Patronage- und Klientelsysteme am Wiener Hof
Patronage and Clientele Systems at the Imperial Court of Vienna
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (50%); Rechtswissenschaften (25%)
Keywords
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VIENNESE COURT,
FEMALE ROYAL HOUSEHOLDS,
EARLY MODERN TIME,
PATRONAGE
Forschungsprojekt P 14613Patronage- und Klientelsysteme am Wiener HofGernot HEISS09.10.2000 Der Wiener Hof und sein Klientel- und Patronagesystem ist noch immer ein Desiderat der Forschung. Hier soll das Projekt eine Lücke schließen, indem es den Hofstaat der Habsburger in Wien um die Mitte des 17. Jahrhunderts untersucht. In einem ersten Schritt sollen sollen die Frauen im Hofstaat der Fürstinnen vom Ende der Regierung Ferdinand III. bis zu den Anfängen der Regierungszeit Leopold I. möglichst vollständig erfaßt werden. Ihrer Ränge und Karrieren, ihrer Abstammung und Eheverbindungen, ihrer Bildung und ihrer finanziellen Absicherung, die die Voraussetzung für ihre Aufiiahme waren, sind in einer Datenbank aufzunehmen. Da Klientel und Patronage die zentrale Frage des Projektes sind, soll in einem zweiten Schritt den Beziehungen nach außen und vor allem zu den mantilichen Hofstaaten und den Mitgliedern der Behörden der Habsburger nachgegangen werden; so wird auch der Personalstand und Organisation dieserInstitutionen systematisch erschlossen, da, Patronage- und Klientelbeziehungen selbstverständlich nur im gesamthbfischen Zusammenhang sirinvoll rekonstruiert werden können. Ergänzende sollen Informationen über den Hof hinaus aufgenommen werden. Grundlage dafür ist einerseits die Zusammensetzung des Hofstaate aufgrund der Hofstaatsverzeichnisse, erganzt durch Informationen über die Verbindungen zwischen diesen Personen und ihren Beziehungen nach außen, wozu diese Informationen durch biographische Daten, aus der Auswertung des großen Komplexes der Ebevertrage des Hofstaates, der Familienbriefe, Instruktionen, Tischordnungen, Gästelisten, Gehaltslisten, Rechnungen und der Testamente vertieft werden. Ziel des eingereichten Projekts ist es, die Personengruppe der Adeligen in der nachsten Umgebung der habsburgischen Fürstinnen und Fürsten systematisch zu erfassen, den Beziehungen dieser Personen innerhalb der Gruppe und nach außen nachzugehen, das System und die hierarchischen Strukturen im weiblichen bzw. im männlichen Hofstaat zu erfassen. Es sollen dazu auch Daten über die Herkunft, die soziale Vernetzung und den Bildungshintergrund dieser Personen in prosopographischen Verzeichnissen (als Intemetdatenbank) aufgenommen werden, ebenso zu den Beziehungen zwischen der Fürstin bzw. dem Fürsten und den betreffenden Personen. Dieses Verzeichnis wird auch Informationen über geschlechtsspezifische Charakteristika der Funktionen Lind Beziehungen zwichen den Hofdamen und Höflingen enthalten. Aufgrund des systematisch erhobenen und statistisch auswertbaren Materials wird uns eine differenzierte Darstellung dieses `mittleren `Bereichs des Hofes, des Hofstaats (unter Einbezug der höheren Ratsgremien und Beamtenebene), möglich sein, eine Einschätzung des Umfanges und der Segmentierung des Netzwerkes sowie der Bedeutung von Herkunft, Erzie-hung, Patronagetraditionen.
Das Projekt trägt wesentlich dazu bei, eine bestehende Lücke der historischen Forschung in Bezug auf den Wiener Hof und dessen formale wie informelle Strukturen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu schliessen. In dieser Kernphase der Etablierung des katholisch absolutistischen Hofes der Habsburger in Wien wurden die Grundlagen der politischen, sozialen und mentalen Strukturen der höfischen Gesellschaft im Einflussbereich der habsburgischen Länder für Jahrhunderte gelegt. Im Zentrum der Arbeit standen im besonderen die Klientel- und Patronagesysteme, die Praktiken und Strategien, über die sich der frühneuzeitliche Fürstenstaat konstituierte. Als Quellengrundlage wurden Hofstaatsverzeichnisse herangezogen, ergänzt durch biographische Daten aus genealogischen Werken sowie durch die Auswertung von Eheverträgen des Hofstaates, Familienkorrespondenzen, Botschafterberichten, Instruktionen, Zeremonialschriften, Gehaltslisten, Rechnungen und Testamente. Aufgrund dieses systematisch erhobenen Materials konnte eine differenzierte Darstellung der Kernbereiche des Hofes, der Hofstaate der Familienmitglieder der Habsburger unter Einbeziehung der höheren Ratsgremien und Beamtenebene erfolgen. Auf diese Weise liessen sich die zentralen politischen und sozialen Netzwerke und Beziehungsgeflechte am Hof der Habsburger in groben Zügen rekonstruieren und darstellen. Dies ermöglicht nun eine Einschätzung des Umfangs und der Segmentierung höfischer Netzwerke sowie der Bedeutung von sozialen und politischen Faktoren wie Herkunft, Erziehung, patronageartigen Praktiken, als grundlegende Konstitutionsbedingungen der höfisch- absolutistischen Lebenswelt. Einen Überblick über Ergebnisse und Materialien gibt die Internetseite zum Projekt: http://www.univie.ac.at/Geschichte/wienerhof Einen Schwerpunkt des Projektes stellte die Erfassung der am Hof in Ämtern tätigen Frauen für die Hofstaaten der Fürstinnen im Zeitraum zwischen 1611 und 1657 dar, deren Bedeutung im Rahmen des Gesamtzusammenhanges Hof analysiert wurde. Ränge und Karrieren, Abstammung und Eheverbindungen, Bildung und finanzielle Absicherung wurden für diese knapp 200 Frauen so weit möglich erhoben und in einer Datenbank erfasst. Auf der Basis dieser Daten konnten Herkunft, Eheverbindungen und Karrieren höfischer Amtsträgerinnen gruppenbiographisch beschrieben werden. Außerdem wurde den Amtsobliegenheiten der Frauen, ihrer Stellung innerhalb des höfischen Normensystems sowie ihren Beziehungen nach außen, zu den männlichen Mitgliedern von Hofstaaten und Behörden, nachgegangen. Diese Untersuchung von sozialen und familialen Netzwerken ließ Umrisse von Handlungsspielräumen höfischer Amtsträgerinnen in deratigen Netzwerken deutlich werden. Der Nachweis einer weitgehenden Integration der Aktivitäten von Frauen in adlige familiale Netzwerke am Hof ist ein wichtiges Ergebnis unseres Projektes.
- Universität Wien - 100%
- Beatrix Bastl, Akademie der bildenden Künste Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Cordula Nolte, Universität Bremen - Deutschland
- Heide Wunder, Universität Kassel - Deutschland