Begriff und Bedeutung von Arbeit im merkantilistischen und kameralistischen Schrifttum der Habsburgermonarchie und der Niederlande im 17. und 18. Jahrhundert
The Concept of Wort in Mercantilist and Cameralist Writings in the Habsburg Monarchy and the Dutch Republic during the 17th and 18th centuries
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (20%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
-
CONCEPT OF WORK,
GAINFUL EMPLOYMENT,
EARLY MODERN PERIOD,
WORK-BASED-SOCIETY,
MERCANTILISM,
CAMERALISM
Forschungsprojekt P 14500Arbeitsbegriff in Merkantilismus und KameralismusJosef EHMER26.06.2000 Seit etwa zwei Jahrzehnten befindet sich die gesellschaftliche Organisation der Arbeit in einem umfassenden Wandel, dessen soziale, kulturelle und politische Konsequenzen kaum abschätzbar sind. Ausgehend von den aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen ergeben sich für die Geschichtswissenschaften neue Fragestellungen zur Entstehung und Ausbildung der so genannten "Arbeitsgesellschaft" sowie zu den gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu der starken Stellung und Bewertung von Erwerbsarbeit in der heutigen Gesellschaft führten. Ein wesentlicher Punkt ist vor allem darin zu sehen, dass der Begriff der Arbeit auf bezahlte Erwerbsarbeit eingeschränkt wurde. Das Projekt fragt nach Herkunft und Gewordensein gegenwärtiger Auffassungen, Urteile und Strategien, prüft deren Realitätsgrad und versucht Orientierungswissen für die Gegenwart zu sammeln. Die gegenwärtige Debatte bezieht sich beinahe ausschließlich auf Arbeitsverhältnisse der industriellen Gesellschaft. Grundhaltungen der industriellen Gesellschaft, wie Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit und Pünktlichkeit sind allerdings das Ergebnis eines Prägungsprozesses, der weit in die Epoche der Frühen Neuzeit zurückreicht. Gegenwärtige Problemlagen wie Flexibilität und "Unstetigkeit" von Erwerbsarbeit waren in der Frühen Neuzeit prägende und verbreitete Muster. Eine weit in die Frühe Neuzeit zurückreichende Perspektive kann deshalb dazu beitragen, den Blick für die Komplexität des Wandels der "Arbeitsgesellschaft" zu öffnen. Die leitende Fragestellung unserer geplanten Forschungen bezieht sich darauf, in welchen gesellschaftlichen Kontexten, zu welchen Zeiten und an welchen, "Orten" die Einengungen des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit entstanden sind und wie ihre Entwicklung verlaufen ist. Als Quelle der Analyse dienen die Schriften der Kameralisten in der Habsburgermonarchie und der Merkantilisten in den Niederlanden im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Schriften werden im jeweiligen intellektuellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umfeld analysiert. Durch die Methode des historischen Vergleichs sind im vorliegenden Fall neue Erkenntnisse über unterschiedliche Ansichten und Deutungsmuster über die Thematik ,,Arbeit" zu erwarten.
