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Episodisches Gedächtnis und bewusstes Erfahren

Episodic Memory and Conscious Experience

Josef Perner (ORCID: 0000-0002-7855-0788)
  • Grant-DOI 10.55776/P16215
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2002
  • Projektende 31.10.2006
  • Bewilligungssumme 164.783 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Psychologie (50%)

Keywords

    Episodic Memory, Theory of Mind, Event related potentials, Remember-Know Distinction

Abstract Endbericht

Das Projekt untersucht die Abhängigkeit des episodischen Gedächtnisses von direkter Erfahrung. Ein episodisches Gedächtnis von einem Ereignis (z.B. Geburtstagsfeier eines Freundes) liegt dann vor, wenn man sagen kann. "Ich erinnere mich an die Feier". Im Unterschied dazu kann man bloßes Wissen über dieses Ereignis haben: "Ich weiß wer dort war und was dort geschehen ist". Da ich dieses Ereignis aber nicht selbst miterlebt habe, kann ich es vor meinem geistigen Auge nicht abspielen und somit nacherleben. Dieser Unterschied kann in der Sprache geistiger Repräsentationen so ausgedrückt werden: Wissen über ein Ereignis braucht eine Repräsentation des Ereignisses, während eine Erinnerung an das Ereignis zusätzlich noch eine Repräsentation des Erlebens des Ereignisses benötigt. Daraus folgt, dass man ein echtes episodisches Gedächtnis nur von solchen Ereignissen haben kann, die man persönlich miterlebt hat, aber nicht von solchen, über die man nur indirekt unterrichtet worden ist. In unserem Projekt verwenden wir nur sehr einfache Ereignisse: Die Versuchspersonen legen Karten mit verschiedenen Bildern (z.B. einer Blume) in eine Schachtel und sollen sich die Bilder auf den Karten merken. In der üblichen direkten Erfahrungsbedingung sind die Bilder auf den Karten klar sichtbar. In der indirekten Wissensbedingung hingegen können die Versuchspersonen nicht die Bilder, sondern nur den Rücken der Karten sehen. Erst danach werden die Bilder auf den Karten in einem Video gezeigt. Die Versuchpersonen wissen somit, welche Bilder sie in die Schachtel gelegt haben (z.B. eine Blume), haben aber "keine Erinnerung" daran. Obwohl es nicht möglich ist, eine echte episodische Erinnerung an ein Ereignis zu haben, das man nicht direkt erlebt hat, ist es sehr wohl möglich, dass von einem erlebten Ereignis nach einiger Zeit doch nur kaltes Wissen übrig bleibt. Dies ist bisher in Gedächtnisexperimenten mit der "know-remember" (R-K) Unterscheidung untersucht worden. Versuchspersonen müssen beim Erinnern angeben, ob sie sich tatsächlich daran erinnern (R) oder bloß wissen (K), dass ihnen ein vorgegebenes Objekt gezeigt worden ist. Wir untersuchen nun, ob diese R-K Urteile tatsächlich den Unterschied zwischen episodischem Gedächtnis und bloßem Wissen erfassen, indem wir untersuchen, ob R-Urteile nur dann gegeben werden, wenn das Ereignis direkt beobachtet worden war, aber nicht, wenn man es nur indirekt (über das Video) erfahren hat. Von besonderem Interesse ist, ob die mit den R-K Urteilen zusammenhängenden Gehirnaktivitäten auch dieser Einschränkung unterliegen. Ein dritter Teil des Projekts untersucht, ob episodisches Gedächtnis erst mit 4 bis 6 Jahren möglich wird, wenn Kinder den Unterschied zwischen direkter Erfahrung und indirektem Wissenserwerb verstehen lernen.

