Das kaiserzeitliche Gräberfeld von Halbturn
The Roman Cemetery of Habturn
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Gräberfeld,
Branbestattung,
Spätantike,
Archäometrie,
Körperbestattung,
Villa rustica
Seit 1988 wird in Halbturn, Burgenland, ein kaiserzeitliches Gräberfeld untersucht, der Bestattungsplatz einer Villa rustica, einem römischen Gutshof. Die Belegung des Friedhofs begann im 2. Jahrhundert in Form von Brandgräbern und sogenannten Grabgärtchen. Dieser Belegungsphase sind auch Körpergräber von Neonaten zuzuordnen. Am Ende des 3. Jahrhundert ging man zur Körperbestattung über, wobei die Grabbauten stark variierten. Die jüngsten Gräber stammen wohl aus der Mitte des 5. Jahrhunderts und zeigen im Fundmaterial germanische Einflüsse. Die Grabgärtchen des früheren Brandgräberfeldes konnten geophysikalisch prospektiert werden. Zahlreiche Gebäude der Villa rustica und diverse Feldbegrenzungen wurden luftbildarchäologisch entdeckt und vermessen, sowie teilweise ebenfalls geophysikalsich prospektiert. Begleitende naturwissenschaftliche Untersuchungen ermöglichten eine Rekonstruktion der naturräumlichen Voraussetzungen in Halbturn. Eine erste Monographie zu den Forschungen in Halbturn ist bereits eingereicht. Im Zuge des beantragten Projektes sollen die Grabungen abgeschlossen werden, womit ein vollständig ergrabener kaiserzeitlicher Villenfriedhof vorläge. Gleichzeitig wird die Auswertung des Komplexes betrieben. Der Katalog (liegt bis einschließlich des Materials aus der Kampagne 2001 vor) und die begleitenden naturwissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere die Auswertung der Skelettreste, der botanischen Makroreste, archäozoologische Untersuchungen, archäometrische Kramik- und Glasanalysen und schmiedeteschnische Untersuchungen sollen fertiggestellt, die kulturhistorische Analyse der Grabungsergebnisse durch Mag. Nives Doneus vorangetrieben werden.
Im Rahmen der 10 Ausgrabungskampagnen, die zwischen 1988 und 2002 stattfanden und durch mehrere FWF- Projekte unterstützt wurden, konnte das kaiserzeitliche Gräberfeld in Halbturn gänzlich freigelegt werden. Zwischen 2002 und 2004 konzentrierten sich die Projektarbeiten zum ersten Mal ausschließlich auf die Auswertung des Gräberfeldes. Die Schwerpunkte lagen bei der Ausarbeitung eines Kataloges und Analyse der Bestattungssitten bzw. des Fundstoffes (Typologie und Chronologie); gleichzeitig fand eine Untersuchung der sozialen Struktur des Gräberfeldes. KATALOG Der Katalog beinhaltet relevante archäologische Informationen und bildet den Grundstein für jede archäologische Auswertung. Am Anfang steht Verwaltung und Systematisierung der Informationen - die Keramik und Metallfunde aus den einzelnen Ausgrabungsjahren wurden systematisch durchgesehen und in eine Datenbank aufgenommen. Danach folgte die Verknüpfung von Ergebnissen einzelner Mitarbeiter: Resultate der Anthropologie (Bestimmung der Überreste aus den Brand- und Körpergräbern), der Archäozoologie (Bestimmung des Tierknochenmaterials) und der Archäobotanik (Bestimmung der Pflanzenreste) wurden mit Keramik- und Metallfunden zusammengefügt, was eine endgültige Bestimmung der Befunde auf die Funktion und das Alter ermöglichte. Auch die Bestimmungen von kleineren Fundkategorien, wie Terra Sigillata, architektonische Steinfragmente oder Münzen wurden hier berücksichtigt. Als letzter Schritt erfolgte die Zusammensetzung der Tafeln, die für jeden Befund alle relevanten Informationen, in Form von Bildern oder Text, beinhalten ANALYSE DER BESTATTUNGSSITTEN BZW. DES FUNDSTOFFES Das Gräberfeld umfasst ca. 300 Brand- und Körperbestattungen sowie unzählige andere Befunde wie Flurgräben, Grabgärtchen, Pfostengruben, Gruben usw. Es erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung, orientiert sich an den Flursystem und wird auch von Flurgräben im Norden, Osten und Süden begrenzt. Bei den ca. 150 Brandbestattungen handelt es sich Großteils um Brandgrubenbestattungen, Urnenbestattungen und Steinkistengräber sind dagegen selten. Die Gräber sind teilweise mit Grabgärtchen von viereckiger Form umfriedet, manche der Grabgärtchen sind miteinander verbunden und bilden größere Gruppen. Viele Brandgräber haben kein Grabgärtchen, manche schneiden die Gräben von Grabgärtchen. Dies würde dafür sprechen, dass die Sitte der Grabgärtchen aufgegeben, die der Brandbestattung aber noch weiter geübt wurde. Die Zusammensetzung der Grabbeigaben variiert vom Grab zu Grab, wobei in den meisten Fällen Keramikfragmente, Schmuck- und Metallgegenstände zu finden sind. Objekte sind in der Regel vom Feuer beschädigt, was z.B. eine Bestimmung der Glasgefäße unmöglich macht. Das Brandgräberfeld beginnt in der zweiten Hälfte des 2. Jhs. und wird dann durch die ersten Körperbestattungen aus der Mitte des 4. Jh. abgelöst. Die ca. 150 Körperbestattungen liegen zum großen Teil in einem Bereich, wo keine Brandbestattungen zu finden sind. Die Grabformen sind unterschiedlich - sie variieren von Steinkonstruktionen (Sarkophag-, Spolien- und Gräber mit partieller Steinsetzung), über Ziegel- (Gräber mit Ziegelplatten und mit partieller Ziegelsetzung) und Holzeinbauten (Gräber mit Holzsärgen bzw. Holzeinbauten) bis zu einfachen Erdgräbern. Die Beigaben setzten sich grundsätzlich aus Keramikgefäßen, Schmuckgegenständen und Trachtbestandteilen zusammen. Eine Besonderheit des Gräberfeldes ist mit Sicherheit das Vorkommen von antik zerbrochenen Gefäßböden, die in jedem Grab zu finden sind. Die Dauer der Belegung dürfte nach derzeitigem Forschungsstand bis in die zweite Hälfte des 5. Jhs. reichen. UNTERSUCHUNG DER SOZIALEN STRUKTUR DES GRÄBERFELDES In der Organisation des Gräberfeldes spielen eine zeitliche und eine soziale Komponente gleichbedeutende Rolle. Die zeitliche Komponente wird vor allem in der Verteilung der Körpergräber auf dem Gräberfeld sichtbar. Sie respektieren nämlich im Großen und Ganzen die Brandbestattungen und dazugehörige Umfriedungen, was auch auf eine oberirdische Kennzeichnung der Gräber hindeutet. Nur die jüngsten Körperbestattungen nehmen keine Rücksicht mehr auf die älteren Befunde. Bei den Köperbestattungen die in das Umfriedungssystem des 2. und 3. Jhs. integriert sind, handelt es sich um Säuglings- und Sonderbestattungen. Untereinander unterscheiden sich Gräber weiters anhand der Standortwahl der Bestattung, unterschiedlicher Zeit- und Materialaufwand bei der Grabkonstruktion sowie eine ungleichmäßige Ausstattung. Alle drei Kategorien gehen miteinander Hand in Hand. Im konkreten Fall bedeutet dies, dass eine verstorbene Person, die eine aufwändige Grabkonstruktion "verdient", auch mehrere seltene Gegenstände ins Grab bekommt und oft abseits der Masse der anderen Verstorbenen liegt. Hier kann es sich auch um ein Kind handeln - in den einzigen zwei Sarkophagen, die bis zu 400 kg wiegen können, wurden kleine Kinder bestattet. Aus der Kombination der Anthropologie und oben genannten Kategorien lassen sich dann Gedanken über das Sozialsystem, das Bestattungsrituale spiegeln, formulieren. Denn, mehrere Personen, die teilweise behindert oder größte Schwierigkeiten mit dem Gehen und Arbeiten hatten, wurden trotzdem liebevoll bestattet und ausdrücklich als Teil der Gemeinschaft definiert. Auch die Bestattungsart von ältesten Menschen, im Gegensatz zu heute, spricht für ihr Ansehen und einen festen Platz in der Gemeinde. Aus den anthropologischen Befunden ist weiters ein allgemeiner Überblick über die Altersstruktur der Bestatteten abzulesen. Vom Interesse ist hier z.B., dass bei den Körperbestattungen zahlenmäßig ältere Personen und Kinder überwiegen, während Frauen und Männer im Alter von 20 und 35 Jahren völlig unterrepräsentiert sind. Zusätzlich dazu ergibt die Interpretation des Skelettmaterials einen Einblick in den gesundheitlichen Zustand der Verstorbenen. Stressindikatoren und degenerative Veränderungen der Wirbelsäule und Gelenke geben Hinweise auf Lebensgewohnheiten und Lebensumstände. Auch mehrere schwer behinderte Personen konnten identifiziert werden
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