Transatlantische Erinnerung in der kanadischen Literatur
Transatlantic Identities and Retrospection in Canadian Liter
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Memory,
Identity,
Transatlantic,
Europe,
Canadian Literature
In der anglokanadischen Literatur haben zuletzt auffällig viele Schriftsteller, die Einwanderer aus der Dritten Welt sind, mit Romanen Erfolge gehabt, in denen sie ein lebendiges Bild ihrer alten Heimat entwerfen (Rohinton Mistry, M. G. Vassanji etc.). Dieses Faktum und sein Zusammenhang mit der Politik des Multikulturalismus veranlassen zur Frage, wie frühere Einwanderer aus Kontinentaleuropa zwischen 1920 und den späten achtziger Jahren im Zuge ihrer transatlantischen Integration eine neue Identität fanden und wie sie mit ihrer Vergangen-heit umgingen. Dabei sollen autobiographische Zeugnisse im Werk von Exilautoren und anderen Kultur(ver)mittlern zwischen der Alten und der Neuen Welt, z.B. von jüdischen Flüchtlingen aus Österreich (und Deutschland) wie Henry Kreisel, Carl Weisel-berger, Carl Ulrich Wassermann untersucht, aber auch der Akkulturationsprozess späterer Emigranten aus Mitteleuropa und seinen Randzonen analysiert werden. Daß in ihrem Werk Erinnerungsorte und Heterostereotypen, die in der neuen Heimat gebräuchlich waren, eine Rolle spielten, überrascht nicht. Die Auseinandersetzung mit der transatlantischen Perspektive durch Autoren, die in Kanada Heimatrecht hatten, spiegelt sich jedoch im Schaffen Hugh MacLennans, von dem zwei (unveröff.) Romane und ein Alterswerk die Erfahrung der Immigranten und den imaginativen Rückblick thematisieren. Die anhaltende Aktualität des Themas wird auch in einem jüngst erschienenen historischen Roman von Jane Urquhart deutlich. Im Rahmen des Projektes sollen signifikante literarische Zeugnisse gesammelt und vor dem Hintergrund von historischen und metafiktionalen Texten bzw. der literarischen Tradition der ethnischen Autobiographie und der Reiseliteratur mit imagologischen Methoden analysiert werden. Dabei wird die neu gewonnene kollektive Identität in Zusammenhang mit dem Streit zwischen Kontinentalisten und Nationalisten zu erörtern und die Bedeutung kanadischer Regionen für die Konstruktion der neuen Identitäten zu berücksichtigen sein. Das Projekt wird Archivstudien in Ottawa, Montréal, Toronto, wahrscheinlich aber auch in Winnipeg, Calgary und Victoria notwendig machen. Bestehende Kontakte zu kanadischen KollegInnen, etwa im Rahmen der Partnerschaftsbeziehung mit der zweisprachigen Universität Ottawa, sollen für das Thema fruchtbar werden. Dazu soll u.a. im Herbst 2003 eine interdisziplinäre Exkursion an mehrere Universitäten im kanadischen Osten dienen (Arbeitstitel "Kollektive Identitäten in Kanada: Nation, Region und das transatlantische Erbe"), bei der die Ergebnisse der Projektrecherchen durch Diskussionen mit kanadischen Experten vertieft werden.
Durch die in den letzten beiden Jahrzehnten praktizierte Politik des Multikulturalismus haben nicht nur asiatische Einwanderer in Kanada literarisches Heimatrecht erworben und preisgekrönte Bücher veröffentlicht, die ihre alte Heimat zum Gegenstand machten, auch Angehörige europäischer Ethnien bis zur zweiten und dritten Generation haben sich verstärkt zu ihrem Erbe bekannt und in autobiographischen und fiktionalen Texten, daneben auch in Dramen ihrem kulturellen Erbe, das sie in die komplexe nationale Identität Kanadas einbrachten, Stimme verliehen. Seit Beginn des Projektes hat das gewählte Thema die Aufmerksamkeit der Forschung vermehrt auf sich gezogen, was sich auch in kürzlich erschienenen Monographien und Aufsätzen spiegelt (u.a. Neumann, 2005 und 2006). Die vergleichende Betrachtung von literarisch tätigen `neuen Kanadiern` aus dem europäischen Raum hat die am vorliegenden Projekt Beteiligten aber doch eigene Einsichten in verschiedene von den AutorInnen dafür gewählte unterschiedliche Formen individueller und kollektiver Erinnerungsfiktion gewinnen lassen. So hat sich gezeigt, dass die SprecherInnen der Ethnien diesen Rückblick zu verschiedenen Zeiten und unterschiedlich stark artikulierten, dass kulturelle und ethnische Gruppen mit kollektiver Leidenserfahrung, wie zum Beispiel jüdische Kanadier und Mennoniten, sich zum Erbe stärker bekannten als andere, während literarische SchriftstellerInnen aus anderen Minderheiten, die im liberalen Einwanderungsland Kanada relativ wenig Prestige hatten, den Generationenkonflikt im unvermeidlichen Akkulturationsprozess stärker erfuhren, wie beispielsweise literarische Zeugnisse ukrainisch- oder italiensch-stämmiger MigrantInnen belegen. Nicht selten wurde das unbewältigte Problem der Identifikation mit der ererbten kulturellen Identität dadurch ausgetragen, dass die AutorInnen ein Substitut wählten und so wie italienisch-kanadische Schriftstellerin und Anthropologin Penny Petrone oder George Ryga, ein Autor ukrainischeer Abstammung, zunächst fuer die noch stärker marginalisierten indigenen Völker eintraten. Gleichzeitig, wurde Kanada als Teil des europäischen Erbes auch zum Ort ethnischer Konflikte, die in die neue kollektive Identität eingingen. AutorInnen wie Henry Kreisel (zB "The Almost Meeting") oder Eva Stachniak (Necessary Lies) trugen dieser Transplantation von Hetereosteretypen und daraus resultierenden Animositäten Rechnung implizierten aber die Hoffnung auf deren Lösung im neuen kulturellen Umfeld. Ein Vergleich der mitteleuropäischen mit den skandinavisch-isländischen und gälischen Ethnien auf dem Boden Kanadas zeigt, dass auch diese, dem Druck der Majoritätskulturen ausgesetzt, Sprache und kulturelle Praktiken aufzugeben bereit schienen, und ein nostalgisch-elegischer Ton angesichts dieser Verluste angeschlagen (vgl. Alistair MacLeods Werk) wird. Freilich zeigt sich umgekehrt in der literarischen Produktion des letzten Jahrzehnts, dass auch Angehörige der dominanten Founding Nations` / Gründernationen dem Beitrag dieser anderen Gruppen zur kollektiven Identität Kanadas zunehmend Raum geben (Vgl. Jane Urquharts historiographischer Roman The Stone Carvers).
- Universität Wien - 100%