Laut Tulving (1985) gibt es zwei Möglichkeiten, Vergangenes bewusst abzurufen: Erinnern (episodisches Gedächtnis) und Wissen (semantisches Gedächtnis). Dabei stellt Erinnern eine Art mentale Zeitreise dar - eine Möglichkeit, ein vergangenes Ereignis mental noch einmal zu erleben, während Wissen nur ein reines Wissen über die Vergangenheit darstellt, ohne diese Möglichkeit der mentalen Zeitreise. Die gängige Art und Weise, wie die Unterscheidung zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis bei erwachsenen Versuchspersonen getestet wird, ist mit Hilfe des so genannten Remember-Know-Recognition Paradigmas. Hier müssen Versuchspersonen in einem Recognition Test zuvor gelernte Wörter wieder erkennen. Zusätzlich müssen sie angeben, ob sie sich an ein wieder erkanntes Wort erinnern, oder ob sie es nur mehr wissen, dass das Wort auf der Liste war. Von episodischem Gedächtnis spricht man dann, wenn die Versuchsperson angibt, sich zu erinnern. Da die Terminologie des Begriffes "Erinnern" weniger klar ist, als es auf den ersten Blick scheint, können diese Erinnerungsurteile entweder tatsächliches Wiedererleben widerspiegeln, oder aber nur die Abrufanstrengung ausdrücken. Um zwischen diesen beiden Möglichkeiten unterscheiden zu können, entwickelten wir eine komplett neue Manipulation: Versuchspersonen sahen ein Ereignis entweder direkt oder wurden nur indirekt darüber informiert. Offensichtlich kann kein Wiedererleben des Ereignisses stattfinden, wenn das Ereignis selbst nicht direkt erlebt worden ist. Aus diesem Grund geben uns die Erinnerungs-Urteile, die für indirekt präsentierte Ereignisse gegeben werden eine Abschätzung dafür, wie oft Versuchspersonen Erinnerungs-Urteile verwenden, um die Bewusstwerdung der Encodier- oder Abrufanstrengung auszudrücken. Nur dann, wenn das Ereignis auch tatsächlich direkt erlebt worden ist, kann das Erinnerungs-Urteil Wiedererleben darstellen. Aus diesem Grund lässt sich durch die Bildung der Differenz zwischen den E-Urteilen für direkt präsentierte und jenen für indirekt präsentierte Ereignisse abschätzen, wie viele Ereignisse auch tatsächlich wieder erlebt werden. Indem wir diese Methode der Differenzbildung verwendet haben, konnten wir in diversen Experimenten zeigen, dass E-Urteile tatsächliches Wiedererleben darstellen, aber nur zu einem bestimmten Ausmaß. Die direkt/ indirekte Methode wurde aber nicht nur bei Erwachsenen sondern auch bei Vorschulkindern angewendet. Unsere Experimente zeigten, dass sich das episodische Gedächtnis im Vorschulalter entwickelt. Die Entwicklung des episodischen Gedächtnisses steht dabei im Zusammenhang mit der Entwicklung der Theory of Mind, im Speziellen scheint die Entwicklung des episodischen Gedächtnisses mit der wachsenden Fähigkeit verbunden zu sein, laufende Erfahrungen vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen? und dieses innere Wiedererleben als Repräsentation eines tatsächlichen vergangenen Ereignisses zu verstehen. Darüber hinaus gab es eine Verbindung zwischen episodischem Gedächtnis und der Fähigkeit der Kinder, mentale Vorstellungsbilder zu verwenden, wie sie bei dem Paradigma der mentalen Rotation benötigt werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%

Research Output

  • 113 Zitationen
  • 3 Publikationen
Publikationen
  • 2007
    Titel Episodic memory development: theory of mind is part of re-experiencing experienced events
    DOI 10.1002/icd.517
    Typ Journal Article
    Autor Perner J
    Journal Infant and Child Development
    Seiten 471-490
  • 2008
    Titel Remember judgments and the constraint of direct experience
    DOI 10.1007/s00426-008-0178-y
    Typ Journal Article
    Autor Stoettinger E
    Journal Psychological Research PRPF
    Seiten 623-632
  • 2010
    Titel Retro- and prospection for mental time travel: Emergence of episodic remembering and mental rotation in 5- to 8-year old children
    DOI 10.1016/j.concog.2010.06.022
    Typ Journal Article
    Autor Perner J
    Journal Consciousness and Cognition
    Seiten 802-815
    Link Publikation

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