Ironie des Fremden: die Kehrseite des Mythos Japan
The Irony of Exotism: The Reverse Side of Japan as a Myth
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)
Keywords
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Japan,
Mythos,
Interkulturelle Germanistik,
Österreichische Literatur,
Ironie
Eine eigene Reihe im Folio-Verlag, ein Themenheft von "Literatur und Kritik": Japan ist zur Zeit wieder so populär in der österreichischen Literatur, wie vorher vielleicht nur im Fin de Siècle, etwa im Kreis um Altenberg. Eine recht überschaubare Anzahl von Motiven kennzeichnet viele dieser neuen Texte, aber auch eine Zwiespältigkeit im Ton. Wo die Fremdheit im Blick auf eine Kultur groß ist, liegt anscheinend nicht nur die mythische Verklärung nah, sondern auch das ironische Lachen. Gibt es einen Zusammenhang von Ironie und der Wahrnehmung kultureller Fremdheit? - Ein wiederkehrendes Motiv, als Beispiel: Im japanischen Theater "Bunraku" tragen Puppenspieler schwarze Kapuzen über dem Kopf. Das bedeutet: Sie werden auf der Bühne nicht gesehen, trotz ihrer für Fremde so unübersehbaren Anwesenheit. - Kann denn eine Figur auf der Bühne sichtbar und trotzdem abwesend von der Bühne sein? "Natürlich" nicht, scheint uns. Und doch versteckt sich hinter diesem "natürlich" die eigene kulturelle Konvention, die plötzlich sichtbar wird, wenn wir "Fremdheit" erfahren. Etwas "Sozial-Konstruiertes" als "Vertraut-Natürliches" darstellen: So definiert auch Roland Barthes den Kern seines Begriffs des "Mythos". Lässt sich die lange philosophische Tradition einer Gegenüberstellung von "Mythischem" und "Ironischem" auf diesen spezifischen Begriff des "Mythos" anwenden? "Ironie" wäre dann das Aufleuchten des "Sozial-Konstruierten" in einem nur scheinbar "Vertraut-Natürlichen": der Moment etwa, in dem offensichtlich wird, dass die An- oder Abwesenheit eine Figur auf der Bühne vom kulturellen Konsens abhängt. Barthes hat nicht nur die "Mythen des Alltags" geschrieben und damit eine Theorie des Vertrauten, sondern auch "Im Reich der Zeichen": ein Buch, dem seinerseits vorgeworfen wurde, das Fremde zu "mythisieren". Es ist die vielleicht einflussreichste semiotische Interpretation japanischer Motive durch einen Europäer. Diese Motive wurden als Chiffren eines mythisch oder ironisch geschilderten "Fremden" zu fixen Bestandteilen auch des zeitgenössischen Diskurses über Japan. In österreichischer Literatur finden sie sich u.a. bei Ingram Hartinger, Elisabeth Reichart, Peter Rosei, Gerhard Roth, Margit Schreiner, H.C. Artmann oder Peter Waterhouse. Ziel des Projekts ist es, eine Bestandsaufnahme dieser zeitgenössichen österreichischen Literatur zum Thema Japan zu erarbeiten und diese Texte im Spannungsfeld von "Fremdem" und "Eigenem" zu positionieren: Mittel dazu ist eine Theorie der Ironie, die einerseits Barthes Konzept der Alltagsmythen und andererseits kulturtheoretische Ansätze aufgreift.
- Universität Salzburg - 100%