Russische Quellen zur Sowjetbesatzung in Österreich 1945-55
Russian Sources on Soviet occupation in Austria 1945-1955
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
ÖSTERREICH,
GESCHICHTE,
1945-1955,
SOWJETUNION,
BESATZUNG,
EDITION,
ALLIIERTE,
QUELLEN
Die Sowjetbesatzung in Österreich 1945-1955 stellt bis heute ein Defizit der österreichischen Zeitgeschichtsforschung dar. Während die Geschichte der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungspolitik Gegenstand mehrerer auf Primärquellen basierender Studien ist, liegen kaum vergleichbare Arbeiten über die sowjetische Seite vor. Insbesondere leidet die Forschung an der mangelhaften Rezeption russischer Originalquellen. Durch das vorliegende Projekt sollen nunmehr ausgewählte Dokumente zur sowjetischen Besatzungspolitik übersetzt und in einer kommentierten Edition der Forschung zugänglich gemacht werden. Das Material stammt aus dem Russischen Staatsarchiv für Sozial- und politische Geschichte (RGASPI), das über die Bestände des ehemaligen Zentralkommitees der KPdSU verfügt. Die für die Edition ausgewählten Dokumente sind den Bestandsgruppen der Abteilungen für Außenpolitik und für Propaganda und Agitation entnommen und umfassen Tätigkeits- und Lageberichte von Besatzungsoffizieren über Österreich sowie Korrespondenz zwischen der KPÖ-Spitze und dem Führungskreis der KPdSU. Die Dokumente werden im russischen Original, in deutscher Übersetzung und mit Einleitung und Kommentar versehen vorgelegt und sollen insbesondere die sowjetische Perzeption der Lage in Österreich, die Gestaltung der Besatzungspolitik und die Rolle der Österreicher dabei beleuchten. Das Projekt soll in Kooperation zwischen Historikern und Archivisten in Wien, Stanford und Moskau durchgeführt werden.
Die sowjetische Wahrnehmung der politischen Entwicklung in Österreich 1945-55 war deutlicher ideologisch geprägt, als bisher von der Forschung angenommen. Von den Wahlen 1945, die eine Niederlage für die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) brachten, bis 1953/54 wurden von der sowjetischen Besatzung immer wieder Maßnahmen zur Stärkung "demokratischer Kräfte", vor allem der KPÖ, und zur Diskreditierung und Schwächung der beiden Regierungsparteien ÖVP und SPÖ entwickelt und z.T. umgesetzt. Das Spektrum reichte vom Versuch, die Großparteien zu spalten, bis zur Gründung prokommunistischer Parteibündnisse auf sowjetische Initiative. So ist etwa die Bildung der "Österreichischen Volksopposition" 1952 auf eine Weisung der Politbüros der KPdSU zurückzuführen. Nicht verwirklicht wurde der 1953 vom sowjetischen Hochkommissar an das ZK der KPdSU gerichtete Vorschlag, Vertreter der Regierungsparteien aus der sowjetischen Zone zu verbannen. Die Teilung Österreichs nach deutschem Vorbild, wie sie 1947 von der KPÖ angedacht und der sowjetischen Führung vorgeschlagen worden war, wurde von dieser abgelehnt. Das sind einige der wichtigsten Forschungsergebnisse des Projektes "Russische Quellen zur Sowjetbesatzung in Österreich 1945-55". Sein Ziel bestand darin, russische Originaldokumente ("Quellen") über die sowjetische Politik in Österreich zugänglich zu machen. Inhaltlich sollten dabei die sowjetische Berichterstattung über die politische Entwicklung in Österreich, die politischen Planungen und Maßnahmen der sowjetischen Besatzung und die Rolle österreichischer Kommunisten bei deren Festlegung im Mittelpunkt stehen. Aufgrund dieses inhaltlichen Fokus und aufgrund der besten Zugänglichkeit zu themenspezifischen Dokumenten konzentrierten sich die Arbeiten auf zwei Moskauer Archive (RGASPI, RGANI), welche die Aktenbestände der Führung der KPdSU verwahren. Ergänzend wurden Akten aus weiteren Archiven (AVPRF, GARF) herangezogen. Die zur Publikation ausgewählten Dokumente umfassen Weisungen Stalins, Politbürobeschlüsse, Lageberichte der Besatzung, Besprechungsprotokolle und Briefe der KPÖ-Führung an Stalin. Die 2005 im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften publizierte Edition "Sowjetische Politik in Österreich/Sovetskaja Politika v Avstrii" veröffentlicht 101 Dokumente aus den Jahren 1945-55 in russischer Originalversion und in deutscher Übersetzung. In Vorwort und Einleitung beschreiben die Herausgeber die Archivbestände und Auswahlkriterien und geben eine inhaltliche Einführung in das Thema. In die Sprache der Dokumente und ihre Übersetzung wird gesondert eingeführt. Zur Erschließung und zum besseren Verständnis dienen Dokumentenverzeichnis und Glossar. Der Hauptteil mit den Dokumenten umfasst über 900 Seiten und ist chronologisch gegliedert. Kommentar und Personenregister mit biographischen Angaben liefern Zusatzinformationen über die Überlieferung der Dokumente (wer hat das betreffende Dokument wann an wen abgesendet bzw. empfangen) und über alle in den Dokumenten erwähnten Personen. Der Band ist durchgehend zweisprachig.
- Universität Wien - 100%
- Norman M. Naimark, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika