Die Urkunden des 9. Jahrhunderts in St. Gallen
The Ninth-Century Charters in St. Gall
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Rechtswissenschaften (10%)
Keywords
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Urkunden,
St.Gallen,
Edition,
Karolingerzeit,
Schriftlichkeit,
Rechtspraxis
Der frühmittelalterliche Urkundenbestand der Abtei St. Gallen ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. 839 Urkunden aus der Zeit vor 920 werden heute im Stiftsarchiv aufbewahrt, das ist das weitaus größte erhaltene frühmittelalterliche Archiv mit Originalurkunden nördlich der Alpen. Die Unzahl erwähnter Personen erlaubt den Zugriff auf individuelle Schicksale, Verhaltensweisen und Mentalitäten, zudem die Rekonstruktion sozialer Gruppen und Netzwerke sowie prosopographische Studien. Für den Rechtshistoriker dokumentieren sie zahlreiche Rechtsgeschäfte und Konfliktbeilegungen, dem Philologen bieten sie exakt datierbare Sprachformen, dem Diplomatiker und Paläographen erlauben sie viele Beobachtungen über Schriftentwicklung und Stand der Schriftlichkeit, Rechts- und Geschäftsgang, weiteren Gebrauch und Archivierung der Urkunden und anderes mehr. Die Urkunden wurden 1863-1866 von Wartmann im Urkundenbuch der Abtei St. Gallen ediert, doch erscheint mittlerweile eine Neu-Edition nach modernen Kriterien angebracht. Vor allem sollten zunächst durch eine Faksimile-Edition Form und Aussehen der Urkunden dokumentiert werden, um für vielfältige Forschungen die Grundlage zu bieten. Dies soll in der traditionsreichen Reihe der "Chartae Latinae Antiquiores" (ChLA) geschehen, wo vor etwa einem halben Jahrhundert bereits die Urkunden des 8. Jahrhunderts ediert wurden. Nun haben die Herausgeber der Reihe den Auftrag zu einer Faksimile-Edition der St. Galler Urkunden des 9. Jahrhunderts an die Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erteilt. Das hier vorgeschlagene dreijährige Projekt soll als Pilotprojekt dienen, an dessen Ende zumindest zwei Bände der ChLA mit etwa 80 Urkunden druckfertig sein sollen. Zudem soll das Projekt mit Unterstützung zahlreicher ausländischer Kollegen die vielfältigen Forschungsperspektiven aufzeigen und erproben, die eine intensive hilfswissenschaftliche Beschäftigung mit den Urkunden eröffnet. Wie es dem an der Forschungsstelle entwickelten Ansatz entspricht, soll auch in diesem Projekt eine Verbindung von hilfswissenschaftlicher Präzision und Erprobung aktueller Forschungsfragen an originalen Quellenüberlieferungen gesucht werden. Ergebnis des Projektes sollen daher nicht nur die Bände der ChLA sein, sondern auch einige Einzelstudien, in denen die minutiöse Untersuchung der Urkunden und ihr Vergleich mit ähnlichen Beständen (z.B. Lucca, Mailand) neue Aufschlüsse über die Beurkundungspraxis in der karolingischen Gesellschaft und über das kulturelle Umfeld der Urkunden bieten.
Der frühmittelalterliche Urkundenbestand der Abtei St. Gallen ist herausragend und nördlich der Alpen sogar einzigartig. Weit über 800 Urkunden aus der Zeit vor 920 werden noch heute im Stiftsarchiv im Original aufbewahrt, bei dem es sich damit mit Abstand um das größte erhaltene frühmittelalterliche Archiv nördlich der Alpen handelt. Die frühmittelalterlichen St. Galler Urkunden liegen in der zwar soliden, aber doch auch schon in die Jahre gekommenen Edition Hermann Wartmanns aus dem 19. Jahrhundert vor. Die Urkunden des 8. Jahrhunderts wurden zudem von Albert Bruckner und Robert Marichal in den 1950er-Jahren in der renommierten Reihe der Chartae Latinae Antiquiores (ChLA) in Faksimile herausgegeben. Zentrales Ergebnis des Projektes ist sicherlich, dass fünfzig Jahre nach Bruckner und Marichal auch die Herausgabe der St. Galler Urkunden des 9. Jahrhunderts in dieser angesehenen Reihe in Angriff genommen werden konnte. In zwei Bänden der ChLA (ChLA 100 und 101 [101 erscheint im Herbst 2007]) wurden im Rahmen des Projektes die St. Galler Privaturkunden aus dem Zeitraum von 800-820 einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit in Faksimile und mit einem ausführlichen Kommentar versehen zugänglich gemacht. Für die vielfältige weitere Untersuchung dieser einzigartigen Dokumente wurde damit ein auf dem neuesten Stand der Forschung stehendes, unverzichtbares Hilfsmittel geschaffen. Als zentral erwies sich im Bearbeitungszeitraum das in den Urkunden greifbare Spannungsfeld von klösterlicher und außerklösterlicher Schreibtätigkeit, das deshalb auch genauer untersucht wurde. Auf diese Weise gelang es, viele die St. Galler Urkunden betreffende Aspekte besser zu verstehen und genauer zu erfassen (Fragen nach Schrift und Schriftwandel, nach dem verwendeten Formular, seiner Tradition und Tradierung, nach dem Geschäftsgang der Urkunden usw. usf.). Ab dem Jahr 816, dem Beginn des Abbatiates Gozberts, verschwinden freilich die außerklösterlichen Schreiber zunehmend aus dem St. Galler Urkundenmaterial. Aus diesem Grund standen in der zweiten Projekthälfte vermehrt Untersuchungen zur klösterlichen Schreibstube dieser Jahre im Vordergrund (Schreiber, Schrift, Organisation, Produkte). Dafür wurden nicht nur die Urkunden ausgewertet, sondern auch einige klösterliche Handschriften, die teilweise von den bekannten (Urkunden-)Schreibern stammen, näher betrachtet. Auf vielfältige Weise wurde im Projekt deutlich, dass die von Heinrich Brunner und Heinrich Fichtenau postulierten "Urkundenkreise" und "Urkundenlandschaften", Gebiete also, innerhalb derer die Privaturkunden mehr oder weniger dieselben Charakteristika teilten, zumindest im Fall von St. Gallen weiter zu differenzieren sind. Es handelt sich bei ihnen um keine starren oder statischen, sondern durchaus dynamische, Veränderungen unterworfene Gebilde.