Grundhaltungen der industriellen Gesellschaft wie Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit und Pünktlichkeit sind das Ergebnis eines gesellschaftlichen Formationsprozesses, der auf die Frühe Neuzeit zurückgeht. Während des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Erwerbsarbeit, Arbeitsproduktivität und die Arbeitsethik in steigendem Maße positiv bewertet. Aktuelle Probleme wie die Flexibilität und die "Unstetigkeit" von Erwerbsarbeit waren ein zentrales und weit verbreitetes Charakteristikum der Frühen Neuzeit. Das Ziel des Projekts war es, die intellektuelle bzw. diskursive Herkunft und Entwicklung der "Arbeitsgesellschaft" zu erforschen. Der Fokus unseres Interesses lag dabei auf den Diskursen über Arbeit während der Epoche des Kameralismus bzw. Merkantilismus. Dabei wurden zwei in höchstem Maße unterschiedliche wirtschaftliche und staatliche Strukturen - die niederländische Republik und die Habsburgermonarchie - untersucht. Die Republik der Vereinigten Niederlande war eines der Zentren des frühmodernen Kapitalismus. Große Teile des Welthandels lagen in den Händen niederländischer Kaufleute und Handelskompanien. Zugleich betrachteten Wirtschaftshistoriker und Zeitgenossen die Habsburgermonarchie als eines der ökonomisch weniger erfolgreichen und reformbedürftigen Imperien jener Zeit. Innerhalb dieser höchst unterschiedlichen Kontexte zeigt auch die Bedeutung und Bewertung von Arbeit im kameralistischen und merkantilistischen Denken große Unterschiede. Eines der wesentlichen Ergebnisse des Projekts kann als paradox bezeichnet werden: Obgleich die Wirtschaft der Niederlande durch eine große Nachfrage nach Arbeitskraft geprägt war, spielten Überlegungen über Arbeit und ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft praktisch keine Rolle. Das Grundthema im niederländischen Merkantilismus war der Handel, seine Bedeutung für die niederländische Ökonomie und Gesellschaft und die Frage, wie die führende Rolle des Landes in der Weltwirtschaft gesichert werden konnte. Die Texte wurden durch und für Teile der ökonomischen Elite der Republik - Händler und Unternehmer - geschrieben. Die Bedeutungen und Bewertungen von Arbeit in diesen Texten waren demnach Teil eines ökonomischen Diskurses und konzentrierten sich auf Aktivitäten, die als nützlich für die führenden Sektoren der Wirtschaft betrachtet wurden. Im Gegensatz zum niederländischen Kontext waren die kameralistischen Texte Teil eines Diskurses, der um die Frage der Ordnung der Gesellschaft zum Wohle des Staates kreiste. Arbeit wurde als wesentliches Werkzeug zur Erreichung dieses Ziels betrachtet und war demnach weniger Teil eines ökonomischen als vielmehr eines politischen und moralischen Diskurses. Der normative Zugang der Kameralisten und die Maßnahmen, die sie empfahlen, konzentrierten sich auf die unteren Schichten der Gesellschaft, und sie entwickelten Konzepte, in denen Arbeit als moralische Pflicht betrachtet wurde. Teil dieser Bedeutung und Bewertung war eine klare Trennung von Arbeitssphären, der Kampf gegen den Müßiggang und die Frage, wie Arbeitskraft durch die "Peuplierung" des Landes bzw. dadurch, daß Menschen, die vorgeblich "unproduktiven" Tätigkeiten nachgingen an "produktive" Arbeit "gesetzt" wurden, genutzt werden konnte. Der Vergleich merkantilistischer und kameralistischer Texte hat die komplexen Beziehungen zwischen zeitgenössischen sozialen und ökonomischen Realitäten und die Bedeutungen und Bewertungen von Arbeit durch Kameralisten und Merkantilisten offen gelegt. Das Projekt zeigte darüber hinaus, daß es keinen "Königsweg" zur modernen "Arbeitsgesellschaft", zumindest auf Ebene des ökonomischen Diskurses gab. Zugleich zeigt die kameralistische als auch die merkantilistische Tradition, daß Konzeptionen von Arbeit zentral nicht nur für das Verständnis von Industriegesellschaften sind.
- Universität Salzburg - 100%
- Klaus Tenfelde, Universität Stuttgart - Deutschland
Research Output
- 21 Zitationen
- 1 Publikationen
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2015
Titel Genetic alterations in glucocorticoid signaling pathway components are associated with adverse prognosis in children with relapsed ETV6/RUNX1-positive acute lymphoblastic leukemia DOI 10.3109/10428194.2015.1088650 Typ Journal Article Autor Grausenburger R Journal Leukemia & Lymphoma Seiten 1163-1173