Die Sprache des mittelalterlichen Slaventums in Österreich
The Slavic Language in Medieval Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
NAMES,
MIDDLE AGES,
SLAVIC,
LANGUAGE HISTORY,
AUSTRIA,
LANGUAGE CONTACT
Forschungsprojekt P 14569Die Sprache des mittelalterlichen Slaventums in ÖsterreichGeorg HOLZER26.06.2000 Gegenstand des beantragten Projekts ist das von den mittelalterlichen Slaven Österreichs gesprochene und noch im Mittelalter ausgestorbene Slavisch. Zugänglich ist uns diese Sprache hauptsächlich durch urkundlich belegte sowie durch heute noch gebrauchte eingedeutschte Namen: Orts-, Gewässer-, Berg- und Personennamen. Dieses Slavisch soll in seiner Lexik, Wortbildung, Namenbildung und Lautung in seiner historischen Entwicklung und geographischen (dialektalen) Streuung so vollständig wie nur möglich erfasst und dann im Sinne der historisch- vergleichenden Sprachwissenschaft, der Etymologie und der Namenkunde bearbeitet werden. Profitieren kann von den Ergebnissen des Projekts aber auch die Forschung auf den Gebieten der Siedlungsgeschichte Österreichs sowie der Geschichte und Geographie der deutschen Mundarten in Österreich. Ziel der Projektarbeit ist ein vom Antragsteller zu verfassendes Handbuch mit dem (Arbeits-) Titel "Die Sprache des mittelalterlichen Slaventums in Österreich", das sowohl dieses Wissensgebiet auf neue Grundlagen stellen als auch auf dem neuesten Stand in dieses Wissensgebiet einführen. soll. Geplant ist darin eine umfassende wie profunde Darstellung folgender Inhalte: 1) Geschichte der slavischen Besiedlung und Anwesenheit in Österreich sowie des slavisch-deutschen Sprachkontakts mit seinen sozialen und soziolinguistischen Implikationen; besonders eingegangen werden soll dabei auf das Verhältnis der Slaven zu den Avaren, auf die Germanisierung, auf die Slavenmission u. dgl. 2) Aussagen über Slaven in Östeffeich in Chroniken und Annalen sowie in Urkunden mit wörtlichen Zitaten, Quellenverweisen und historischen, philologischen und linguistischen Kommentaren, chronologisch geordnet. 3) Geographie und Geschichte des östeffeichischen Slavisch im Rahmen der historisch- vergleichenden slavischen Sprachwissenschaft und der gemeinslavischen historischen Dialektologie, insbesondere auf den Gebieten der Lautlehre, der Lexik, der Wortbildung und der Namenbildung. 4) Regeln und Prinzipien der Entlehnung slavischen Namengutes in Österreich mit lautgeschichtlichen Anhaltspunkten zur Chronologie dieser Entlehnungen und umfangreichem onomastischen, v. a. urkundlichen Beispielmaterial. 5) Die Frage der dialektologischen Einordnung der (in Österreich entstandenen?) Freisinger Denkmäler und der (am Plattensee entstandenen?) Kiever Blätter und ihrer Beziehung zum Slavischen Österreichs. 6) Umfangreiche Bibliographie.
Im Zuge der großen Expansion des Slaventums wurde auch das heutige Ostösterreich slavisch besiedelt. Daher wurde vom 7. Jh. bis tief ins Mittelalter hinein in Ostösterreich Slavisch gesprochen und erhielten Örtlichkeiten, Gewässer, Berge und Fluren slavische Namen. Ab dem 8. Jh. zogen Baiern aus dem Westen zu, die viele der slavischen Namen in ihren deutschen Dialekt übernahmen, der jedoch das Slavische immer mehr verdrängte, so dass dieses außer im Süden des österreichischen Bundesgebietes letztlich ausstarb. Die Sprache des untergegangenen Slaventums in Österreich ist uns aber durch die eingedeutschten Namen zugänglich und kann an ihnen erforscht werden. Ziel der Projektarbeit war es, solche slavischen Namen zu beschreiben und einer sprachwissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich zu machen. Eines der Ergebnisse des Projekts ist ein von der Projektmitarbeiterin verfasstes Glossar der im Namenmaterial Niederösterreichs und Wiens belegten slavischen Wörter. Dieses Glossar wird als Buch erscheinen und kann auch weiteren namen-kundlichen und sprachwissenschaftlichen Arbeiten als Grundlage dienen. Ein niederösterreichisches Tal wurde vom Projektleiter in Hinblick auf seine slavischen Namen eingehend untersucht und das Ergebnis in seinem Buch "Die Slaven im Erlaftal" veröffentlicht. Diese in manchen Teilen für ganz Ostösterreich paradigmatische Untersuchung hat auch deutlich gemacht, dass die slavischen Dialekte in Ostösterreich Übergangsdialekte zwischen dem Tschechischen und dem Slovenischen waren, die die geographische Lücke zwischen diesen beiden Sprachen ausfüllten. Sie haben sich an Ort und Stelle direkt aus dem Urslavischen entwickelt. Die Ergebnisse der Projektarbeit sind für die historisch-vergleichende slavische Sprachwissenschaft, die Namenkunde und die Erforschung der slavischen Besiedlung in Österreich sowie des slavisch-deutschen Sprachkontakts mit seinen sozialen und soziolinguistischen Implikationen von Bedeutung. Die positive Rezeption des Projekts durch die Öffentlichkeit hat deutlich gemacht, dass namenkundliche Themen mit ihren sowohl "heimatkundlichen" als auch "multikulturellen" Aspekten besonders gut geeignet sind, für eine Philologie wie die Slavistik in der Öffentlichkeit zu werben und Verständnis für deren Existenz und Unterstützung seitens der öffentlichen Hand zu gewinnen.