einem historischen Wandel unterworfen, sondern auch in hohem Maße kontextabhängig: Phänomene wie die second cities oder zentrumsnahe Regionen, die in Beziehung zu metropolitanen Zentren als Peripherien erscheinen, können in einem anderen Kontext durchaus selbst Zentren sein; umgekehrt können Zentren je nach Kontext auch als Orte von kulturell untergeordneter Bedeutung erscheinen. Gerade das besondere politische, gesellschaftliche und kulturelle Gefüge der Habsburger Monarchie legt es nun nahe, "Zentrum" und "Peripherie" im Plural zu gebrauchen, um der Vieldeutigkeit dieser Begriffe gerade im vorliegenden Zusammenhang Rechnung zu tragen. Zur Besonderheit und Brisanz des Gesamtgefüges der k.u.k. Monarchie gehört zudem, dass in das Verhältnis von Zentrum und Peripherie von vornherein symbolische bzw. narrative Komplexe wie "Stadt" vs. "Land", "Wildnis" vs. "Zivilisation" u.ä. eingeschrieben sind. In diesen Zusammenhang lassen sich wiederum das Entstehen neuer urbaner (Kultur-) Zentren wie Budapest, Ljubljana, Sarajevo oder Lemberg/L`viv, aber auch regionaler Zusammenschlüsse mit Zentrumscharakter wie die Vojvodina u.a. einordnen. Unabhängig von geographischen Zuschreibungen lassen sich anhand von Untersuchungen sprachlicher, ethnischer, geschlechtlicher oder religiöser Differenzen auch innere Peripherien feststellen. Kulturelle Hegemonie und politisch-ökonomische Abhängigkeiten bedingen sich gegenseitig und erzeugen im Konnex mit sozialen und ethnischen Emanzipations- und Modernisierungsbestrebungen auf Seiten jener, die Benachteiligung erfahren, das Pathos von "Befreiung" und "Wiedergeburt". Um der kulturellen Komplexität der Monarchie gerecht werden zu können, rückt das beantragte Projekt von vornherein mehrere Sprachkulturen kritisch ins Blickfeld. Es analysiert das Verhältnis des Einzelsystems "Kultur" zum gesellschaftlichen Raum, der eben auch symbolisch markiert ist. Zusätzliche Sprachkenntnisse der österreichischen und ungarischen Mitarbeiter/innen, internationale Beiräte und Netzwerke sowie die begleitende Durchführung mehrerer Workshops und Konferenzen ermöglichen eine wechselseitige und vielfältige Beleuchtung der Thematik.
Ziel des Forschungsprojekts (FP) war die Erforschung der diversen "Räume" der Habsburger Monarchie zwischen 1867 und 1918, wobei im Anschluss an den "spatial turn" von einer Überlagerung verschiedener räumlicher Aspekte - territorialer und symbolischer Räume - ausgegangen wurde. Auch wurden jene Konzepte und Strategien der räumlichen Organisation und Konstruktion berücksichtigt, die für die Themen Reisen, Migration und Geschlechterkonstruktionen sowohl in Zentren wie in Peripherien relevant sind. Die transdisziplinären und spezifisch kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu Fremd- und Selbstbild, Erinnerung und Geschlecht, wie sie im Vorgängerprojekt (Herrschaft, ethnische Differenzierung und Literarizität. Fremd- und Selbstbilder in der Kultur Österreich-Ungarns 1867-1918) analysiert wurden, konnten nun verfeinert und konkretisiert werden. In Methodenworkshops zu den Themen Migration, Gender Studies sowie Raum und Ort wurde in intensiver Zusammenarbeit im Team die Forschungsarbeit vertieft und transdisziplinär ausgeweitet, wodurch sich sehr konkrete Themenvorgaben für die einzelnen ForscherInnen ergaben: die Migrationsbewegung nach Wien aus dem südslawischen Raum, Genderkonstruktionen von Binnenmigrantinnen, Donaudiskurse, Montenegro-Bilder in deutsch-österreichischen literarischen Texten bzw. Österreich-Bilder in Bonsien- Herzegowina sowie die Ethnographie der Bukowina. Durch die stärkere Berücksichtigung von Geschichtswissenschaft und Europäische Ethnologie sowie eine gezielte Einladungspolitik für die Abschlusskonferenz konnte das transdisziplinäre Profil des Projekts gestärkt werden. Die Ergebnisse unterscheiden sich sowohl von rein literaturwissenschaftlichen Untersuchungen durch ihre stärkere Einbeziehung des zeitgeschichtlichen Kontextes als auch von gängigen ideen- und ereignisgeschichtlich orientierten Untersuchungen zum Themenbereich. Während des FP wurden bislang zwei Bände publiziert, die sich zum einen mit den Frauenbewegungen in der Habsburger Monarchie sowie mit der Spannungslage von Zentren und Peripherien beschäftigen. Die zahlreichen Einladungen zu internationalen Konferenzen sowie die Resonanz auf die Forschungsbände (der Band über Zentren/Peripherien erscheint demnächst in einer Zweitauflage) zeugen von der Relevanz der im Projekt bearbeiteten Fragestellungen. Das FP hat dabei unter Beweis gestellt, dass im Hinblick auf das vorgegebene Forschungsthema eine fächerübergeifende, kulturwissenschaftlich orientierte Herangehensweise imstande ist, einen relevanten Beitrag zu einem neuen und differenzierten Bild zu leisten. Das Forschungsthema ist, wie auch die zahlreichen Kontakte mit ausländischen Einrichtungen und KollegInnen zeigen, heute eines der relevanten Forschungsthemen mit speziellem Österreich-Bezug in diesem transdisziplinären Bereich. Dabei sind sowohl die Eröffnung neuer Zugänge als auch neue Forschungsergebnisse - etwa im Bereich der Geschlechter- und Migrationsforschung, aber auch im Hinblick auf die Analyse peripherer Räume (Bukowina, südosteuropäischer Raum) - von Belang. Es liegen sechs monographische Arbeiten zu Detailgebieten vor, in denen das Material entsprechend dem heutigem Stand in den Kulturwissenschaften sondiert und formatiert ist. Erwähnt seien hier noch einmal Begriffe wie Raum, Grenze, Identitätskonstruktion, Zentrum und Peripherie. Von all diesen Einzelbeiträgen lässt sich sagen, dass sie Neuland betreten und einen gewichtigen Beitrag zu einer spezifisch österreichischen Kulturwissenschaft leisten. Was in den Forschungsbänden zum Ausdruck kommt, ist, dass die Gruppe imstande ist, ihre methodischen Vorgaben -das Beispiel postcolonial theory sei hier erwähnt - zu modifizieren und zu differenzieren. Die politische Bedeutung des Forschungsthemas besteht vor allem in: wissenschaftspolitisch in der verstärkten Kooperation mit ausländischen Universitäten in West- , vor allem aber auch in Zentraleuropa. im Hinblick auf die europäische Integration in der gleichberechtigten Einbeziehung der neuen Demokratien Zentraleuropas in diesen Prozess. in der Überwindung traditioneller nationalistischer Diskurse, wie sie noch heute im medialen Bereich anzutreffen sind.
- Universität Wien - 100%