Standardisierung des Osmanischen nach 1839: Sozioökonomie
The Standardization of Ottoman-Turkish after 1839
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
-
Osmanisches Reich,
19. Jhdt.,
Modernisierung,
Sozioökonomie,
Sprachentwicklung,
Begriffsbildung
Im 19. Jahrhundert wurde die osmanische Ökonomie und Gesellschaft in die "Weltwirtschaft" eingebunden, während gleichzeitig die osmanische Bürokratie ihre soziale und politische Position nicht nur erhalten, sondern noch ausbauen konnte. Dies bedeutete nicht nur die Beibehaltung ihres Rechts auf Abschöpfung des Surplus in Fom von Steuern und Abgaben, sondern auch die Kontinuität ihrer politischen, aber auch sprachlich-ideologischer Einflußnahme auf den sozio-ökonomischen Bereich. Bis etwa 1826 hatte die traditionelle präkapitalistische und restriktiv-kontrollierende Wirtschaftspolitik weiterbestanden, obwohl sich schon liberalere Tendenzen zu zeigen begannen. In der Folgezeit, bis etwa 1860, dominierten Freihandel und Wirtschaftsliberalismus. Danach setzte ein allmähliches Abgehen von der allzu starken `laissez faire` Politik ein, einhergehend jedoch mit einer starken Staatsverschuldung, die schließlich zum Staatsbankrott 1875 und zur Einrichtung einer internationalen osmanischen Schuldenverwaltung 1881 führte. Erstmalig fand gleichzeitig zu dieser Zeit eine Auseinandersetzung seitens der osmanischen Elite mit europäischen Ideen zu Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien statt, wobei der Liberalismus am bedeutendsten vertreten war. Bis in die 60er Jahre waren es vor allem Nichtmuslime, die sich mit sozio-ökonomischen Themen befaßten, erst ab dieser Zeit begannen auch Muslime, sich mit diesbezüglichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Schriftsprachliche Reflexion fanden diese Auseinandersetzungen einerseits in verschiedenen Zeitungen, deren Anfänge ebenfalls in der Tanzimatzeit liegen, und andererseits in hauptsächlich aus dem Französischen übersetzten Werken europäischer Autoren, später auch in selbständig verfaßten Werken zu volkswirtschaftlichen Themen. Immer wieder taucht in Studien zur osmanischen Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts die Frage nach den Begriffsfindungen und Standardisierungsprozessen des sozio-ökonomischen Vokabulars des Osmanisch-Türkischen auf, bis jetzt liegt jedoch keine umfassende Untersuchung zu diesem Thema vor. Das Projekt stellt sich zur Aufgabe, anhand des Osmanisch-Türkischen aufzuzeigen, wie sich die "Globalisierung des 19. Jahrhunderts" in einem nicht kolonialen Umfeld auf die Sprache ausgewirkt hat. Die Standardisierungsprozesse des wirtschafts- und gesellschaftsrelevanten Vokabulars im osmanischen Reich der Tanzimatzeit sollen vor einem diachronischen Hintergrund sowohl die Notwendigkeiten wie auch die Möglichkeiten von Sprachschöpfungen ausleuchten, wobei ein bedeutendes Augenmerk auch auf den ideologischen Aspekt dieser Vorgänge zu legen sein wird. Das heißt einerseits ein Ausleuchten des geistig-intellektuellen Hintergrundes der jeweiligen Sprachschöpfer selbst, andererseits aber auch die Miteinbeziehung der für diese im Osmanischen der Tanzimatzeit wohl determinierende Auseinandersetzung zwischen religiös-traditioneller Sprachbasis und einer sich säkularisierenden Betrachtungsweise von Gesellschaft und Wirtschaft. Wie verhält sich die Sprache unter Einbeziehung der historischen Situation in einem derartigen Spannungsfeld?
Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Standardisierungstendenzen im Osmanisch-Türkischen des 19. Jahrhunderts - vor allem der sogenannten Tanzimatzeit, also der Periode der Reformen vor Sultan Abdülhamid - im Bereich der Sprache der Sozioökonomie zu untersuchen. Erstmals begann man sich in dieser Zeit im Osmanischen Reich mit den Theorien der Moderne im Bezug auf Wirtschaft und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Anfangs wurden diesbezüglich Werke zur Volkswirtschaft aus dem Französischen ins Osmanisch-Türkische übersetzt, schließlich auch selbständige Arbeiten verfaßt. Eine Auswahl dieser schriftsprachlichen Reflexionen zu ökonomischen und gesellschaftlichen Themen bildeten die Quellen der Studie. Gleichzeitig wurde versucht, die sprachlichen mit den ideologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts zu verknüpfen und den geistig-intellektuellen Hintergrund jener Personen auszuleuchten, die sich im Osmanischen Reich jener Zeit mit den für die osmanische Gedankenwelt eher marginalen Themen der Sozioökonomie auseinandersetzten. Insbesondere wurde eine bis jetzt noch nicht bearbeitete frühe Übersetzung aus dem Französischen von Jean- Baptiste Say, nämlich der "Catéchisme d`économie politique", durch armenischen Pfortendolmetsch Sehak Abru ins Osmanisch-Türkische herangezogen. Als weitere Quellen dienten zahlreiche Artikel in osmanischen Zeitungen und Zeitschriften aus verschiedenen Jahrzehnten. Es handelt sich um die erste Untersuchung zu Prozessen von Begriffsbildung, Umdeutungen und Neubelebungen der traditionellen Sprache sowie Übernahme von Europäismen im Bereich des lexikalischen Feldes von Wirtschaft und Gesellschaft im Osmanisch-Türkischen im Verlauf der Einbindung des Osmanischen Reiches in das Weltwirtschaftssystem des 19. Jahrhunderts. Dabei kristallisierten sich vier Tendenzen heraus: Einerseits finden sich Begriffe, die aus der islamischen Tradition stammen und unverändert oder in nur leicht modifizierter Bedeutung angewendet werden, zum anderen aus osmanischem (d.h. zum Großteil aus dem Arabischen und Persischen übernommenem oder gebildetem) Wortmaterial zusammengefügteTermini jenseits der islamischen Gesellschafts- und Wirtschaftstradition. Die dritte Gruppe stellen Begriffe dar, die als Fremdwörter, häufig aus dem Italienischen, übernommen werden, und viertens die zahlreichen Umschreibungen für abstrakte, bisher nicht vorhanden gewesene Konzepte. Je abstrakter der Begriff aus der modernen Wirtschaftstheorie ist, desto schwieriger gestaltet sich das Finden einer adäquaten Bezeichnung dafür im Osmanisch-Türkischen im Verlauf der Rezeption.